In drei Wochen 20 Studenten für Hochschule finden

- Waldeck-Frankenberg (rou). Die Ansage von Landrat Helmut Eichenlaub war deutlich, denn ihn drängt die Zeit: Wirtschaftsförderer Siegfried Franke soll in den nächsten drei Wochen mit Hochdruck bei heimischen Firmen für die neue Hochschule Waldeck-Frankenberg werben.

An der Berufsakademie Nordhessen mit ihren Standorten Bad Hersfeld, Bad Wildungen und Frankenberg werden die Studierenden in den dualen Bachelor-Studiengängen dazu befähigt, Prozesse in ihren Unternehmen besser zu verstehen und zu koordinieren: Entwicklungs-, Vertriebs-, Informations- oder auch Produktionsprozessse. Der Masterstudiengang Prozessmanagement, der ab Herbst am neuen Hochschulstandort Frankenberg der Fachhochschule Gießen-Friedberg angeboten werden soll, ist ganzheitlich angelegt, erklärte die zuständige Professorin Anita Röhm am Mittwoch bei einer vom Kreis organisierten Informationsveranstaltung für Unternehmen aus der Region. Die künftigen Master of Arts sollen während des viersemestrigen dualen Studiums lernen, „Prozesse vom Kunden bis zum Kunden“ zu managen. „In den einzelnen Einheiten der Betriebe gibt es meist nicht mehr viel Potenzial zu heben“, sagte sie bei der Werbeveranstaltung für ihr sogenanntes Studium-Plus. Anders aber im Zusammenspiel der Einheiten, etwa der einzelnen Abteilungen in einem Unternehmen. Anstatt diese „Optimierungsprozesse von teuren externen Beratern“ entwickeln zu lassen, könnten die an der Hochschule gut ausgebildeten Master-Absolventen diese Aufgaben in „ihren Unternehmen“ übernehmen, in denen sie parallel zum Studium firmenspezifische Erfahrung gesammelt hätten, sagte Röhm. Wie würden diese neuen Prozessmanager den von Landrat Helmut Eichenlaub gemanagten Prozess zum Aufbau einer Hochschule Waldeck-Frankenberg bewerten? Eine Analyse: Die Forschung hat den Trend erkannt. Die heimische Wirtschaft lechzt nach gut ausgebildetem Nachwuchs, der durchaus aus der Region kommen kann. Quer durch die Branchen haben die Unternehmen zwischen Diemelstadt im Norden und Allendorf im Südwesten des Landkreises die Erfahrung gesammelt, dass gut ausgebildeter Nachwuchs nur schwer für eine Aufgabe in dieser Region zu gewinnen ist. Der unter anderem vom Arbeitskreis der Wirtschaft für Kommunalfragen geforderte und unterstützte Aufbau der Berufsakademie Nordhessen war der erste Schritt, den Führungskräftenachwuchs nicht erst zum Studium in die Uni-Städte zu verlieren und ihn unter Umständen nicht mehr zurück zu den heimischen Firmen zurückzubekommen – obwohl sie mit ihren Produkten zum Teil den Weltmarkt bestimmen. Der Weisheit letzter Schluss sind die Bachelor-Abschlüsse jedoch nicht, haben die Unternehmen gelernt. Das dreijährige duale Studium hat Vorteile. Trotz der sehr komprimierten Vermittlung der Inhalte, etwa beim in Frankenberg angebotenen Studiengang Systems Engineering, sehen viele Firmen den Entwicklungsprozess ihrer Mitarbeiter aber noch längst nicht abgeschlossen. Ein dual angelegter Masterstudiengang bietet weitere Vorteile: Die Studierenden lernen weiter, verlieren aber nicht den Bezug zum Unternehmen, und können im Idealfall direkt nach der Verleihung des Titels Master of Arts „durchstarten“. Die Hochschule Waldeck-Frankenberg ist somit eine bedarfsorientierte Antwort auf die Fragen des demographischen Wandels im Landkreis. Die „Entwicklungsabteilung“ des Kreises hat ebenfalls ihre Hausaufgaben gemacht. Mit der Fachhochschule Gießen-Friedberg hat der Kreis einen Partner verpflichtet, der über reichlich Erfahrung in dualen Studiengängen verfügt. Bereits im Sommer 2001 fiel der Startschuss für Studium-Plus, ein nach Angaben von Professorin Anita Röhm bundesweit einmaliges duales Hochschulstudienprogramm. Ihm haben sich inzwischen 317 Unternehmen angeschlossen, die die Lehrinhalte mitdefinieren und die mehr oder weniger regelmäßig Studierende entsenden. Das Studienangebot von Studium-Pus umfasst zurzeit die Bachelorstudiengänge Wirtschaftsingenieurwesen, Betriebswirtschaft, Ingenieurwesen mit