Corona-Pandemie, Schüler und Quarantäne

Eine Mutter aus Waldeck-Frankenberg berichtet : „Es läuft einiges nicht rund“

Corona-Fall in der Schule: Für einen Jugendlichen der Arolser Kaulbach-Schule, der in Quarantäne musste, und seine Eltern zog dies eine langwierige Prozedur nach sich, die Fragen aufwirft.
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Corona-Fall in der Schule: Für einen Jugendlichen der Arolser Kaulbach-Schule, der in Quarantäne musste, und seine Eltern zog dies eine langwierige Prozedur nach sich, die Fragen aufwirft.

Die Corona-Pandemie stellt alle vor Herausforderungen, manche weniger, andere mehr. Eltern und Lehrer zählen wohl zur Kategorie „mehr“: Sie haben nicht nur für sich selbst Sorge zu tragen. Die Mutter eines 16-jährigen Schülers aus Korbach hat uns davon berichtet.

Ein 16-jähriger Korbacher, der die Kaulbach-Schule in Bad Arolsen besucht, hat vor dem erneuten Lockdown einen „Coronafall“ in der Klasse. Eine Mitschülerin hatte sich angesteckt, zwei Tage nach der vermutlichen Ansteckung zeigen sich Symptome, bis dahin geht sie normal zur Schule.

Erst fünf Tage, nachdem bei ihr die Krankheit ausgebrochen ist, werden auf Geheiß des Fachdienstes Gesundheit einige Kinder aus der Schule genommen und in Quarantäne geschickt.

An dem Tag haben die Eltern ihren Sohn aus dem Unterricht genommen, weil sie zu einer Beerdigung fahren müssen. Die Nachricht, das einige Mitschüler in Quarantäne müssen, erfahren sie über soziale Medien. Weil sie von dem Coronafall in der Schule wissen, halten sie auf der Beerdigung Abstand von allen anderen Trauergästen. Am Abend erfahren sie schließlich, dass auch ihr Sohn in Quarantäne gehen muss.

In der Schulcloud lesen die Eltern den Eintrag des Klassenlehrers, der darauf hinweist, dass das Gesundheitsamt weitere Details kundtun wird.

Wiederum drei Tage – also insgesamt zehn Tage nach Ausbruch der Krankheit bei der Mitschülerin – erhalten die Eltern vom Gesundheitsamt einen Brief in dem steht, dass ihr Sohn seit zehn Tagen in Quarantäne sei – was nicht stimmt, aber es ist zehn Tage her, dass der Junge zum letzten Mal Kontakt zu der infizierten Mitschülerin hatte. Noch am selben Tag erhält der Sohn die Anweisung, dass er bis zu einem bestimmten Tag in Quarantäne bleiben muss.

„Das bedeutet, er ist wirklich allein in seinem Zimmer, Mahlzeiten dürfen nicht gemeinsam eingenommen werden, wenn er zur Toilette muss, wird der Weg frei gemacht, danach intensiv gelüftet und alles desinfiziert. Das kann ein 16-jähriger Jugendlicher leisten. Ich frage mich allerdings, wie das mit kleineren Kindern funktioniert“, sagt die Mutter. Beide Elternteile haben sofort ihre Arbeitgeber informiert – er wird freigestellt, sie arbeitet fortan im Home-Office.

„Meinem Sohn wurde freigestellt, ober er sich testen lässt – und er wollte“, sagt die Mutter. Sie ruft beim Kinderarzt an, der erst sagt, er sei nicht zuständig, sich dann erneut meldet, er sei es doch. Er würde den Jungen beim Testzentrum anmelden.

DAS SAGT SCHULLEITERIN ROSEL REIFF: „Bemühen uns lange um digitalten Ausbau“

„Wir standen im November, Dezember mit dem Rücken an der Wand. Es befanden sich vier Kolleginnen und Kollegen vorsorglich in Quarantäne, drei schwangere Lehrerinnen haben Beschäftigungsverbot, zwei Lehrkräfte durften wegen der akuten Gefährdungssituation nicht am Präsenzunterricht teilnehmen“, zählt Schulleiterin Rosel Reiff auf: „Wie Sie sich vorstellen können, war damit die Personaldecke unter dem Soll, es ist unter diesen Bedingungen nicht mehr möglich, den Unterricht vollständig abzudecken“. „Da die verbleibenden Lehrkräfte alle für den Vertretungsunterricht benötigt wurden, konnten sie auch keinen Heimunterricht, etwa per Video, leisten“, erklärt Reiff. Es würden die Lehrkräfte, die in Quarantäne sind, in die Betreuung der Schüler eingebunden, die tageweise zu Hausen lernen müssten. Die Schule habe keineswegs leichtfertig Lehrer oder Schüler nach Hause geschickt. Wer in Quarantäne müsse, lege das Gesundheitsamt fest.

