Nach Sex-Vorwürfen gegen den 75-Jährigen

Dieter Wedel tritt als Intendant der Hersfelder Festspiele zurück

Bad Hersfelder Festspiele 2017: Hier sieht man Dieter Wedel bei der Uraufführung des Stücks "Martin Luther - Der Anschlag".

Bad Hersfeld. Dieter Wedel ist offiziell aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele zurückgetreten. 

Das geht aus einer Pressemitteilung der Bad Hersfelder Festspiele hervor. 

Wir dokumentieren die Pressemitteilung und eine persönliche Stellungnahme Wedels im Wortlaut: "Sehr geehrte Damen und Herren, leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass unser Intendant, Dr. Dieter Wedel seine Aufgaben für die Bad Hersfelder Festspiele nicht weiter wahrnehmen kann. Er hat deshalb dem Magistrat der Kreisstadt angeboten, seine Position als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele mit sofortiger Wirkung niederzulegen. Derzeit befindet sich Dieter Wedel in einem Krankenhaus. Nach den Ereignissen der letzten zwei Wochen ist er gesundheitlich angeschlagen. Dieter Wedel hat Bürgermeister Thomas Fehling gebeten, dem Magistrat vorzuschlagen, die Aufgaben des Intendanten an seinen bisherigen Stellvertreter Joern Hinkel kommissarisch zu übertragen, bis ein neuer Intendant gefunden ist. Anbei finden Sie die Stellungnahme von Dr. Dieter Wedel."

Stellungnahme von Dieter Wedel 

"Seit mehr als zwei Wochen sehe ich mich einer nicht enden wollenden Flut schwerster, öffentlich in den Medien erhobener Anschuldigen und Vorwürfen ausgesetzt. Der Umfang und die Art und Weise dieser Beschuldigungen haben mich zutiefst verstört und erschüttert. – Und auch die Tatsache, dass es nicht aufhört. Die Vorwürfe liegen teilweise über 20 Jahre und mehr zurück, für mich wichtige Zeugen, die zu meiner Entlastung beitragen könnten, sind tot. 

Wer die Verjährung abwartet, dem muss doch klar sein, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit vieles im Ungefähren bleibt und erhebliche Erinnerungslücken nicht auszuschließen sind. Als außenstehender Zeitungsleser würde ich angesichts der schweren Vorwürfe auch an meiner Person zweifeln. Die Tatsache, dass die Anschuldigungen sich so sehr ähneln, scheint für ihren Wahrheitsgehalt zu sprechen. Aber diese Ähnlichkeiten müssen sich aufdrängen, wenn die Befragten vorher über die Anschuldigungen gegen mich informiert und auch entsprechend befragt werden. Das Thema „Machtmissbrauch“ halte ich für überaus relevant und habe begrüßt, dass es in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Ich habe mir aber niemals vorstellen können, dass die Debatte auch irgendwann mich einmal betreffen könnte. Ich verabscheue jede Form von Gewalt, gegen Frauen ebenso wie gegen Männer. Stets habe ich versucht, die Leistung von Schauspielern zu verbessern, denn es ist meine Überzeugung, dass das auch in ihrem Interesse ist. Viele sind mir dafür dankbar und haben mir das auch jetzt noch bestätigt. Andere habe ich offenbar zu sehr strapaziert oder gar seelisch verletzt, was mir sehr leid tut. 

Ich höre von Menschen, denen fünfstellige Beträge für Aussagen gegen mich angeboten wurden. Sie haben den Eindruck, dass mit enormem Aufwand Recherchen durchgeführt werden, deren Ergebnis aber von vornherein feststeht, denn als sie sich positiv über mich geäußert haben, wurden sie nicht zitiert. Andere vermeintliche Zeuginnen haben in den letzten Tagen versucht, mich zu erpressen. Wenn ich ihnen nicht eine noch höhere Summe anböte als Verlage oder Zeitungen, von denen sie angesprochen wurden, würden sie mich sofort – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – belasten. Wieder andere berichten mir, wie ihnen von den recherchierenden Journalisten Sätze in den Mund gelegt wurden, die sie so nicht erklärt und gemeint haben. In diesem Klima der Vorverurteilung, der sogenannten „Verdachtsberichterstattung“, die auf keine erwiesenen Fakten gestützt sein muss, kann ich den Kampf um meine Reputation nicht gewinnen – weder mit juristischen Mitteln noch mit medialen Stellungnahmen. Es gibt belastende Hinweise, die die Glaubwürdigkeit  vermeintlicher Zeugen erschüttern.