Fachrichtungen und den Studiengang Leitung und Bildungsmanagement. Zum Wintersemester 2006 wurde der Masterstudiengang Prozessmanagement am FH-Standort Wetzlar eröffnet. Das Studium baut auf den Bachelorstudiengängen auf und endet nach dem zweijährigen Studium mit dem international anerkannten Abschluss Master of Arts. Die Fachhochschule Gießen-Friedberg hat sich bereiterklärt, den Masterstudiengang Prozessmanagement in Frankenberg anzubieten. In den Prozess eingebracht haben sich auch die Finanz- und Bauabteilungen. Die Räume des Gesundheitsamtes in der Verwaltungsaußenstelle in Frankenberg sollen in den nächsten Wochen bis zum möglichen Hochschulstart umgebaut werden: Aus Büros werden Hörsäle. Obwohl sich diese nicht in den alten Klostermauern befinden, so ist der Standort dennoch ein attrakiver und geschichtsträchtiger. Schon vor Jahrhunderten unterrichteten Marburger Professoren ihre Studenten in Frankenberg. Für den Start ist auch die Finanzierung gesichert. Der Landkreis unterstützt das Projekt mit 150 000 Euro. In seinen Funktionen als Aufsichtsrat der Sparkasse Waldeck-Frankenberg und der Energie Waldeck-Frankenberg hat Landrat Helmut Eichenlaub dafür gesorgt, dass beide Institutionen das Projekt in den Folgejahren mit jährlich jeweils 75 000 Euro unterstützen. Das Produkt „Hochschule Waldeck-Frankenberg“ hat, nachdem es der Kreistag abgesegnet hat, offensichtlich Marktreife erlangt. Als problematisch gestaltet sich lediglich das Thema Vertrieb. Und daraus machte Landrat Helmut Eichenlaub auch während der Informationsveranstaltung am Mittwoch keinen Hehl. Die Förderung von Existenzgründern sei sehr wichtig für den Kreis, sagte er zu Siegfried Franke. In den nächsten Tagen müsste allerdings die Akquise von Firmen absoluten Vorrang haben, die Studierende an die Hochschule entsenden wollen, forderte er den Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung auf, denn die Zeit drängt. Der Bewerbungsschluss für den Master-Studienstandort Wetzlar war der 15. Juli. Im August sollen sich die Studierenden an der FH Gießen-Friedberg immatrikulieren, Vorlesungsbeginn ist im September. Für die Hochschule Waldeck-Frankenberg ist der 15. August als Bewerbungsschluss festgelegt. Während Eichenlaub Anfang des Monats noch mit kurzfristig 25 und mittelfristig 50 Studierenden kalkulierte, ist nun nur noch die Rede von 20. Laut Friedhelm Pfuhl von der Kreisverwaltung wäre der Studienstart auch mit „15 plus x“ Studenten in Frankenberg denkbar. An Interessierten fehlt es offensichtlich nicht einmal. Bei einer weiteren Informationsveranstaltung bekundeten fast 30 die Absicht, studieren zu wollen – sofern sie denn ein Unternehmen finden, dass sie an die Hochschule entsendet und die Kosten dafür übernimmt. Und auch das ein oder andere Unternehmen bekundete Interesse. Trotz dieser guten Resonanz könnte die Markteinführung des Produkts „Masterstudiengang“ scheitern – aus zeitlichen und finanziellen Gründen: Nur vier Wochen bleibt den Unternehmen Zeit, eine Entscheidung für oder gegen das Angebot zu fällen, Studierende zu finden und auch zu entsenden. Zusätzlich zu den Lohnkosten für den Mitarbeiter kommen rund 8000 Euro Studienkosten hinzu – und dies in Zeiten einer Wirtschaftskrise sowie meist ausgereizter Personalbudgets 2009. Ein Prozessmanager könnte ein sehr differenziertes Fazit über den Prozess zum Aufbau der Hochschule Waldeck-Frankenberg ziehen. Das Produkt ist gut – für die Region, der Start der Hochschule allerdings verfrüht. Und deshalb besteht die Gefahr, dass die sich für die Unternehmen und die Studierenden bietenden Chancen allein aufgrund des Zeitdrucks vergeben werden – leichtfertig und unnötigerweise, denn der einzige Grund für den Studienbeginn im Herbst 2009 ist, dass Helmut Eichenlaub „sein“ Produkt jetzt und nicht erst im nächsten Jahr an den Kunden bringen will – weil seine Amtszeit als Landrat im Dezember endet. Weitere Hintergründe zur Hochschule lesen Sie in der Printausgabe von WLZ-FZ.

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