WLZ-FZ-Serie 20 Jahre Mauerfall

Familie um 5 Uhr früh vereint

- Als die Berliner Mauer fällt, bedeutet dies nicht nur die Vereinigung beider deutscher Staaten, sondern auch zahlreicher Familien. Die thüringische Verwandtschaft klingelt die Willinger Familie Behle/Volkenrath am frühen Morgen des 11. November aus dem Bett.

Willingen. Donnerstag, 9. November 1989, 20.15 Uhr: Susanne Köllner sitzt im thüringischen Schmerbach, heute Kreis Gotha, vor dem Fernseher und sieht die „Tagesschau“. Ostfernsehen ist für die gläubige Katholikin mit West-Verwandtschaft in Willingen kein Thema. Die Nachricht von der Lockerung der Reiseregelungen, die Günter Schabowski kurz zuvor live im DDR-Fernsehen verlesen hat, wird wiederholt. Sofort berichtet Susanne Köllner ihrem Mann Hans-Martin, der in der Garage werkelt. „Da musst du dich verhört haben“, ist die erste Reaktion. Die ganze Familie wird informiert und verbringt den Rest des Abends vor dem Fernseher.

„Nachdem wir zuvor Woche für Woche zu den Friedensdemonstrationen nach Friedrichroda, Wittenberg und Erfurt gefahren waren – die gab es nämlich auch in kleineren Städten nicht nur in Großstädten wie Leipzig –, haben wir natürlich sofort überlegt, was wir jetzt machen“, blickt Susanne Köllner zurück. „Mein Mann absolvierte damals einen Computerlehrgang für Maschinenbau-Konstruktion“, ergänzt sie. Da zu dieser Zeit noch niemand an das schnelle Ende der DDR glaubt, will er diesen wertvollen Platz nicht aufgeben. So entscheiden sich beide, abzuwarten und am 10. November zum Lehrgang sowie zur Arbeit in der Uhrenfabrik zu gehen.9. November, etwa zur gleichen Zeit in Willingen: Angelika Volkenrath, geborene Behle, ist bei der Hausarbeit, der Fernseher läuft. Als sie von Schabowskis Rede hört, wird sie aufmerksam. Die Hälfte ihrer Familie lebt am Rande des Thüringer Waldes. Ihre Mutter Dora, 1920 im thüringischen Tabarz geboren (Foto), hatte die sowjetische Besatzungszone 1946 verlassen, um den Willinger Malermeister Fritz Behle zu heiraten.

Einseitige Reisefreiheit

Besuche der Angehörigen aus Thüringen waren mit der Gründung beider deutscher Staaten 1949 immer schwieriger, mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 fast unmöglich geworden. Mit rechtzeitig beantragtem Visum (Foto) konnten die Willinger zwar jederzeit in den schönen Thüringer Wald reisen, zum Beispiel zum Winterausflug im Februar 1979 (Foto). Das taten sie in der Regel zweimal im Jahr, das Auto vollgepackt mit allem, was in die DDR eingeführt werden durfte. „Meine Mutter hat sogar immer geschmuggelt, in dem sie uns Kindern Deutsche Mark in die Kleidersäume eingenäht hat“, erinnert sich Angelika Volkenrath.

Gegenbesuche im Upland waren hingegen nur von Rentnern sowie von nahen Verwandten zu besonderen Anlässen möglich. So durften die Schwestern von Dora Behle nach dem Mauerbau erstmals zu deren Beerdigung 1978 nach Willingen fahren. Um die Fluchtgefahr zu bannen, bekam jedoch immer nur ein Mitglied einer Familie ein Visum. Den Blick auf die Edertalsperre im Rahmen der Reise zum 70. Geburtstag von Fritz Behle genossen daher sein Neffe Martin Hüther und seine Nichte Bringfriede Radtke (Foto), ihre Partner hatten sie aber in der DDR zurücklassen müssen.Schabowskis Ankündigung weckt in Angelika Volkenrath neue Hoffnung auf die Vereinigung der Familie. Sofort greift sie zum Telefonhörer, denn Köllners sind eine der wenigen Familien in Schmerbach, die ein Telefon besitzen. Keine Verbindung – bis spät in die Nacht.

