Adorf

„Dieses Land hatte keine Visionen mehr“

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- Diemelsee-Adorf (rsm). Professor Dr. Mohamed Ibrahim fiebert in Adorf mit, wohin die Revolutionäre sein Heimatland Ägypten steuern.

Adorf statt Kairo: Professor Dr. Mohamed Ibrahim (43) sitzt in seinem Wohnzimmer auf einem Sessel und strahlt viel Ruhe und Gelassenheit aus, er redet sich nicht einmal in eine aufgeregte Stimmung bei dem Gespräch über die Revolution in seinem Heimatland Ägypten.

Wenn man jetzt allerdings in diesen Mann hineinschauen und die Selbstbeherrschung beiseite schieben könnte, dann käme vermutlich auch eine andere Seite zum Vorschein. Denn innerlich brodelt es schon noch in Ibrahim, seine Gefühlswelt ist mächtig in Wallung geraten, seit seine Landsleute vor rund drei Wochen erstmals zu Tausenden auf die Straße gingen, um das Regime Mubarak zu stürzen.

Tränen der Freude und der Trauer sind bei Ibrahim und seiner Familie geflossen, das Nervenkostüm war tagelang angespannt und die Zeit des „Mauerfalls im Orient“ ist einfach zu kostbar, um sie mit viel Schlaf zu vergeuden. Da waren anfangs die Ängste um seine Eltern, Verwandte und Freunde in Kairo und dann die Jubelarien über den Rücktritt von Mubarak, die er mit ihnen durch den Hörer gefeiert hat. Stundenlang habe er in den vergangenen Wochen telefoniert. Das wird eine saftige Telefonrechnung, aber das Geld zahlt er gern. Das ist er der Revolution schuldig.

Warum sitzt er hier in Adorf oder in Heilbronn, wo er unter der Woche an der Universität arbeitet, und fliegt nicht einfach nach Kairo? „Ich bereue, dass 
ich gerade nicht da sein kann. Das bereue ich sogar stark. Aber ich habe hier meine Arbeit, ich bin Leiter des Studienganges Energiemanagement, es ist gerade Klausurenzeit und da kann ich nicht einfach gehen“, sagt der 43-Jährige, der mit seiner deutschen Frau Katja Ringewaldt (37) und den gemeinsamen vier Kindern in Adorf lebt.

Dennoch ist Ibrahim zurzeit geistig sehr oft in Ägypten: „Ich war zwar körperlich weit weg, aber ich habe den ganzen Prozess mit meiner Familie per Telefon, Fernseher oder Internet miterlebt und ich konnte durch ihre Worte auch mitfühlen, was sie da gerade Großes erleben. Ich stand manchmal vor dem Fernseher und habe die Sprüche der Menge mitgerufen“, sagt Ibrahim und muss dabei selbst über sich lachen.

Ende Februar ist das Semester zu Ende, dann will er für zwei Wochen nach Ägypten reisen. Wenn alles nach der Lebensplanung des Ehepaares gegangen wäre, würde die Familie jetzt auch in Kairo wohnen – und er wäre Professor an der dortigen deutschen Universität. Nach seinem Studium und der Promotion an der Universität Kassel, wo er seine Frau kennengelernt hat, wollte Ibrahim eigentlich sein Wissen und Können für den Fortschritt in Ägypten einsetzen. So brach die Familie 2006 alle Zelte in Deutschland ab, aber sie wurde enttäuscht. „Dieses Land hatte keine Visionen mehr“, sagt Ibrahim. Sie seien auf eine von Korruption durchtränkte Gesellschaft getroffen. Der Straßenverkehr in Kairo ähnelte den Gedanken der Menschen: Chaos, keine Regeln. Wer gute Beziehungen zu dem System (Justiz, Politik, Polizei oder Militär) hatte, für den galten auch andere Gesetze.

Mehr lesen Sie in der WLZ-FZ vom Samstag, 19. Februar.

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