WLZ-FZ-Serie 20 Jahre Mauerfall

Eine Grenze von sehr deutscher Gründlichkeit

- Rosenthal-Roda. Bis 1989 teilte ein „Todesstreifen“ Deutschland in zwei Teile· Michael Metzinger stand als Grenzschützer auf der Westseite und erinnert sich an seinen Dienst an der Zonengrenze.

„Ich hätte nie damit gerechnet, dass diese Grenze mal verschwindet, so wie die errichtet war, mit deutscher Gründlichkeit.“ Bis heute ist Michael Metzinger aus Roda erstaunt über die Ereignisse im Herbst 1989. Metzinger war von 1975 bis 1979 beim Bundesgrenzschutz (BGS, heute Bundespolizei) in Eschwege. Zu seinen Aufgaben gehörte es damals, die innerdeutsche Grenze zu überwachen.

Nach der Realschule machte der Rodaer eine Ausbildung beim Grenzschutz. „Die suchten Leute und kamen auch an die Schulen. Sie haben den Dienst angepriesen, haben uns Bilder von Hubschraubern gezeigt“ – die Mischung aus Abenteuer und Militär faszinierte den damals 17-Jährigen. Nach der einjährigen Grundausbildung in Alsfeld kam der junge Mann zum „Grenzschutzkommando Mitte“ in Eschwege.

Der Grenzabschnitt, den seine Einheit zu kontrollieren hatte, war 80 Kilometer lang und reichte von Witzenhausen im Norden bis nach Weißenborn bei Bad Hersfeld im Süden. Der Dienst an der Grenze war verhältnismäßig ruhig, Zwischenfälle mit den Soldaten auf der anderen Seite gab es nie: „Die Bedrohung durch die DDR-Grenzsoldaten richtete sich ja vorrangig gegen die eigene Bevölkerung“, erläutert Michael Metzinger.

Sein Abschnitt war in zwei Teile gegliedert, die rund um die Uhr überwacht wurden. Im Vier-Stunden-Rhythmus war immer eine BGS-Streife auf Patrouille. Eine Streife bestand aus einem Fahrer, einem Streifenführer und zwei Posten.

Die Ostseite der Grenze war wesentlich besser ausgebaut als die Seite, auf der Metzinger Dienst tat: „Die drüben hatten Kolonnenwege entlang des Grenzzaunes, konnten die ganze Grenze abfahren“, erzählt der ehemalige Grenzer. „Wir konnten nur bis zu den Stellen fahren, wo eine Straße zur Grenze führte, dann mussten wir zu Fuß weiter“, erinnert sich der Rodaer. „Der Fahrer fuhr dann bis zur nächsten Straßensperre. Wir hatten die Aufgabe, per Funk über alle Vorkommnisse zu berichten. Doch es passierte wenig.“ Das lag auch daran, dass die Grenze ein fast unüberwindbares Hindernis war. Die BGS-Beamten hatten zwar Alarmpläne für Grenzverletzungen, die vermeintlichen Angreifer hießen darin aber nur „Störer“, nicht „Feind“. Für den Umgang mit DDR-Flüchtlingen gab es keine Anweisungen. „Wir hätten auf jeden Fall versucht zu helfen“, sagt Metzinger. „Aber die Grenze war ja fast 100-prozentig dicht.“

„Todesstreifen“ Auf der DDR-Seite waren die Grenzanlagen ein wahres Bollwerk, die das Land zu einem großen Gefängnis machten: Hinter der eigentlichen Staatsgrenze, die mit Grenzsteinen gekennzeichnet war, war ein meterhoher Metallzaun errichtet. An diesem Zaun waren bis Mitte der 1980er-Jahre sogenannte Selbstschussanlagen aufgestellt, die Splittergeschosse aus Metall abfeuerten und eine Reichweite von mehr als 100 Metern hatten. Ausgelöst wurden sie, wenn jemand einen Spanndraht berührte. Der zehn Meter breite Kontrollabschnitt an der Grenze wurde nicht ohne Grund „Todesstreifen“ genannt. Dass ein Mensch von so einer Anlage verletzt wurde, hat der heute 50-Jährige aber nie erlebt. Doch gelegentlich sahen die BGS-Streifen totes Wild an der Grenze liegen.