Die Lehrerinnen und Lehrer an der Schule würden alles erdenklich Mögliche tun, doch zu digitalem Unterricht gehöre auch eine geeignete Ausstattung und Infrastruktur. „All unsere Lehrkräfte sind im Programm „Teams“ geschult worden, um umgehend mit digitalisiertem Unterricht zu starten. Doch bis vor kurzem fehlte ein entsprechendes W-LAN-Netz; erst nach den Herbstferien wurden wir in den ersten beiden Räumen ausgestattet. Obwohl die Schule sich seit Jahren um den digitalen Ausbau bemüht hat, kam dieser nur schleppend voran. Inzwischen kommen wir in fast allen Räumen ins Netz, und aktuell funktioniert es auch im Großen und Ganzen – das kommt uns jetzt, wo die meisten Kinder der Klassen 1 bis 6 zu Hause beschult werden, auch zugute.“ Allerdings brauche jede Lehrkraft ein Schul-I-Pad, sie dürften aus datenschutzrechtlichen Gründen ihre eigene PCs eigentlich nicht verwenden. I-Pads seien bestellt, doch es gebe Lieferschwierigkeiten. „Zwei engagierte Eltern haben uns zehn Laptops, Bildschirme und Zubehör gespendet, die sich jene Schüler ausleihen können, die Zuhause nicht über das Equipment verfügen.“ md

Dort ruft die Mutter an, um einen Termin zu bekommen, und fragt die Dame am Telefon, wie sie das Kind isoliert ins Testzentrum bekommen sollte, ohne sich selbst anzustecken. Die sei sehr patzig gewesen, und habe außer dem Hinweis „im Auto“ keine Information gegeben, sondern nur gesagt: Wenn sie den Termin nicht wolle, gäbe es viele andere, an den er vergeben werden könne, erinnert sich die Mutter.

Ein Anruf beim Gesundheitsamt verlief besser, dort sei ihr freundlich Auskunft gegeben worden, dass er im Auto – keinesfalls zu Fuß oder in öffentlichen Verkehrsmitteln – gebracht werden solle, alle mit Mundschutz und in möglichst großen Abstand, lüften.

Er ist negativ. Bis sie das erfahren, vergeht aber eine ganze Weile. In der Zwischenzeit nimmt er am Distanzunterricht teil, doch immer wieder fallen Unterrichtsstunden ganz aus oder die Technik in der Schule versagt. „Die Schüler sind über soziale Medien miteinander verknüpft, nur so bleiben sie überhaupt auf dem Laufenden“, sagt die Mutter. Sie macht sich Sorgen, denn ihr Sohn besucht die Abschlussklasse, „bald laufen die Prüfungen an, die Kinder haben schon so viel in der Schule verpasst, dass ich gar nicht weiß, wie das alles ausgehen soll.“

DAS SAGT DER LANDKREIS: Corona-Infektion? „Umgehend isolieren“

„Menschen, die sich krank fühlen, sollten zuerst telefonisch ihren Hausarzt kontaktieren. Dieser leitet dann ggf. eine Testung im Corona-Testzentrum in die Wege. Natürlich können zwischen dem Tag, an dem sich Personen krank fühlen bis zum Abstrich, der Analyse im Labor und schlussendlich der Befundübermittlung an den Landkreis einige Tage vergehen“, erklärt Ann-Katrin Heimbuchner, Pressereferentin des Landkreises, auf Nachfrage der WLZ.

„Sobald dem Fachdienst Gesundheit aber die Information über ein positives Testergebnis zugeht, werden unmittelbar die notwendigen Maßnahmen gegen die Weiterverbreitung des Virus in die Wege geleitet – unter anderem Kontaktpersonen ermittelt und Quarantänemaßnahmen ausgesprochen. Je nach dem wie schnell der Landkreis von den erkrankten Personen die Informationen darüber bekommt, wie viele Kontakte die infizierte Person hatte und wie eng die Kontakte waren, setzt sich der Fachdienst Gesundheit unmittelbar mit den Menschen in Verbindung, die aufgrund der Art und Weise des Kontakts mit der infizierten Person ein besonders hohes Risiko hatten, sich angesteckt zu haben“, erläutert sie das Prozedere weiter. „Auch sie werden – wie die infizierte Person – in eine vorsorgliche Quarantäne gestellt. Entwickeln sie in der Quarantäne Symptome, werden sie auf das Coronavirus getestet. Sind sie positiv getestet, wird bei ihnen ebenso wie oben beschrieben verfahren“.

Grundsätzlich gelte: „Sobald man Kenntnis von einer Infektion mit dem Coronavirus hat, soll man sich umgehend isolieren und auf Rückmeldung des Fachdienstes Gesundheit warten, um gemeinsam die notwendigen weiteren Schritte – wie beispielsweise die weitere Quarantäne oder die Ermittlung der Kontaktpersonen - zu besprechen.

Zu bedenken ist bei allem, dass Infizierte nicht zwingend auch Symptome haben müssen. Aus diesen Gründen ist das Einhalten der Abstandsregeln und der Schutz durch Masken in Verbindung mit der Reduzierung von Kontakten zur Zeit die wichtigste Maßnahme“. md

Und Fragen hat die Mutter: „Warum hat sich das Gesundheitsamt so spät gemeldet? Mein Sohn und die anderen Kinder sind noch eine ganze Woche zur Schule gegangen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, wie viele Menschen hätte er in der Zeit theoretisch angesteckt haben können?“, fragt sie. „Und warum funktioniert die Technik in der Schule nicht, es war ein ganzer Sommer Zeit, in der sich die Schule und der Schulträger hätten kümmern können.“

„Ich möchte niemanden an den Pranger stellen, es ist für alle eine Ausnahmesituation. Doch es läuft einiges nicht rund. Und da müssen die Dinge ja benannt werden, damit es besser werden kann.“

Dazu haben wir bei der Leiterin der Kaulbachschule, Rosel Reiff, angefragt sowie beim Fachdienst Gesundheit beim Landkreis. Die Frage, warum das Gesundheitsamt sich in diesem konkreten Fall so spät gemeldet und Entscheidungen getroffen hat, bleibt allerdings unbeantwortet.

Von Marianne Dämmer

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