Patienten sind verunsichert

Ärger um Kreuzimpfung: Ärzte in Waldeck-Frankenberg kritisieren Stiko-Empfehlung

Eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff Astrazeneca wird aufgezogen: Wer dieses Vakzin beim ersten Mal erhalten hat, dem empfiehlt die Ständige Impfkommission beim zweiten Mal eine Impfung mit Biontech oder Moderna. Diese Empfehlung wird von Ärzten und der Kassenärztlichen Vereinigung kritisch gesehen.
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Eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff Astrazeneca wird aufgezogen: Wer dieses Vakzin beim ersten Mal erhalten hat, dem empfiehlt die Ständige Impfkommission beim zweiten Mal eine Impfung mit Biontech oder Moderna. Diese Empfehlung wird von Ärzten und der Kassenärztlichen Vereinigung kritisch gesehen.

Erst Astrazeneca, danach Biontech oder Moderna: Die neue Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) für eine Kreuzimpfung gegen das Coronavirus hat für Verunsicherung bei Patienten und Ärger bei Ärzten in Waldeck-Frankenberg gesorgt.

Wie berichtet, hatte die Stiko letzte Woche bundesweit die Empfehlung für Impfungen mit Astrazeneca geändert: Personen, die ihre erste Impfung damit erhalten haben, sollen bei der zweiten Impfung Biontech oder Moderna erhalten. Diese Kreuzimpfung biete einen noch besseren Schutz, gerade auch mit Blick auf die Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus’.

„Die Stiko ist mit der Empfehlung in Europa allein. Bisher wird dies in keinem anderen Land empfohlen“, sagt Karl Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen. Wenn nun alle Personen, die bei ihrer Erstimpfung Astrazeneca erhalten haben, eine Impfung mit dem mRNA-Impfstoff Biontech oder Moderna fordern würden, gehe dies logistisch gar nicht – die Praxen hätten dies in ihren Bestellungen schließlich nicht berücksichtigt. Roth: „Wir erhalten dazu viele Anfragen von Ärzten. Es ist davon auszugehen, dass wir wieder in eine Knappheit bei mRNA-Impfstoffen hineinlaufen. Wie die Praxen mit der Situation jetzt umgehen und wie sie ihre Patienten informieren und aufklären, hänge auch von der Verfügbarkeit des Impfstoffs ab.

„Wir haben als KV immer gesagt, dass es die abgeschlossene Impfung ist, die verlässlich schützt. Wir begrüßen daher auch die Verkürzung der Impfintervalle. Leider ist die neue Empfehlung aber ein weiteres Beispiel eines chaotischen Managements auf Regierungsebene“, so Roth. Er geht davon aus, dass künftig viel Impfstoff von Astrazeneca ungenutzt entsorgt werde.

Diese Sorge teilt auch Dr. Dirk Bender aus Willingen, der seine Patienten vorwiegend mit Astrazeneca impft. „Am Samstag haben in unserer Praxis immerhin 65 von 70 Personen ihre zweite Impfung ebenfalls mit Astrazeneca haben wollen – egal was die Stiko oder Herr Spahn sagen. Allerdings haben wir am Ende des Tages, da alle unsere Wartelisten leer sind, auch erstmals seit Impfbeginn fünf Dosen Astrazeneca wegwerfen müssen. Da blutet einem das Herz“, sagt der Hausarzt. Er geht davon aus, dass dies auch in vielen anderen Praxen in den nächsten Wochen der Fall sein werde. „In der zweiten und dritten Welt mangelt es an Impfstoff und wir werfen Millionen Dosen in den Müll – ohne jede Not“, kritisiert Dr. Bender, der in Waldeck auch Bezirksvorsitzender des Hausärzteverbandes ist.

Dr. Dirk Bender, Hausarzt in Willingen und Bezirksvorsitzender des Hausärzteverbandes/Bezirk Waldeck

Kritik an der Stiko-Empfehlung kommt auch vom Korbacher Hauarzt Dr. Peter Koswig. „Die neue Leitlinie hat zu erheblicher organisatorischer Mehrarbeit geführt. Dass diese am Donnerstag von der Bundesregierung mit Sofortwirkung mitgeteilt wurde, während unsere Impfstoffbestellungen für die nächste Woche schon zu Wochenbeginn hatten erfolgen müssen, machte die Sache noch schwieriger.“

„Die Datenlage ist äußerst dürftig“

Ist überhaupt ausreichend Impfstoff von Biontech und Moderna in den Arztpraxen vorhanden, wenn sich jetzt viele Astrazeneca-Erstimpflinge für eine Zweitimpfung mit einem dieser mRNA-Impfstoffe entscheiden? Die Kassenärztliche Vereinigung erwartet jedenfalls - wie beschrieben - in den kommenden Wochen einen Engpass bei den Vakzinen von Biontech und Moderna, sollte die von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlene Kreuzimpfung stark in Anspruch genommen werden.

In der Praxis des Willinger Hausarztes Dr. Dirk Bender ist im Moment zumindest ausreichend Corona-Impfstoff vorhanden – trotzdem lässt der Allgemeinmediziner kein gutes Haar an der Stiko-Empfehlung. „Die exakte Datenlage für diese Entscheidung ist äußerst dürftig. Der einzig positive Aspekt ist, dass es zumindest ab nächster Woche wohl deutlich mehr Biontech für Erst- und Zweitimpfungen gibt.“ Astrazeneca sei sowieso im Überfluss in den meisten Arztpraxen vorhanden. „Das wird durch die neue Stiko-Empfehlung jetzt aber wohl zum Kühlschrankwächter“, sagt Dr. Bender.

Auch Dr. Peter Koswig aus Korbach zeigt sich mit Blick auf die derzeitige Situation bei den Impfstofflieferungen zufrieden. „Die Lieferungen sind seit zwei Wochen endlich gut. Insgesamt kommen wir zügig voran. Wir können alle Zweitimpfungen sowie einige Erstimpfungen durchführen“, sagt der Allgemeinmediziner.

Allerdings merkt er auch an, dass „die Arztpraxen bundesweit ziemlich sauer darüber sind, dass sie erst in den Medien von der neuen Stiko-Empfehlung erfahren haben und nicht schon viel früher informiert wurden“.

Dr. Peter Koswig ist außerdem „erstaunt darüber, dass sich viele noch nicht impfen lassen oder lieber noch warten möchten“. „Ich frage dann oft, worauf denn? Dass Sie sich doch noch anstecken und schwer erkranken?“, sagt der Arzt. Diesen Bevölkerungsanteil habe er nicht so groß eingeschätzt und sei daher auch verwundert. Eine Vermutung, warum das so ist, liefert Dr. Koswig gleich mit: „Das liegt sicher auch an der unzulänglichen Informationspolitik. Das Hin und Her um Astrazeneca ist nur ein Beispiel.“

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