Wachtürme Wenige Meter hinter dem Zaun befand sich ein geharkter Erdstreifen, auf dem die DDR-Posten Fußspuren sehen konnten. Dahinter verlief der Kolonnenweg. An der gesamten Grenze entlang waren auf der DDR-Seite jeweils in Sichtweite zueinander Wachtürme errichtet, von denen aus nachts die Grenze mit Scheinwerfern abgeleuchtet wurde. Dort, wo eine Ortschaft direkt an der Grenze lag, gab es auch Hundelaufanlagen.

Auf der Westseite gab es nichts von alledem. Lediglich Schilder mit der Aufschrift „Halt – Hier Zonengrenze“ wiesen darauf hin, wo man sich befand.

Ein einziges Mal sammelte Metzingers Trupp einen DDR-Flüchtling auf. Der hatte es bis auf Bundesgebiet geschafft. „Da war eine Baustelle, der Grenzzaun wurde erneuert“, erinnert sich Metzinger. Mit dem Zaunbau war ein DDR-Pioniertrupp beauftragt. Der Flüchtling war einer der Pioniere. Er wusste, wo noch eine Lücke im Zaun war und nutzte die Gelegenheit: „Er ist nachts mit einem Motorrad über die Grenze gefahren. Wir haben ihn dann in unsere Kaserne gebracht, dort wurde er verhört. Dann kam er nach Gießen in ein Auffanglager.“

Wenn an der Grenzanlage Arbeiten zu verrichten waren, etwa Mähen oder das Streichen der Grenzsteine, wurden die Arbeiter immer streng bewacht, wie Metzinger oft beobachtete. Die Grenzsoldaten wurden regelmäßig ausgetauscht, damit sie keine Fluchtpläne schmieden konnten. Grenzübergreifende Kommunikation zwischen den Truppen fand praktisch nicht statt: „Wir haben ab und zu mal rübergerufen, aber die haben nie geantwortet“, sagt Metzinger. Einmal ließen die DDR-Grenzer aber doch etwas von sich hören. „Ein Angler aus dem Westen hatte seine Leine zu weit geworfen, bis rüber auf die andere Seite. Da riefen sie: ‚Lassen Sie die Fische der Deutschen Demokratischen Republik in Ruhe'.“

Im Grenzgebiet auf DDR-Seite gab es hinter der Grenze eine fünf Kilometer breite „Sperrzone“, in die man nur mit einem Passierschein gelangte. Dadurch wurden die Dörfer direkt an der Grenze praktisch vom Hinterland abgeschnitten. „In den Grenzdörfern blieben meist nur die alten Leute, die Jungen zogen weg. Von unseren Posten aus konnten wir in einige Dörfer hineinblicken“, erzählt Metzinger. „Das war schon beklemmend, die alten Leute da rumlaufen zu sehen.“ Ihn habe es interessiert, wie es den Leuten „drüben“ geht. Gleich nach der Grenzöffnung 1989 fuhr er deshalb mit einigen Kollegen in die DDR und machte eine Wanderung auf der anderen Seite der Grenze. Später, nach der Wiedervereinigung, lernte er einen ehemaligen DDR-Grenzsoldaten kennen, der im selben Abschnitt stationiert war wie Metzinger. Er zeigte dem Westdeutschen seine ehemalige Unterkunft.

Spionage-Tunnel Eine überraschende Entdeckung machte der Bundesgrenzschutz nach der Wende in Metzingers ehemaligem Abschnitt: „Es wurden zwei Röhren gefunden. Die DDR-Grenzaufklärer hatten Tunnel auf unsere Seite gegraben und das Gebiet erkundet“, berichtet Metzinger. Die ganze Situation von damals – die scharf bewachte Grenze mitten durch Deutschland – hatte etwas Irreales für Metzinger: „Wer das nicht selbst gesehen hat, dem kann man es nur schwer erklären.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare