Fesselnde Lesung mit Professor Steffen Martus im Landhaus Bärenmühle

Das Erbe der Brüder Grimm

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Frankenau - Als "Märchenonkel" sind sie seit Generationen ein Begriff - Jacob und Wilhelm Grimm. Der Literarische Frühling in der Heimat der Brüder Grimm lässt derweil auch das Bild der weltberühmten Märchenmacher in neuer Frische blühen.

Märchenhaft ist schon die Fahrt ins Landhaus Bärenmühle. Mitten im Wald hinter Frankenau bei Ellershausen steht da eine Oase, die auch den Gebrüdern Grimm ein willkommener Quell literarischer Inspiration gewesen wäre. Ganz in der Nähe, in der Hugenottensiedlung Louisendorf, soll sich bis heute die Legende von zwei besonderen Geislein gehalten haben. Hier also, in solchem Umfeld verwunschener Täler und sanfter Berge, sammelten Wilhelm und Jacob Grimm ehedem ihre deutschen Märchen auf. So muss es gewesen sein.

Denkste. Steffen Martus, Germanistik-Professor an der Berliner Humboldt-Universität, bläst an diesem Abend so manche Staubschicht aus den landläufigen Erzählungen über die Gebrüder Grimm.

Als Literaturforscher, Rechtsgelehrte, Politiker, Diplomaten und Medienexperten in damaliger Zeit haben sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen "wissenschaftlichen Kontinent erschlossen", resümiert Martus mit höchster Anerkennung.

Aber die Geschichte von den Hausmärchen aus den Stuben der einfachen Bevölkerung ist - schlichtweg selbst ein Märchen. Vielmehr haben Jacob (1785 bis 1863) und Wilhelm (1786 bis 1859) Grimm mehr im eigenen, gutsituierten bürgerlichen Umfeld die Haus- und Kindermärchen gesammelt, die vor genau 200 Jahren erstmals als Buch erschienen. Und posthum wurde klar, dass in den deutschen Märchen auch viel Französisches aus Hugenotten-Tradition steckt.

"Drei grimmige Jahre" hat sich Steffen Martus mit solcher Materie als Forscher befasst, sagt der Berliner Professor augenzwinkernd. Entstanden ist mit seiner Biografie "Die Brüder Grimm" ein 608 Seiten starkes Werk, das weit darüber hinaus tief eintaucht in Leben und Geisteswelt zwischen Französischer Revolution (1789) und Deutscher Revolution (1948/49).

Revolutionäre im politischen Sinne waren die Grimms dabei nie. Als Sprösslinge aus einem gesellschaftlich aufgestiegenen Clan der Beamten und Gelehrten waren ihnen die sozialen und staatlichen Umwälzungen in Frankreich völlig fremd - eine Gefahr. Die Grimms standen zu König und Monarchie, waren fest verankert in der Geisteswelt der deutschen Romantik: mittelalterliche Ideale, Volk und König fest im Bunde. Und so genossen die Grimms zunächst Literatur von Liebes- bis Ritterromanen. Bilder wie heute bei Rosamunde Pilcher.

Das Erbe der Grimms

Getrieben von Entdeckungsdrang und Ehrgeiz, zugleich von der Pflicht, nach dem frühen Tod der Eltern einen großen Familienclan ernähren zu müssen, spielten die Wegbereiter der Germanistik aber revolutionär auf der Partitur der damaligen Medien. Sie waren "Krawallmacher", urteilt Steffen Martus, die sich anlegten mit anderen Großen ihrer Zeit, vieles in Frage stellten, kein wissenschaftliches Werk für die Ewigkeit betrachteten. Alles ist im Fluss - und genau dies hat als Erbe der Brüder Grimm, neben den Märchen, bis heute Bestand.

Applaus für die Grimms und für den vorzüglichen literarischen Abend mit Steffen Martus in der Bärenmühle. (jk)

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