„Geburtshäuser“ des Essener Betreibers für Flüchtlingsheime liegen im Waldecker Land

European Homecare und das Geschäft mit Flüchtlingen

Der ehemalige Gutshof an der Bahnhofstraße in Berndorf wurde Mitte der 1980er-Jahre unter Regie von Fritz Mrosek zum Aufnahmequartier für Aussiedler. Das Gebäude steht zur Versteigerung, Teile nutzt derzeit eine  heimische Möbelfirma. Der Berndorfer Ortsbeirat würde sich eine Wiederbelebung des Hauses wünschen.Foto: Kleine
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Der ehemalige Gutshof an der Bahnhofstraße in Berndorf wurde Mitte der 1980er-Jahre unter Regie von Fritz Mrosek zum Aufnahmequartier für Aussiedler. Das Gebäude steht zur Versteigerung, Teile nutzt derzeit eine heimische Möbelfirma. Der Berndorfer Ortsbeirat würde sich eine Wiederbelebung des Hauses wünschen.Foto: Kleine

Waldeck-Frankenberg - Nach Misshandlungen an Flüchtlingen in einem Burbacher Asylheim (Siegerland) steht die Betreiberfirma „European Homecare“ (Essen) im Blick von Medien und Staatsanwaltschaft. Die Wurzeln von „European Homecare“ liegen im Waldecker Land - eine Geschichte von Glücksrittern, Staatsknete und „Lizenz zum Gelddrucken“.

„Er war ein Gutmensch“, stattlicher Typ, seriöses Auftreten, freundlich und ein diplomatischer Streitschlichter, beschreibt ein Mitarbeiter seinen früheren Chef Fritz Mrosek. Der Korbacher Berufsschullehrer hatte Mitte der 1980er-Jahre den Zustrom an Aussiedlern aus der damaligen Sowjetunion im Blick. So gründete Mrosek mit Geschäftspartnern eine Firma, um Spätaussiedler unterzubringen.

In der Berndorfer Bahnhofstraße erwarben sie einen Hof, in dem die ersten Aussiedler einquartiert wurden. „Manchmal standen fünf, sechs Busse aus Friedland vor der Tür, und wir sorgten dann für die Unterbringung der Russlanddeutschen“, schildert der frühere Mitarbeiter. Friedland war damals die zentrale Aufnahmestelle für Aus- und Übersiedler in der Bundesrepublik. Nicht nur in Berndorf, sondern alsbald rund um den Diemelsee und im ganzen Waldecker Land wurden Neubürger einquartiert.

„Manche haben wir vorm Ruin gerettet“

Der Staat und das Sozialamt beim Landkreis waren froh, dass Privatfirmen angesichts des Zustroms aus Osteuropa die Unterkunft organisierten. Derweil freuten sich auch viele Besitzer von Pensionen oder Ferienwohnungen über wechselnde Gäste und staatlich garantierte Bezahlung, denn im Tourismus auf dem Lande herrschte Flaute. Mancher Hausbesitzer räumte sogar die privaten Gemächer, um Mieteinnahmen durch Aussiedler zu erzielen. „Und manchen haben wir vor dem Ruin gerettet“, sagt Mroseks früherer Mitarbeiter.

Üppig floss das Geld vor allem für die Betreiberfirma. Zeitweise hatte sie rund 30 Unterkünfte belegt, allein im Haus an der Bahnhofstraße waren über 60 Menschen auf Zwischenstation.

Einer von Mroseks Geschäftspartnern hatte zuvor schon auf anderen Feldern staatlich garantierte Früchte geerntet. Helmut Heimerdinger war Geschäftsführer der „Gesellschaft für Berufspädagogik“ (GfB), die in Korbach in den 80er-Jahren beispielsweise Langzeitarbeitslose zu Schlossern und Schreinern umschulte. Die Bezahlung kam vom Arbeitsamt - „Staatsknete“, wie Heimerdinger sagte.

Auffällig wurde die Firma GfB, als 1985 merkwürdige Lohnarbeiten bekannt wurden. Offenbar hatten arbeitslose Umschüler aus der Übungswerkstatt beispielsweise zu äußerst günstigen Preisen auch Autos von Mitarbeitern des Arbeitsamts repariert.

So schlug der Fall aus Korbach bundesweit Wellen, eine Fülle von Arbeitsgerichtsprozessen lief gegen GfB. Der damalige Arbeitsamtsdirektor zeigte sich „gar nicht glücklich“, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete. Aufgeflogen seien die Zustände bei der Firma GfB, weil zwei Umschüler sich damals beim Gewerkschaftsbund beschwert hätten.

Ein weiterer Geschäftspartner Fritz Mroseks produzierte damals noch Kunststoffteile für die Industrie in seinen Werkstätten. Rolf-Dieter Korte war aus Essen ins Waldecker Land gezogen, zuerst nach Rattlar, dann pachtete er von der Waldeckischen Domanialverwaltung den Dommelhof hoch oben auf dem Berg in Ottlar. Die abgelegene Domäne im Wald wurde zum Sitz der Firma „Polyplast Waldeck“, die Verschlüsse und Behälter („nicht aus Schaumstoff“) fabrizierte.

