Hallenberg

Ergreifende und dramatische Passion auf der Freilichtbühne

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- Hallenberg (ahi). Kreuzigung ohne falschen Theaterdonner, dafür im echten Gewitter: Bei der Premiere auf der Hallenberger Bühne führte auch der Himmel mit Regie.

Wenn der Vorhang im Tempel zerreißt, dann fordert die Regie Blitz und Donner. Ob der akustische Effekt im rechten Moment kam, das dürften nur wenige Eingeweihte bei der Premiere zu den Passionsspielen in Hallenberg mitbekommen haben. Denn während des letzten Liebesmahls zog sich der Himmel zu und mit der Verhaftung Christi setzte Regen ein, der in ein heftiges Gewitter überging, das auch noch während der Kreuzigung anhielt. Dabei begann die Vorstellung unter einem geradezu bibelfilmhaft blauen Himmel, unter dem sich ein breites Panorama antiken Lebens entfaltet: links die Ziegen und ihre Hirten, an denen römische Kohorten und ihr Zenturio auf der Landstraße vorüberziehen. Am rechten Rand sitzen dagegen schon jene Fischer, die Jesus später zu seinen Jüngern machen wird. In etlichen Szenen ist längst auf der Bühne, was erst später in den Mittelpunkt des Geschehens gerät. Besonders sinnhaft wird diese szenische Raffinesse beim Judaskuss, wo sich schon die Mägde des Kaiphas an jenem Feuer wärmen, an dem Petrus (Frank Gehrisch) später Jesus verleugnen wird. Zu Beginn tritt Johannes der Täufer (Berthold Schäfer) in diese vielfältig wuselnde und mit sich selbst beschäftigte Welt. Der Mahner zur Umkehr legt sich denn auch am selben Weg mit den Mächtigen dieser Welt an und wird dort auch verhaftet, nachdem er seinen Erlöser erlebt und getauft hat. Der meidet fortan den breiten Weg – und wird doch zum viel größeren Ärgernis für die Welt. Dass sie Jesus als wahren Menschen zeigt, ist ein noch viel größeres Verdienst der Inszenierung von Birgit Simmler als die Etablierung dieses wunderbaren biblischen Bilderbogens. Allerdings hat die Regisseurin in Burkhard Hesse auch einen Darsteller gefunden, der mit 32 nicht nur im richtigen Alter ist, sondern seinem Jesus eine Menschlichkeit mitgibt, die wenig Spielraum für frömmelnde Anbetung lässt. Dieser junge Mann aus Nazareth ist eher übermütig als weihevoll, etwa im kumpelhaften Spiel mit seinen Jüngern. Zugleich wirkt er beinahe anmaßend, wenn er alles infrage stellt, was gültige Lehrmeinung der herrschenden Klasse ist. Den Gegensatz zwischen dem König eines Reichs, das nicht von dieser Welt ist, und den Herrschenden mit ihren gültigen Werten gestaltet die Inszenierung eindringlich-dramatisch. Jene Szenen, in denen ein Vergleich mit der Tradition vernichtend ausfallen könnte, sind nach der Pause dran: letztes Liebesmahl, die Nacht auf dem Ölberg, der Selbstmord des Judas (Dietmar Weber). Dieses oft jämmerlich einsame Ende eines Verräters ohne Alternativen gerät zum sauber choreografierten Spiel von der Übermacht der Schuld gegen den Einzelnen. Ganz auf sich gestellt bleibt dagegen Burkhard Hesse vom letzten Liebesmahl bis zur Verhaftung. Sein Jesus ringt einsam mit seinem Vater und mit sich, keine Spur von vorschneller Einsicht in die Notwendigkeit des Leidens. Bis zur Entscheidung dürfte dieser menschlich schwache Jesus sogar für etliche allzu routinierte Gläubige ein Stein des Anstoßes sein. Dafür gibt Burkhard Hesse dem Leidenden in den Momenten der Geißelung einen Moment von schier unglaublicher überirdischer Würde, als hätte schon eine innere Verwandlung stattgefunden. Auf den ersten Blick wirkt dieses Passionsspiel so überwältigend schriftnah und so unmittelbar lebensecht, dass kaum Raum für Zweifel oder pharisäerhaftes (theologisches) Vorwissen bleibt, doch schon zu Beginn stören zwei Touristen in heutiger Alltagskleidung das Bild. Zur Neubearbeitung gehören nämlich der Zweifler (Rüdiger Eppner) und der Gläubige (Albert Gödde). Zwei Gestalten, die, wie einstmals der Chor in der klassischen griechischen Tragödie, die Handlung kommentieren und berechtige Zweifel eines Gläubigen an der szenischen Verkündigung anmelden. Nicht davon betroffen sind aktuellere Einflüsse beim letzten Liebesmahl, wo zwei Frauen mit bei Tisch sitzen, eine davon ist Maria Magdalena (Manuela Winter), eine kleine Anspielung auf Dan Browns Sakrileg. Mehr auch nicht, denn der tröstliche Kuss, den Jesus zuvor schon Maria Magdalena auf die Lippen gedrückt hat, ist kaum für Nachkommenschaft im Sinne Dan Browns gut. Das eigentliche Skandalon ereignet sich erst nach der Auferstehung. Denn Christus geht in die Bühnenmitte, wo immer noch der Leichnam von Judas liegt. Bislang war der an falschem Ehrgeiz gescheiterte Jünger nie mehr als ein verächtlich weggeworfenes Werkzeug zum Heil der Gläubigen. Doch in Hallenberg gibt Jesus dem Jünger mit der unvermeidlich bösen Aufgabe das Leben zurück, damit er mit seiner Begleiterin eine Familie gründen kann. Eine längst überfällige Entwicklung.

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