Interview zum Tag des Ehrenamts

Frankenberger Klaus Hartmann: „Vereine sind eine  tragende Säule der Gesellschaft"

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Er kennt sich aus bei den Themen Ehrenamt und Vereinsarbeit: Klaus Hartmann ist seit 1979 im Altkreis Frankenberg in vielen Vereinen ehrenamtlich tätig, unter anderem als Vorsitzender für den TSV Frankenberg oder für den Lebenshilfe-Verein, dessen Basar er mitorganisiert. Zusammengezählt bringt es Hartmann auf 224 Jahre ehrenamtliche Tätigkeit.

 Frankenberg. Warum ehrenamtliche Arbeit, insbesondere die von Vereinen, wichtig ist und wie man sie fördern könnte und sollte, das erläutert  der Frankenberger Klaus Hartmann im WLZ-Interview. Er ist in vielen Vereinen tätig.

Der heutige 5. Dezember ist der Internationale Tag des Ehrenamtes. Im Frankenberger Land wären viele kulturelle, soziale, sportliche und gesellschaftliche Aktivitäten ohne Ehrenamtliche nicht möglich. Wir haben mit dem Frankenberger Klaus Hartmann gesprochen, der sich seit Jahren vielfältig ehrenamtlich engagiert.

Herr Hartmann, warum engagieren Sie sich ehrenamtlich?

Klaus Hartmann: Ich habe als Jugendlicher selbst sehr davon profitiert, dass ehrenamtliche Trainer und Betreuer meine sportlichen Aktivitäten im Verein unterstützt, verbessert und persönlich begleitet haben. Dabei habe ich unterschiedliche Erfahrungen gemacht – in den Einzelsportarten Turnen und Leichtathletik wie auch im Mannschaftssport beim Handball. Diese Förderung fiel auch in die Phase des Erwachsenwerdens und hat meine Charakterbildung – Einsatzbereitschaft, Durchhaltevermögen, Energieleistung, Kameradschaft, Verantwortung, Zuwendung, Belastbarkeit – deutlich mit beeinflusst. Von diesen positiven Lebens-Erfahrungen möchte ich gerne meinen mir möglichen Teil wieder an die Gesellschaft zurückgeben.

Welche Bedeutung haben Vereine und andere ehrenamtlichen Gruppen in der Region?

Hartmann: Wenn wir uns die Landschaft von ehrenamtlichen Gruppen und Vereinen in unserer Region anschauen, können wir erkennen, dass diese – neben dem Arbeitsplatz – als „weiche Standortfaktoren“ das eigentlich Lebenswerte ausmachen mit ihren vielseitigen Angeboten im Bereich Sport, Soziales, Kultur, Bildung, Gesundheit und Freizeit.

Haben die Vereine genug junge Leute in den Ehrenämtern?

Hartmann: Das wird immer mehr zu einem Problem, weil bei der Entwicklung zur Ganztagsschule die Jugendlichen durch weniger Freizeit immer weniger Raum für eigene Vereinserfahrungen haben und somit kaum noch in die Vereinsstrukturen hineinwachsen. Sie sind oft nur noch Konsumenten dieser Angebote. Spätestens durch die Ausbildung oder durch das Studium an einem anderen Standort verlieren wir vor Ort junge Leute für die Mitarbeit in Vereinen. Beim Berufseinstieg und bei Familiengründungen werden heute andere Prioritäten gesetzt, der Berufsalltag bietet oft keine geeigneten Arbeitszeiten an für ein verbindliches Ehrenamt.

Wie kann man junge Leute fürs Ehrenamt gewinnen?

Hartmann: Notwendig ist, jungen Menschen die Möglichkeiten der Mitarbeit in unterschiedlichen Aufgabenbereichen anzubieten, sie bei der Einarbeitung zu unterstützen, eine öffentliche Anerkennungskultur zu pflegen, ihnen Fortbildungen zu ermöglichen und ihnen zuzutrauen Verantwortung zu übernehmen und den Wert des Ehrenamtes zu erkennen.

Warum ist es wichtig, mit einem Tag wie heute aufs Ehrenamt aufmerksam zu machen?

Hartmann: Das Ehrenamt ist bisher in Deutschland immer noch eine tragende Säule des gesellschaftlichen Lebens. Wenn wir das nicht aufgeben wollen, benötigen wir auch Nachwuchskräfte, die dieses Angebot für die Zukunft aufrecht erhalten und weiterentwickeln. Auch wenn die Politik in Hessen die Weichen für eine Rückkehr zu G9 gestellt hat, wird der Trend zur Ganztagsschule kaum aufzuhalten sein. Die dortigen zusätzlichen Angebote am Nachmittag können aber die alten Strukturen aus dem Vereinsbereich nicht ersetzen – Nachhaltigkeit, Gruppenentwicklung, Wettkampfbereich –, die prägend sind für die Jugendlichen. Hier muss die regionale wie überregionale Politik die materiellen Rahmenbedingungen für die Vereine deutlich verbessern, damit die oben genannten Strukturmängel durch Aktivitäten in den Vereinen oder in Zusammenarbeit mit Schulen weiter ausgeglichen werden können.

Die meisten Vereine gibt es seit Jahrzehnten, auch viele Vorstände sind seit vielen Jahren im Amt. Ist unsere Vereinsstruktur noch zeitgemäß?

Hartmann: Nun ja, von der Grundstruktur her ist ein Verein die einfachste Möglichkeit, ein „Unternehmen“ zu gründen, zu führen und im laufenden Betrieb zu verantworten. Aber auch hier ist die dafür zuständige Politik gefordert, dass die zunehmende Bürokratie das Ehrenamt nicht immer weiter behindert. Sowohl im Vereinsrecht wie im Steuerrecht, Datenschutzrecht und auch im Sozialversicherungsrecht werden immer mehr komplizierte Hürden aus den zuständigen Behörden aufgebaut, die den Zulauf von Ehrenamtlichen erschweren. Es muss wieder Spaß machen, sich für die Gesellschaft einzusetzen, dann finden auch junge Leute wieder einen Zugang zu den Vereinen, die mit ihren neuen Ideen und Aktivitäten eine Fortentwicklung sicherstellen. (mjx)

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