Heimische Theologen gehen der Aktualität des Reformationstages auf den Grund

Von dem Erbe der Reformation

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Vor 495 Jahren schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Kirchentür – daran erinnert Schauspieler Ralph Fiennes im Spielfilm „Luther“.

Waldeck-Frankenberg - Welches Erbe haben die Reformatoren den Kirchen hinterlassen? Zum Reformationstag machen sich evangelische, evangelisch-freikirchliche und katholische Theologen auf Spurensuche in Vergangenheit und Gegenwart.

Er hatte Briefe geschrieben an die Bischöfe und geistlichen Würdenträger, hatte eine Reform der Kirche gefordert. Aber er bekam keine Antwort. Also soll Martin Luther am Vorabend von Allerheiligen auf die Kirchentür in Wittenberg zugestürmt sein, 95 Thesen angeschlagen haben, mit denen er Kirche und Glauben neu definierte. Der Mönch löste die Reformation und die Spaltung der Kirche aus. Das war vor 495 Jahren.

„Aber die Reformation ist brandaktuell“, sagt Johannes Helmer, Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Korbach - und ist damit in guter Gesellschaft mit evangelischen, anderen evangelisch-freikirchlichen und katholischen Theologen im Landkreis. Pünktlich zum Reformationstag haben WLZ-FZ nachgefragt: Was ist aus der Reformation geworden?

„Für mich ist der Reformationstag ein zentraler Punkt“, sagt Stefan Paternoster von der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK). Denn die Reformation habe den Blick wieder auf die Bibel und damit auf ihre Botschaft gelenkt - statt auf Ablasshandel und Stellvertretung. „Die Liebe und Barmherzigkeit Gottes befreit uns vom Leistungsdruck“, sagt Paternoster, „unabhängig von der Leistung hat der Mensch seine Würde und seinen Wert.“ Und dieses Gottesbild, das sich aus den Erkenntnissen der Reformation speise, das bleibe aktuell.

Diese Erkenntnisse bringt Johannes Helmer so auf den Punkt: „Allein durch Christus, allein durch Glaube, allein durch Gnade, allein durch die Schrift“. Das sei für ihn entscheidend, wenn er an die Reformation denke. Keinen religiösen Schnickschnack müssten Kirchen heute bieten, um attraktiver zu wirken, sondern den Hinweis auf die Wurzeln. „Und diesen Blick hat uns Luther neu ermöglicht“, sagt Helmer.

Wenn Monika Dersch-Paulus, Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde in Röddenau, an die Reformation denkt, dann fallen ihr noch andere Attribute ein: „Ein wichtiges Moment für Luther war es, den Glauben zur Sprache zu bringen“, sagt sie und denkt an seine Bibelübersetzung, die endlich alle Menschen verstehen konnten. Sie denkt an Lieder, Musik, die starken Frauen der Reformation, an Luthers Texte. „Sein Morgensegen steht auf meinem Frühstücksbrettchen“, sagt sie schmunzelnd.

Darauf verzichtet Gisbert Wisse, katholischer Pfarrer in Korbach, wohl lieber. „Über die Kirchenspaltung kann ich einfach nicht glücklich sein“, sagt er, „und trotzdem kann ich der Reformation etwas Gutes abgewinnen.“ Weil es sie gegeben habe, wisse die katholische Kirche, wohin das führt, wenn sie sich nicht konsequent reformiert. Und eben das habe sich seit damals geändert: „Wir haben uns reformiert, haben neu darüber nachgedacht, wie sich Glauben heute formulieren und leben lässt.“ Das sei die Lehre der Reformation. Und die gilt für Kirchen jeder Couleur, befindet Johannes Helmer: „Die Kirche muss auch heute im Reformationsprozess bleiben und gegen Verkrustungen angehen.“

In Sachen Gegenwart macht vor allem „Halloween“ dem Festtag am 31. Oktober Konkurrenz: „Auf böse Geister und dunkle Zeiten können wir mit dem hellen Licht der Reformation antworten“, sagt Monika Dersch-Paulus. Und Stefan Paternoster wird noch deutlicher: „Halloween ist keine Alternative zum Reformationstag, dann doch lieber die frohe Botschaft.“ (resa)

Hintergrund

Der Startschuss zur Reformation fiel in Deutschland: Am Abend vor Allerheiligen 1517 soll der Mönch Martin Luther an die Kirchentür in Wittenberg 95 Thesen geheftet haben. Darin rief er zur Reform der Kirche auf.

Vor allem der Ablasshandel, mit dem sich Menschen von ihrer Schuld freikaufen konnten, geriet in die Kritik. Nicht durch Werke, sondern durch Glauben sei der Mensch frei, sagte Luther.

Auch in anderen Ländern Europas setzten sich Reformatoren für die Erneuerung der Kirche ein – wie Johannes Calvin und Ulrich Zwingli in der Schweiz.

Statt die Kirche zu reformieren, spaltete die Reformation sie schließlich. In Deutschland bildeten sich reformierte und lutherische Gemeinden. Ihre Unterschiede wurden mit der Zeit oft unbedeutender, und 1802 gründeten sich erste unierte Gemeinden, 1817 schlossen sich die reformierten und lutherischen Gemeinden zur evangelischen Kirche zusammen.

Bereits im 16. Jahrhundert feierten die evangelischen Christen den Tag des Thesenanschlags. Der Reformationstag gilt heute nur noch in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen als Feiertag. (resa)

Reformationstag und Halloween: Menschen aus der Region feiern heute zwei Feste parallel.

WLZ-FZ erklären auf einer Themenseite in der Mittwochausgabe (31.10.12) was dahintersteckt.

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