Schauspieler spricht ber Theaterspielen vor Kindern und ungelesene Büche

„Die Blechtrommel war ein Glücksfall“

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- Er war in mehr als 200 Rollen auf Theaterbühnen und in Filmen zu sehen, spielte Romanfiguren und Helden von Shakespeare: Mario Adorf ist seit fast?60 Jahren international als Schauspieler tätig. Im Interview mit WLZ-FZ-Redakteurin Andrea Pauly spricht er über Bücher, Filme und Nordhessen.

Herr Adorf, was halten Sie von Nordhessen? Ich habe in meinem Leben viel gesehen und ich war in vielen Ländern. Und je älter ich werde, desto mehr weiß ich Deutschland zu schätzen. Ich habe lange in Italien gelebt und liebe Italien, aber ich stamme aus der Eifel. Das ist meine Heimat. Das ist eine ganz ähnliche Landschaft wie hier in Nordhessen, deshalb ist es ein sehr heimatliches Gefühl, wenn ich in so eine Gegend komme. Es ist eine sehr reizvolle Landschaft, fast reizvoller als die Eifel. Ich habe das sehr genossen, als ich hierher gefahren bin.

Hat Sie eine Teilnahme am „Literarischen Frühling“ sofort interessiert? Ich glaube nicht, das ich mich geziert habe (schmunzelt). Gerade in Verbindung mit Günter Grass ist das eine sehr reizvolle Sache. Ich bedaure schon ein wenig, dass er abgesagt hat, aber ich denke, dass das Gespräch mit seiner Tochter auch interessant wird. Und ich sehe ihn wahrscheinlich im Herbst bei einer Lesung.

Wie gut kennen Sie Herrn Grass? Wir kennen uns ganz gut, seit der Verfilmung von „Die Blechtrommel“ sind wir uns immer wieder begegnet, mal auf dem Bahnhof in Hannover, dann bei einer Lesung im Grass-Haus in Lübeck.

Sie haben immer wieder für Kinder und Jugendliche auf der Bühne und vor der Kamera gestanden: In „Momo“, „Fanta-ghiró“ oder „Pinocchio“... Pinocchio wird es wieder geben, aber diesmal spiele ich nicht den Zirkusdirektor, sondern Gepetto! Ja, da gab es viele Filme, zum Beispiel „Die rote Zora“ und die Weihnachtsgeschichte „Es ist ein Elch entsprungen“. Und ich habe Hörbücher für Kinder gelesen. Das hat schon Tradition bei mir. Schon in meinem erstem Jahr auf der Schauspielschule in München spielte ich in „Zwerg Nase“ den Küchenmeister. Meine erste größere Rolle war bei den Kammerspielen der Maikäfer Sumsemann in „Peterchens Mondfahrt“. Ich habe immer gerne für Kinder gespielt. Es ist unglaublich, wie sie reagieren. Das waren immer schöne Erlebnisse.

Sind Kinder ein dankbareres Publikum als Erwachsene? Auf jeden Fall. Sie sind spontan, und man hat nie das Gefühl, dass dort unten jemand sitzt, der kritisch oder unzufrieden ist. Kinder nehmen alles auf, was sie sehen. Man kann nicht mogeln, muss achtgeben und darf nichts falsch machen.

„Böse kann ich auch“ - so heißt eine Ausstellung über Ihr Lebenswerk. Wie gern sind Sie auf der Bühne böse? Der Böse ist immer die reizvollere Figur. Man spielt gerne den Jago, und Hamlet ist auch ein Mörder. Dass ich oft die Bösen spiele, hat mich nie gestört. Es wurde mir nachgesagt, ich litte darunter, das stimmt aber so nicht. Ich habe mich immer gefragt: Woher kommt das Böse? Ich glaube, niemand kommt böse auf die Welt. Bei diesen Rollen, zum Beispiel in „Via Mala“, habe ich immer versucht zu schauen, wo das Menschliche liegt. Das Böse ist nicht unmenschlich. Es ist nur viel bequemer, es als unmenschlich auszugrenzen. Aber das Böse ist auch in uns, wir alle haben es.