Deutlich einträglicher erwies sich derweil für Korte die Zusammenarbeit mit Fritz Mrosek bei der Unterbringung von Aussiedlern. Ende der 80er-Jahre gründeten sie gemeinsam die „Korte & Mrosek GmbH“ - aus der sich später „European Homecare“ entwickeln sollte.

Nach dem Mauerfall im November 1989 und der politischen Wende in Osteuropa blieb der Zustrom nach Westdeutschland hoch. Zugleich entzündete sich der Krieg auf dem Balkan, der Anfang der 90er-Jahre zusätzlich Flüchtlingswellen und Asylbewerber in die Bundesrepublik führte.

Staat in Not,Privatbetreiber im Boot

Bei der Unterbringung herrschte große Not, wie die Lage in der ehemaligen belgischen Kaserne am Korbacher Stadtrand demonstrierte. Die damals zuständige hessische Familienministerin Iris Blaul (Grüne) ließ 1992 in der Claes-Kaserne eine Außenstelle der Hessischen Gemeinschaftsunterkunft (HGU) Schwalbach einrichten. Rund 600 Flüchtlinge aus aller Herren Länder kamen in die Kaserne, ein Großteil musste in Zelten nächtigen.

Blutige Zwists waren an der Tagesordnung. Ein Algerier stach damals auf einen Landsmann ein, weil der auf dem Bolzplatz angeblich ein Foul begangen hatte. Schuld an der explosiven Atmosphäre war aber vor allem die chaotische Unterbringung auf engstem Raum.

Gut für Länder und Kommunen, dass es private Unternehmen wie „Korte & Mrosek“ gab, das zwar nicht in der Korbacher Claes-Kaserne, aber etwa im Osten Deutschlands zusätzlich aktiv wurde. In Chemnitz übernahm die Firma das zentrale Aufnahmelager des Landes Sachsen in einer früheren sowjetischen Kaserne. „Es war wie die Lizenz zum Gelddrucken“, sagt der frühere Mitarbeiter.

Das Unternehmen expandierte kräftig, die Geschäftspartner verdienten Millionen und kauften Immobilien. In Polen beispielsweise, nahe der deutschen Grenze, erwarb Mrosek einen Bauernhof und eine völlig marode Ziegelei, die offenbar ein zusätzliches Standbein werden sollten. Im Waldecker Land quittierte er dagegen seinen Dienst als Berufsschullehrer.

Korte wiederum kaufte im November 1993 den Dommelhof in Ottlar samt eines Teils der Domänenländereien. Das verpachtete Erbstück des ehemaligen Freistaats Waldeck ging also in Privatbesitz des Unternehmers aus Essen über.

Die Geschäfte liefen wie geschmiert, auch durch gute Kontakte der Asyl-Betreiber zu Politik und Behörden. Dann aber gab es Konflikte zwischen den Firmengründern Fritz Mrosek und Rolf-Dieter Korte: Mrosek wollte nebenher offenbar noch mit anderen Partnern Unterkünfte für Flüchtlinge betreiben. So musste der frühere Korbacher Berufsschullehrer - gegen üppige monatliche Apanage - schrittweise aus der gemeinsamen Firma aussteigen, schildert ein Insider.

Aus „Korte & Mrosek“ wird „European Homecare“

Korte indes expandierte weiter. Mit Blick auf die Europäische Union und neue Wettbewerbsregeln für europaweite öffentliche Ausschreibungen wurde aus der „Korte & Mrosek GmbH“ die Folgefirma „European Homecare“ (EHC). Als Geschäftsführer zeichnete alsbald Rolf-Dieter Kortes Sohn Sascha für die neue GmbH - eingetragen am 15. April 2003 im Handelsregister der Stadt Essen. Weitere EHC-Firmen entstanden mit Sitz in Österreich und später auch in Irland.

Doch schon im Sommer 2003 sorgte das Engagement von EHC in Österreich für Schlagzeilen. In einem Flüchtlingslager in Traiskirchen gab es eine Massenschlägerei mit Fäusten und Tischbeinen, bei der ein Tschetschene starb. Wenig später zeigte eine Asylbewerberin aus Kamerun einen Wachmann an, weil er sie vergewaltigt habe. Das österreichische Blatt „Der Standard“ titelte damals: „Juniorchef Sascha Korte macht Business mit Flüchtlingen“. Der damals 30-jährige „jugendliche Frontmann“ leite das operative Geschäft, „Rolf-Dieter, der Vater, werkt im Hintergrund“.

2010 gab EHC den Betrieb in Traiskirchen auf, 2012 zog sich das Unternehmen aus Österreich geschäftlich zurück. In Deutschland betreibt „European Homecare“ nach eigenen Angaben dagegen rund 40 Unterkünfte. Dazu gehört weiterhin ein Großteil der zentralen Aufnahmestelle des Landes Hessen in Gießen, in der gegenwärtig über 2000 Flüchtlinge untergebracht sind.

