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Elektronische Krankmeldung: Gelber Schein hat ausgedient

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Von: Marcus Althaus

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Für die Krankenkassen ist es eine gelungene Umsetzung. Arbeitgeber beschreiben die digitalisierte Form der Krankmeldung als zu aufwendig.
Für die Krankenkassen ist es eine gelungene Umsetzung. Arbeitgeber beschreiben die digitalisierte Form der Krankmeldung als zu aufwendig. © IMAGO/Steinach

Mit Beginn des Jahres hat der „gelbe Krankenschein“ ausgedient – ersetzt wurde er durch die digitale Krankmeldung. Für Firmen in Waldeck-Frankenberg bedeutet das neue Verfahren zum Teil eine höhere Arbeitsbelastung.

Waldeck-Frankenberg – Größere Unternehmen sind dagegen besser vorbereitet, wie eine Umfrage unserer Zeitung ergab. „Wir haben unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umfassend über unsere Informations-App Vi2Go informiert“, berichtet ein Viessmann-Unternehmenssprecher über die Einführung der elektronischen Krankmeldung beim größten Arbeitgeber in Waldeck-Frankenberg, dem Allendorfer Heiz- und Klimatechnik-Hersteller Viessmann. „Zusätzlich bekamen die Vorgesetzten frühzeitig Informationen zum neuen Prozess, damit sie auf Fragen ihrer Mitarbeiter vorbereitet waren.“

„Die Umstellung lief bei uns reibungslos, was zweifellos damit zusammenhängt, dass wir uns gut vorbereitet haben“, heißt es weiter in der Antwort des Unternehmens auf unsere Fragen zum Thema elektronische Krankmeldung. Und: „Technisch läuft der neue Prozess sehr gut, auch wenn hier und da noch Nachjustierungen erforderlich sind.“

Gelbe Scheine werden auch weiterhin in Papierform abgegeben

Florian Held, Pressesprecher der Stadtverwaltung berichtet, dass das neue Krankmeldesystem bereits umgesetzt wird, da dies „die Rechtslage erfordert“. Grundsätzlich würde alles problemlos funktionieren, so der Sprecher. Da die Umstellung aber gerade erst anläuft, könne die Verwaltung noch keine ausführlicheren Angaben darüber machen, ob es nicht doch noch zu Problemen kommen könnte. Zudem werden „die AUs bisher teilweise aber auch noch in Papierform abgegeben, zum Teil zusätzlich zum digital abrufbaren Dokument“.

„System braucht noch Zeit bis es durchdringt“

„Das Thema ist noch zu jung, um aus der Praxis etwas Aussagekräftiges zu reflektieren.“ Dies betonte der Multi-Plant-Manager von Alpla Gemünden, Andreas Kiso. Der Hersteller von Kunststoff- Verpackungen befinde sich komplett in der Umstellungsphase zwischen der avisierten Lösung und weiterhin Papierform. Die Mitarbeiter müssten sich umgewöhnen, die Behörden und Personalabteilungen ebenfalls.

Kiso, der innerhalb der Alpla-Gruppe die operative Verantwortung für den Standort Gemünden sowie für die Werke Berlin, Vlotho und Föritztal trägt: „Ich denke, es wird noch eine gewisse Zeit brauchen, bis sich das System grundsätzlich durchdringt und akzeptiert in der Abwicklung dahingehend stabilisieren wird, dass die vom Mitarbeiter gemeldeten und die elektronischen Daten übereinstimmen. Wenn es mal läuft und allseits akzeptiert ist, sollte es eine deutliche Erleichterung bringen.“

Es ist für kleiner Betriebe ein deutlicher Mehraufwand

„Es ist ein weiterer deutlicher Mehraufwand, der den Arbeitgebern abverlangt wird“, sagt Kai Bremmer, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Zwar werde seitens der Arztpraxen Papier gespart. Auf Seiten der Betriebe seien aber wieder Investitionen in mehr Personal, deren Ausbildung und Software nötig. Auch die elektronische Abfrage bei den Krankenkassen bedeute letztlich mehr Bürokratie bei den Firmen.

„Es reicht irgendwann. Das Verhältnis von produzierenden und verwaltenden Mitarbeitenden muss stimmen, sonst verwalten wir uns zu Tode. Ich kann jeden verstehen, der verärgert ist über diese Art der Digitalisierung“, sagt Kai Bremmer. Von „einfacher, einheitlicher und schneller“ könne aktuell keine Rede sein. Etwas mehr Weitsicht und ein umfassendes sowie fertiges System hätte sich der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft zum Stichtag gewünscht. Stattdessen müsse jeder Arbeitgeber wieder irgendwie damit zurechtkommen.

Unkalkulierbare Belastung

Was sich augenscheinlich für Unternehmen mit eigenem Personalwesen schon aufwendiger gestaltet, ist für kleinere Betriebe nicht unbedingt einfacher. Falls der gesamte Ablauf über einen Steuerberater abgewickelt wird, muss unter Umständen zusätzliche Zeit in Anspruch genommen werden. „Rechnet man die gesetzliche Pufferzeit von 14 Tagen hinzu, in der die eAU nachgereicht werden kann, können aus einer einfachen Krankschreibung jeden Monat deutliche Rückrechnungen resultieren. Für die Arbeitgeber ist das eine unkalkulierbare zusätzliche Belastung“, bemängelt Dr. Hans-Jürgen Völz, Chefvolkswirt des Mittelstandverbandes BVMW.

Krankenkassen können Daten nicht automatisch liefern

Die Krankenkassen wiederum könnten die Daten nicht automatisch an den Arbeitgeber übermitteln, weil ihnen in dem eingeführten System eine „Empfängeradresse“ in Form einer Absendernummer fehle, weiß die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

Anstatt jedem der 3,4 Millionen Arbeitgeber in Deutschland eine ständige Nummer, wie beispielsweise die schon vorhandene Betriebsnummer zuzuordnen, müssen die Arbeitgeber nun schätzungsweise 77 Millionen Anfragen im Jahr an die Krankenkassen stellen.

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