Es haben sich bei mir und meinem Anwalt Menschen gemeldet, die dafür einstehen wollen, um dem Gemisch aus Gerüchten, Unterstellungen, Vermutungen und Anschuldigungen Substanzielles entgegenzusetzen. Doch was bringt es am Ende? Außer vielleicht der Erkenntnis, dass inzwischen auch nach Eintritt der Verjährung allein schon der Verdacht genügt, um jedermann zu jedem beliebigen Zeitpunkt an den medialen Pranger zu stellen. Der Umfang, die Art und Weise der Darstellung, die Anfeindungen haben für mich in meinem 76sten Lebensjahr ein für meine Gesundheit und natürlich auch für meine Familie erträgliches Maß weit überschritten. Deswegen werde ich mich von jetzt an nicht mehr öffentlich äußern. Ich bitte darum, dies zu respektieren und künftig von Rückfragen bei mir und in meinem privaten Umfeld abzusehen. Da ich die Bad Hersfelder Festspiele aus der diffamierenden Diskussion um meine Person heraushalten möchte, möchte ich nun über Bürgermeister Thomas Fehling dem Magistrat vorschlagen, die Aufgaben des Intendanten an meinen bisherigen Stellvertreter Joern Hinkel kommissarisch z u übertragen, bis ein neuer Intendant gefunden ist."

Anschuldigungen gegen Wedel wegen sexueller Übergriffe

In der persönlichen Stellungnahme Wedels wird deutlich, dass der Rückzug das Resultat diverser Anschuldigungen ist: In den vergangenen Wochen hatten sich die Anschuldigungen wegen vermeintlicher sexueller Übergriffe in Bezug auf Dieter Wedel gehäuft. Daraufhin rügten Juristen das Vorgehen der Medien. 

Doch wer hatte die Vorwürfe gegen Wedel geäußert? Es waren die Schauspielerinnen Jany Tempel (bekannt aus„Verbotene Liebe“) und Patricia Thielemann (bekannt aus „Alarm für Cobra 11“). Beide hatten Wedel sexueller Übergriffe in Hotelzimmern bezichtigt. Die Übergriffe sollen in den 1990er-Jahren stattgefunden haben.

Auch ein in Deutschland sehr berühmter Name war dabei: Iris Berben. Gegenüber der Zeit sagte die die heute 67-jährige Schaupielerin im Januar 2018, Wedel habe sie fertiggemacht. Weil sie eine Einladung zum Abendessen in den 1970er-Jahren ausgeschlagen habe, habe sie Wedel damals bei einem Dreh zur Serie "Halbzeit" eine Szene 30 Mal wiederholen lassen.

Wer ist Dieter Wedel?

Wedel gilt als eine der schillerndsten Figuren der deutschen Fernseh- und Theaterlandschaft. Das sieht man schon daran, dass er jünger ist, als viele vermuten. Der Sohn eines Ingenieurs und Fabrikanten wurde am 12. November 1942 in Frankfurt geboren. Als junger Regisseur machte er sich jedoch drei Jahre älter, um seinen ersten Film drehen zu können. Schon vor seinem Studium der Theaterwissenschaft, Publizistik und Geschichte in Berlin wusste Wedel, dass er auf die ganz große Bühne wollte. Seine erste Inszenierung feierte er als Schüler 1957 im Kurhaus seiner Heimatstadt Bad Nauheim. 

Mit Sonnenbrille im Jahr 2016: Dieter Wedel gibt als Intendant und Regisseur Anweisungen für das Stück "Hexenjagd".

Als Regisseur prägte er über Jahrzehnte das deutsche Fernsehen. Mit Dreiteilern wie "Einmal im Leben - Geschichte eines Eigenheims" (1972) und großen TV-Produktionen wie "Der große Bellheim" (1992), "Der Schattenmann" (1995), "Der König von St. Pauli" (1998) und "Gier" (2010) begeisterte er Kritiker und Zuschauer. Auch als Intendant der Nibelungenfestspiele in Worms (2002 bis 2014) sowie der Bad Hersfelder Festspiele (ab 2015) verstand es Wedel, Schlagzeilen zu machen. Schon sein Name zog die Besucher an. Auch viele Schauspieler lockte der extrovertierte Tausendsassa an. Zugleich gab es immer wieder Kritik an seinem Führungsstil. Im vorigen Sommer warf der Wiener Burgschauspieler Paulus Manker Wedel vor, wie ein "nordkoreanischer Diktator" zu herrschen. In Bad Hersfeld lebte Wedel in den vergangenen Jahren nie. Der Vater von sechs Kindern, darunter einem Sohn mit der Schauspielerin Hannelore Elsner, zog es vor, auf Mallorca, in Berlin und Hamburg zu residieren - zeitweise mit zwei Partnerinnen gleichzeitig. Wedel lebte schon polyamor, als noch niemand wusste, was das eigentlich ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare zu diesem Artikel