Freitag, 10. November: „Ab mittags war das Uhrenwerk leer gekehrt. Alle haben nur noch davon gesprochen, sich die Reisepapiere beim Amt zu besorgen und in den Westen zu fahren“, erzählt Susanne Köllner. Nun macht auch sie sich gemeinsam mit ihrem Mann sowie ihren Eltern Martin und Grete Hüther zur Polizeistation Waltershausen auf. „Die Schlange schien uns kilometerlang, aber natürlich haben wir uns angestellt“, lächelt die Thüringerin. In der heutigen Korbacher Partnerstadt erhalten sie nach stundenlangem Warten am frühen Abend des 10. November die „Visa zur ständigen Ausreise“ (Schabowski).

Gastfreundliche „Wessis“

Umgehend geht es in Martin Hüthers Skoda in Richtung Grenze. „Da die alte Grenzübergangsstelle bei Herleshausen nur einspurig war, haben wir dort Stunden im Stau zugebracht“, erinnert sich Susanne Köllner. In Kassel erkundigt sich die Familie noch einmal nach dem Weg. „Ein Mann ist vorneweg gefahren, damit wir möglichst schnell weiterkommen. Das war das erste tolle Erlebnis im Westen.“ Endlich bekommt auch Angelika Volkenrath eine Verbindung zu Susannes Schwiegermutter in Schmerbach. Als es am Samstag, 11. November, um 5 Uhr in der Früh an der Haustür in Willingen klingelt, ist der Sekt daher schon kalt gestellt. Die Freude über die vereinte Familie ist so überwältigend, dass niemand daran denkt, diesen historischen Moment fotografisch festzuhalten.Wenige Stunden später klingelt es erneut. Jetzt ist es allerdings das Telefon. Ein Mitarbeiter der Willinger Gemeindeverwaltung hatte das „Auto aus der Zone“ vor dem Haus entdeckt und wollte gern das Begrüßungsgeld von 100 Mark pro Person auszahlen. „Wir sind zu ihm gefahren und haben die 400 Mark beim Frühstück in der Küche bekommen“, freut sich Hans-Martin Köllner noch heute über die Gastfreundschaft. „Damit der Besuch einkaufen konnte, haben sogar die Geschäfte am Wochenende geöffnet“, ergänzt Reiner Behle. „Das war in der ruhigen Zeit im November nicht selbstverständlich.“

„Früher öfter gesehen“

Ganz perfekt ist das Glück aber noch nicht: Susannes Schwester Andrea und ihr Mann Heiner Bischof sind weiterhin in Thüringen. „Andrea hat fürchterlich geweint, weil sie krankgeschrieben war, und in der DDR musste man jederzeit mit Kontrollen rechnen“, erklärt Susanne Köllner. „Lange haben sie es aber nicht ausgehalten. Weil wir in Willingen waren, wollten sie dann zu Freunden nach Aschaffenburg.“ Die Bayern sind aber bereits nach Willingen unterwegs, um die Thüringer in die Arme zu schließen. Für Bischofs geht es daher sogleich von Aschaffenburg längs durch Hessen, bis Familie und Freunde im Upland die deutsch-deutsche Vereinigung feiern (Foto).

20 Jahre später ist die Freude ungetrübt: „Bei allem, was im vereinten Deutschland noch verbesserungswürdig ist, wir wollten die DDR nie zurückhaben“, betont Susanne Köllner. „Allerdings haben wir uns früher öfter gesehen als heute, da die Besuche immer fest geplant werden mussten“, bedauert Angelika Volkenrath. „Jetzt haben wir die lang ersehnte Reisefreiheit und schieben viele Besuche auf, weil wir so viel zu tun haben“, ergänzt Susanne Köllner, die mit ihrem Mann eine Vakuum-Härterei betreibt. Ein Gegenbesuch der Willinger in Thüringen ist jedoch fest eingeplant. Der Sekt kann kalt gestellt werden.

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