Waldeck-Frankenberg

„Das wird aber kein Nachruf?“

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- Waldeck-Frankenberg (lb). Ein politisches Urgestein verlässt die Kreisspitze: Otto Wilke hat am Montag seinen letzten Arbeitstag als ehrenamtlicher Kreisbeigeordneter.

Theodor Heuss, der ihm von der Wand aus väterlich über die Schulter schaut, wird er sorgfältig einpacken und zu Hause in Adorf im Arbeitszimmer wieder aufhängen. „Ich glaube nicht, dass derjenige, der demnächst hier sitzen wird, so einen Bezug zu ihm haben wird, wie ich“, sagt Otto Wilke. Seit 1976 begleitet ihn das gezeichnete Portrait des ersten Bundespräsidenten und FDP-Mitbegründers. Er bekam es, als er den Fraktionsvorsitz der Liberalen im hessischen Landtag übernahm. Mit im Gepäck ist auch Moritz von Nassau als kleine bronzene Reiterfigur, die ihm sein enger Weggefährte Heinz-Herbert Karry, der 1981 ermordete hessische Wirtschaftsminister, schenkte. Auch sie gehört zu den Erinnerungsstücken an ein bewegtes politisches Leben.

„Das wird jetzt aber kein Nachruf, oder?“, fragt Wilke mit gespielter Besorgnis. Was er damit sagen will: Die Hände in den Schoss legen, das kommt für ihn auch nach dem 2. Mai nicht in Frage. „Ich weiß auch gar nicht, ob ich das meiner Familie zumuten kann“, schmunzelt er. Ein Vierteljahr abschalten, innehalten und Bilanz ziehen – und dann entscheiden, wie es weitergeht. So sieht Wilkes Fahrplan ab Montag aus. Bis dahin wolle er aber FDP-intern rührig bleiben. „Es wird nicht ganz langweilig werden“, verspricht er. Dass er mit der Parteispitze in Berlin alles andere als zufrieden ist, das ist kein Geheimnis: „die haben die Bodenhaftung verloren“, sagt Wilke. 2010 gründet er mit Dietrich von Gumppenberg die Initiative „Wir sind die Partei!“ und übt offene Kritik am Vorsitzenden Guido Westerwelle. Dessen Rücktritt als FDP-Parteichef reiche aber für einer Erneuerung noch nicht aus, sagt der Waldecker Liberale.

Als Otto Wilke Anfang der 50er Jahre begann, sich für Politik zu interessieren, ging es noch ums Grundsätzliche: Die Auseinandersetzungen zwischen der FDP und Bundeskanzler Adenauer um die Deutschland- und Europapolitik beschäftigen ihn sehr. Es ging vor allem um die Frage: Wird die junge Bundesrepublik konservativ verfestigt oder öffnet sich die Gesellschaft in vielen Bereichen. Für Wilke hatte nur eine Partei die richtige Antwort: 1956 trat er in die FDP ein, der Beginn einer politischen Karriere.

Am Montag soll sie nach 55 Jahren nun enden, zumindest in ihrem aktiven Teil in politischen Ämtern. Zufrieden blicke er zurück, sagt der Liberale. „Es war nicht nur Pflicht, es hat auch Freude gemacht.“

Mehr lesen Sie in der WLZ-FZ vom Freitag, 29. April

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