WLZ-FZ-Serie 20 Jahre Mauerfall

„DDR immer als Knast empfunden“

- Der Mauerfall „musste einfach kommen“, blickt Hanne-Lore Kösterke zurück. 1954 war sie aus der DDR geflohen. Am 9. November 1989 schweiften ihre Gedanken aber auch zurück in die Heimat Ostpreußen.

Korbach-Nordenbeck. „Ich wollte gerne Medizin studieren“, denkt Hanne-Lore Kösterke (75) an ihre Jugendzeit zurück. Doch damals in der DDR war das für sie einfach unerreichbar: Ihr Vater war Ingenieur, und das Studium gab’s nur für Arbeiter- und Bauernkinder.Zudem hatte sie als 17-Jährige offenbar etwas Unerhörtes gewagt: Im Treptower Park in Berlin malte sie dem Genossen Erich Honecker – damals noch Anführer der „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) – auf einem Plakat „den Hintern an“, erzählt Hanne-Lore Kösterke.

Damals, 1951, wohnte sie in Utzberg, nahe Erfurt, in Thüringen. Die intelligente junge Frau, mit Mädchennamen Hanne-Lore Riech, machte statt Studium eine Lehre als Industriekauffrau in einem Verlag. Doch der ganze DDR-Apparat „ging mir gehörig auf die Nerven“, schildert Kösterke: „Also bin ich abgehauen.“ Sie setzte sich 1954 in Erfurt in den Zug nach Hamburg. Den Behörden hatte sie erzählt, sie wolle zu einer Hochzeit bei Verwandten – doch das war eine (Not-)Lüge. In Hamburg marschierte sie schnurstracks ins Rathaus – und es setzte sich das abenteuerliche Leben fort, das sie schon seit Kriegsende 1945 begleitete.Aufgewachsen in Neidenburg bei Pillau, floh die Familie im Januar 1945 vor den Russen in Ostpreußen. Vater Willy Riech war Soldat, die Mutter und ihre vier Kinder setzten sich in einem Lazarettschiff über die Ostsee ab nach Swinemünde. Hanne-Lore war damals elf Jahre alt. Über Dresden ging die Odyssee weiter ins sächsische Vogtland nach Marktneukirchen. „Dann haben die Russen alle zusammengeschaufelt“ – und die Familie landete schließlich in Thüringen.

„Ein Dach überm Kopf“

1954, im Westen, wurde sie von Westertimke aus zunächst an den Niederrhein vermittelt und kam auf einen Bauernhof bei Krefeld. „Ich habe mir immer gedacht: Erst mal ein Dach überm Kopf und was zu essen.“ Etwa ein Jahr blieb sie dort, dann ging es weiter nach Dortmund, wo Hanne-Lore Riech im Gasthaus „Zur Alten Post“ arbeitete – als „Mädchen für alles“. Damals kam sie schon einmal kurz ins Waldecker Land, weil die Gastwirtsfamilie bei Sachsenhausen eine Jagdpacht hatte.Bremerhaven wurde die nächste Station ihres Lebens, weil auch die Eltern in den 50er-Jahren aus der DDR in den Westen kamen. 1960 schließlich traf sie dort Heinz Otto Kösterke wieder, dem sie 1954 schon einmal begegnet war.

Der ausgebildete Landwirt stammte aus Bromberg in Westpreußen, kam 1948 „raus aus Polen“. Kösterkes Mutter war von den russischen Truppen an den Ural verschleppt worden. Der Rest der Familie landete zunächst in Wittenberge, wo eine Tante wohnte. Die sechs Kinder wurden schließlich in alle Himmelsrichtungen verteilt.

Kösterke arbeitete später in der Landwirtschaft auf einer LPG. „Ich hatte damals zwei Russenpferde“, erinnert sich Kösterke wie heute: „Die sollten weg, gegen zwei andere Pferde getauscht werden. Ich habe gesagt, die Pferde bleiben, sonst bin ich auch weg.“Die besonders wendigen Pferde, die Kösterke ans Herz gewachsen waren, kamen weg. Zusammen mit anderen jungen Leuten machte Kösterke sich 1953 also auf zu einer Tour nach Berlin – „und plötzlich waren wir im Westen“.

Ihr Lebensweg war ähnlich, und als 1964 in Bremerhaven schließlich ein Kind unterwegs war, heirateten sie. Kösterke sah sich derweil nach einem neuen Job um. So kamen Hanne-Lore und Heinz Otto Kösterke schließlich in Nordenbeck an, wo Kösterke viele Jahre auf dem Hof Canisius arbeitete.

Der durch Krieg und deutsche Teilung geprägte Lebensweg der beiden birgt noch viele spannende Episoden. Eine davon folgte 1989, als sich die Grenze zwischen Deutschland West und Ost öffnete. „Der Mauerbau damals in Berlin, das war eine große Schweinerei, und der Draht wurde auch noch aus dem Westen geliefert“, sagt Hanne-Lore Kösterke hellwach.

Sie hatte die DDR immer „als Knast“ empfunden, und er „als eine Durchreise“. Der Mauerfall war „prima und musste einfach kommen“, sagen beide unisono. Doch zu allererst musste Hanne-Lore Kösterke damals, im November 1989, wieder an ihre alte Heimat in Ostpreußen denken.

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