In den Märchen der Gebrüder Grimm spielte das Böse immer auch eine wichtige Rolle. War das zu viel des Bösen? Die Märchen der Brüder Grimm waren oft sehr grausam: Da wurden Köpfe abgeschlagen und Menschen gevierteilt. Das scheint einfach dazuzugehören. Ich weiß nicht, ob man Märchen zu böse finden kann. Es sind Bilder des Bösen, aber nicht so realistisch wie das Blut und die Grausamkeiten, die man zum Beispiel im Fernsehen sieht. Als ich selbst ein Märchen geschrieben habe, habe ich gesehen: Das ist viel schwerer. Sie müssen eine Naivität haben, dürfen nicht kalkuliert konstruiert sein, sie müssen diesen bestimmten Ton finden. Ich weiß nicht, ob mir das gelingt.

Sie haben nicht nur ein Märchen geschrieben, sondern bereits mehrere Bücher veröffentlicht. Wie kam es dazu, dass Sie mit dem Schreiben begannen ?Ich drehte damals gerade für „Der große Bellheim“ und begegnete meinem späteren Verleger Helge Malchow. Eigentlich hat alles mit der 700-Jahr-Feier in meiner Heimatstadt Mayen angefangen, wo ich einen Auftritt hatte. Ich habe mir überlegt: Was wollen sie von mir, was wollen sie hören? Also wollte ich etwas über meine Kindheit und Jugend und meine Verbindung zur Stadt erzählen. Ich dachte erst an einen Auftritt, das kam mir dann ein bisschen gewagt vor. Ich habe es also aufgeschrieben und eine Lesung gemacht. Dann kam Helge Malchow zu mir und sagte: „Das wird ein Buch“. Ich war kein Schriftsteller und dachte nie, dass ich das kann. Ich habe immer gerne geschrieben, aber ich sehe es nicht als Konkurrenz zu meinem eigentlichen Beruf. Trotzdem kamen immer weitere hinzu. Meine Biografie ist eigentlich nur eine Sammlung von Anekdoten und Episoden. Ich hatte nicht den Atem und die Zeit für einen Roman.

Welches ist Ihr Lieblingsmärchen? Es gibt so viele schöne Märchen. Für mich ist das schönste „Hans im Glück“, weil die Idee, dass durch das Abnehmen des Besitzes das Glück zunimmt, darin so eine wichtige Rolle spielt, weil Hans so naiv ist und mit großen Schätzen nichts anzufangen weiß. Das ist eine schöne Idee, wenn man ihr auch selten folgt.

Was ist der Unterschied einer Romanadaption zu einem Drehbuch ohne Vorlage? Einen Roman zu verfilmen ist viel schwieriger und misslingt auch oft. „Die Blechtrommel“ zum Beispiel war ein Glücksfall. Manche Bearbeitungen glücken, dann haben sie aber nicht mehr viel mit Literatur zu tun. Ein Buch geht immer von Sprache aus, ein Film von Bildern. Viele Regisseure haben nicht genug Phantasie für die Bilder.

Gibt es ein Buch, das Sie durch Ihr Leben begleitet? (überlegt) Nein, das kann ich nicht sagen. Meine Literatur-Vorlieben haben immer gewechselt. Es gab zum Beispiel eine Thomas-Mann-Zeit, und auch danach immer einen Schriftsteller, eine bestimmte Zeit oder Thematik. Aber es gibt ungelesene Bücher, die mich schon lange begleiten, „Der Mann ohne Eigenschaften“, oder „Ulysses“, die ich immer mal lesen wollte, bei denen ich aber nie über die Anfangsphase hinausgekommen bin und die immer noch darauf warten, gelesen zu werden.

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