Franz Keller 1903 in Bromskirchen ermordet - Spektakulärer Gerichtsprozess folgte

Fast vergessener Kriminalfall: Förster durch 29 Schrotkugeln getötet

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Ein großer Gedenkstein erinnert an den Mord des Försters Franz Keller im Mai 1903. Um die Pflege kümmert sich der Verein „Historisches und kulturelles Bromskirchen“, in dem sich auch Jürgen Helduser engagiert. 

Ein großer Gedenkstein, gepflegt und durch ein Gitter gut geschützt, steht an der Eichenhardt im Bromskirchener Wald. Er erinnert an den Mord des königlichen Försters Franz Keller, der am 31. Mai 1903 geschah.

„Frech und mit dreister Mien“’, so steht es in den Gerichtsakten, soll Karl S. aus Bromskirchen am 11. September 1903 den Gerichtssaal betreten haben. An diesem Tag verhandelte die Strafkammer Marburg gegen den gerade 17-Jährigen. Knapp vier Monate vorher, am Pfingstsonntag, hatte er den königlichen Förster Franz Keller im Wald bei Bromskirchen mit einem Schrotgewehr erschossen.

Der Gerichtssaal war bis auf den letzten Platz besetzt. Viele Förster aus der Umgebung waren gekommen, Nachbarn der Familie, die Angehörigen des Kellers und natürlich Neugierige. Bromskirchen war damals eine 770 Seelen Gemeinde und ein Mörder aus ihren Reihen, das war nicht nur erschreckend, sondern auch spannend. Das hartnäckige Gerücht er habe im Auftrag gehandelt, machte den Prozess noch interessanter.

Jürgen Helduser engagiert sich seit vielen Jahren im Verein „Historisches und kulturelles Bromskirchen“. „Bis heute erzählen sich die Leute, dass damals wohl noch andere an der Tat beteiligt waren“, sagt er. „Aber dieser Teil der Vergangenheit bleibt uns trotz der vielen Dokumente, die uns vorliegen, verborgen.“

Franz Keller hatte den Ruf, ein ruhiger und sehr gewissenhafter Mann zu sein. Mit seiner kleinen Familie lebte der Vater eines zweijährigen Sohnes in einem bescheidenen Forsthaus. Seine Frau erwartete das zweite Kind. Er hätte zufrieden sein können, doch ungeklärte Pachtverhältnisse in seinem großen Revier mit vielen unterschiedlichen Pächtern führten immer wieder zu Problemen.

Das sogenannte Kreuz, der Platz vor dem damaligen Bromskirchener Rathaus, war um 1900 der Treffpunkt der Jugendlichen – auch für Karl S., der wegen Mordes an Förster Franz Keller verurteilt wurde.

Der pflichtbewusste Förster hatte sich mit Anzeigen wegen des Verstoßes gegen die Jagd- und Fischereigesetze einige Feinde gemacht und sogar Morddrohungen erhalten. Er wollte deshalb nach nur vier Jahren Amtszeit nicht länger in Bromskirchen bleiben und beantragte zum 1. Juli seine Versetzung.

Am Sonntagnachmittag des 31. Mai entschloss er sich noch einmal zu einem Kontrollgang durch den Wald und traf dort auf seinen Mörder. Der verhängnisvolle Schuss fiel zwischen 14 und 15 Uhr. Erst abends gegen 20 Uhr fanden zwei junge Männer den toten Förster in einer Blutlache auf dem Bauch liegend. Die noch in der Nacht eintreffende Polizei aus Hallenberg stellte fest, dass Franz Keller aus nächster Nähe durch einen Schuss mit einem Vorderlader getroffen wurde. In seinem Herz und der Lunge fanden die Rechtsmediziner 29 große Schrotkugeln.

Sehr schnell wurde Karl S. als dringend tatverdächtig festgenommen und angeklagt. Er war das neunte von zwölf Kindern einer angesehenen Familie im Dorf. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern allerdings geriet er häufig in Konflikt mit dem Gesetz und der Polizei. Er brachte ein langes Vorstrafenregister wegen Diebstahl, schwerem Diebstahl, Sachbeschädigung und Körperverletzung mit in die Verhandlung. Jagen ohne Berechtigungsschein, ein Messerdiebstahl und die Bedrohung der Tochter seines Dienstherrn waren an diesem Septembertag weitere Anklagepunkte.

Der Hütejunge und Tagelöhner leugnete die Tat zunächst, doch umfangreiche Zeugenaussagen, ein verstecktes Gewehr und das Verhalten des Täters vor der Tat waren dem Gericht Beweis genug. Und schließlich gestand er. Die Anklage ging allerdings von Totschlag aus, da er zwar vorsätzlich, aber dennoch unüberlegt gehandelt habe.

In diesem Forsthaus lebte Franz Keller mit seiner Familie.

Immer wieder geriet auch der Zeuge Müller, Landwirt und Pächter des Gebietes, in dem Franz Keller erschossen wurde, in den Verdacht, den Jugendlichen zum Mord angestiftet zu haben. Allerdings fehlten dazu die Beweise und Karl S. schwieg. Er wurde schließlich zu insgesamt sieben Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt.

In der Zeitschrift „Wild und Hund“ war damals zu lesen: „Zu wünschen wäre, dass er seine Verführer oder Auftraggeber nennt, damit man die eigentlichen Mörder fassen kann. (...) Die in die Verhältnisse eingeweihten Beamten und Kollegen des Erschossenen sind von vornherein davon überzeugt gewesen, dass hier mehrere die Hand im Spiel hatten und der Verurteilte nur ein Werkzeug war.“

Lehre im Gefängnis und anschließend unauffälliges Leben

Karl S. machte während der Haftzeit eine Schreinerlehre und zog nach der Entlassung aus dem Gefängnis nach Herne. Er baute sich dort eine angesehene Schreinerwerkstatt auf. Er lebte unauffällig und geriet nie wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Im Zweiten Weltkrieg wurden sein Haus und seine Werkstatt völlig ausgebombt. In den Trümmern starb seine Frau. Nach diesem Schicksalsschlag arbeitete er als Sprengmeister in einer Zeche. Seinen Sohn und Vater seiner Enkelin verlor er später durch einen Unfall. Bis zu seinem Tod 1963 verbrachte er seinen jährlichen Urlaub in der alten Heimat. Nachkommen von ihm leben in Bromskirchen nicht mehr. 

Kollegen von Franz Keller und wie es damals hieß „Freunde der grünen Farbe“ sammelten nach seiner Beerdigung am 5. Juni 1903 für den Gedenkstein, der seit über einem Jahrhundert an den Getöteten erinnert. Sie konnten aus dem Erlös auch die Witwe unterstützen, die das Geld dringend brauchte, denn im Monat der Urteilsverkündung brachte sie das zweite Kind Franz Kellers zur Welt.

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