Rolf-Dieter Korte lebt heute in Österreich, der Dommelhof in Ottlar fand erst holländische, dann deutsche Besitzer. Der frühere Korbacher Geschäftspartner Fritz Mrosek starb bereits 2003. Seine millionenschweren Engagements durch die Unterbringung von Flüchtlingen mündeten für ihn im finanziellen Desaster. Seinen ersten Wohnsitz hatte er zuletzt einen Katzensprung jenseits der Wal-deck-Frankenberger Kreis- und Landesgrenze im westfälischen Bontkirchen angemeldet - und das Erbe wollte niemand antreten. So fiel auch das Gebäude im waldeckischen Berndorf ans Land Nordrhein-Westfalen.

Die Zwangsversteigerung verlief bislang ergebnislos. Im August 2014 wurde der Wert des Berndorfer Gebäudes in der Bahnhofstraße amtlich auf „0 Euro“ beziffert.

Der von den Misshandlungen an Flüchtlingen in Burbach angeblich nichtsahnende nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) ahnt sicher auch nicht, dass er den Schlüssel zum „Geburtshaus“ von European Homecare quasi selbst in Händen hält.

Hintergrund

Die European Homecare GmbH (EHC) hat ihren Sitz in Essen, Geschäftsführer ist Sascha Korte. Nach eigenen Angaben betreibt das Unternehmen rund 40 Flüchtlingsheime in ganz Deutschland. Devise: „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, Menschen in Not zu helfen und ihnen den Alltag zu erleichtern. Dazu tragen vor allem unsere soziale, organisatorische und interkulturelle Kompetenz und Erfahrung bei. In enger Zusammenarbeit mit öffentlichen Auftraggebern und privaten Institutionen (NGOs, Vereinen etc.) managen wir den Betrieb von Unterkunftseinrichtungen und die soziale Betreuung von Flüchtlingen, Asylbewerbern und Wohnungslosen, die auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Unser Ziel ist, ihnen im Rahmen ihres Aufenthaltes Orientierung zu geben und ihr Selbstwertgefühl zu stärken, damit sie sich in ihrem neuen Leben zurechtfinden.“

Ende September kamen Aufnahmen von der Misshandlung eines Asylbewerbers an die Öffentlichkeit: Zwei Wachmänner zwingen den Mann, sich auf eine Matratze mit Erbrochenem zu legen. Berichtet wurde von einem „Problemzimmer“, in dem es Übergriffe auf Flüchtlinge gegeben haben soll. Auch in Unterkünften in Essen und Bad Berleburg soll es zu Gewalt gegen Flüchtlinge gekommen sein.

Betreiber der Einrichtungen war EHC, die Misshandlungen in Burbach sollen jedoch von Wachleuten des privaten Sicherheitsdienstes SKI (Nürnberg) ausgegangen sein. Die Staatsanwaltschaft dehnte ihre Ermittlungen danach aber auch auf Büros und Geschäftsführung des EHC aus. Die Unterkunft in Burbach wurde auf das Rote Kreuz übertragen.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) geriet unter Druck, weil aus Burbach, aber auch anderen Städten mit Flüchtlingsunterkünften, schon weit im Vorfeld Hinweise an die Landesregierung gegangen seien. Zudem sollen Wachleute in Burbach zur rechtsradikalen Szene gehört haben.

In Hessen betreibt European Homecare eine Außenstelle der zentralen Flüchtlingsaufnahme in Gießen. Dort sind aktuell rund 2400 Menschen untergebracht. Von Gießen aus werden die Flüchtlinge dann nach einem festen Verteilungsschlüssel in die Landkreise verteilt. Trotz der Vorfälle in Nordrhein-Westfalen hält die hessische Landesregierung am Betreiber EHC in Gießen fest. Regie führt in Gießen das Regierungspräsidium. „Bei uns sind die Eingangsvoraussetzungen anders als in Nordrhein-Westfalen“, erklärt RP-Sprecherin Gabriele Fischer auf WLZ-FZ-Anfrage. Das Regierungspräsidium bestimme die beauftragten Sicherheitsdienste selbst, verlange dafür entsprechende polizeiliche Führungszeugnisse sowie soziale und „interkulturelle“ Qualifikation. Auch die Auszahlung von Taschengeld an die Flüchtlinge liege beim RP. Überdies betreibe das Regierungspräsidium die Hauptstelle für Flüchtlinge in Gießen selbst.

In diesem „Stammhaus“ können indes nur maximal 572 Flüchtlinge untergebracht werden. Über 1800 sind dagegen in ehemaligen Mannschaftsunterkünften der US-Streitkräfte einquartiert – unter Ägide von European Homecare. Fazit der RP-Sprecherin Gabriele Fischer in Gießen: „Wir hatten bislang überhaupt keinen Grund, Dinge zu beanstanden.

Von Jörg Kleine

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