Unterstützungsbedarf für Opfer häuslicher Gewalt steigt auch in Wildunger Einrichtung

Frauenhäuser stehen hessenweit unter Druck

+

Waldeck-Frankenberg – Für viele Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, gibt es oft nur einen Zufluchtsort – ein Frauenhaus. In Hessen ist die Situation jedoch prekär, immer öfter gibt es keine freien Plätze.

Nach Auskunft des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes fehlen in hessischen Frauenhäusern mindestens 300 Plätze für Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Gleichzeitig stiegen die Anforderungen ans Personal.

Auch das hessische Sozialministerium warnt: Bis 2017 habe es Engpässe nur in den Ballungsräumen gegeben. Seit 2018 zeichne sich jedoch eine Überlastung der Einrichtungen auch im ländlichen Raum ab. „Bei uns ist der Anteil junger Frauen, die zu uns kommen, gestiegen. 2018 waren über zwei Drittel der Mütter unter 30 Jahre alt“, berichtet Lena Göst-Lewandowski vom Frauenhaus in Bad Wildungen – dem einzigen in Waldeck-Frankenberg. „Das bedeutet aufgrund des Alters, mangelnder Erfahrung, geringer Erziehungskompetenzen und spezifischen kulturellen Hintergründen einen enormen Beratungs- und Unterstützungsbedarf durch unsere Mitarbeiterinnen.“

Ein Teil der jungen Frauen werde nicht vom Partner sondern von anderen Familienmitgliedern bedroht. „Einige fliehen auch vor Zwangsverheiratung“, sagt Lena Göst-Lewandowski und spricht in damit auch die steigenden Zahlen bei der Aufnahme von Frauen mit Migrationshintergrund an. „Durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit erfahren immer mehr Migrantinnen und Geflüchtete von ihren Rechten. Sie fliehen vor ihren gewalttätigen Ehemännern – mit und ohne Migrationshintergrund – ins Frauenhaus.

Migrantinnen, die Gewalt erfahren, könnten auf weniger eigenen Ressourcen zurückgreifen, um eigenständige Lösungen zu finden. „Die Beratung und Begleitung dieser Frauen erfordert von uns daher eine hohe interkulturelle Kompetenz, ein Vielfaches an Zeit und Kooperationsarbeit. Auch mangelnde Deutschkenntnisse erschweren die Beratungsarbeit“, so Lena Göst-Lewandowski.

Hinzu komme: Die Situation werde durch den Mangel an bezahlbarem Wohnraum, der mittlerweile nicht nur in den Großstädten existiere, sowie durch die verlängerten Aufenthaltszeiten, erschwert. 

„Schon seit Jahren klagen die Frauenhäuser über Platz- und Geldmangel. Nun aber verschärft sich die Situation“, sagt Lena Göst-Lewandowski. Dies liege unter anderem am angespannten Wohnungsmarkt und an den steigenden Mieten, die es Frauenhaus-Bewohnerinnen immer schwerer machten, bezahlbare Wohnungen zu finden. „Dies führt zu einer längeren Verweildauer der Frauen und ihrer Kinder in den Frauenhäusern.“

Es kommt auch zu Abweisungen, aber selten

"Bei uns sind aktuell nicht alle Plätze belegt. Wir haben acht Zimmer mit 24 Plätzen. Es können maximal acht Frauen aufgenommen werden, da die Zimmer unterschiedlich groß sind. Jede Frau bewohnt – ob alleinstehend oder mit Kindern – ein Zimmer alleine. Doppelbelegungen finden nicht statt", sagt Lena Göst-Lewandowski. Von daher sollte die Frage nicht auf freie Plätze ausgerichtet sein, sondern auf freie Zimmer. 

Wenn Frauen mit und ohne Kinder abgewiesen werden, habe das unterschiedliche Gründe und müsse differenziert betrachtet werden. "Hier einige Beispiele: Wenn nur unsere Einzelzimmer frei sind, können wir keine Frauen mit Kindern aufnehmen. Asylbewerberinnen und Asylsuchende aus anderen Landkreisen, die eine Wohnsitzauflage haben und den dortigen Landkreis nicht verlassen dürfen, haben nicht automatisch Anspruch darauf, dass die Kosten des Aufenthaltes im Frauenhaus übernommen werden. Wenn keine Kostenzusage erfolgt, können wir diese Frauen und Kinder nicht aufnehmen", so Lena Göst-Lewandowski.

Auf die Frage, was es noch Abweisungs-Gründe gebe, sagt die Frauenhaus-Mitarbeiterin. "Wenn die Gefährdungslage für die Frau mit und ohne Kinder im Landkreis zu hoch ist, und von daher ihre Sicherheit in unserem Frauenhaus nicht gewährleistet ist, können wir die Frau auch nicht aufnehmen." 

Es komme auch im Bad Wildunger Frauenhaus vor, dass man Frauen  aus Kapazitätsgründen abweisen müsse. Allerdings sehr selten. Eine genaue Zahl liege auch nicht vor. "Da wir ein relativ kleines Team sind, kommt es urlaubs- und krankheitsbedingt immer wieder zu Engpässen in unseren Ressourcen", sagt Lena Göst-Lewandowski. 

Im Falle einer Abweisung berate man die Frauen am Telefon über die Möglichkeiten von Schutzmaßnamen. "Wir vermitteln sie bundesweit in ein anderes Frauenhaus. Bei akuter Gefährdungslage vermitteln wir sie an die Polizei. Je nach Situation verweisen wir die Frauen auch an Fachberatungsstellen vor Ort oder suchen mit ihnen nach kurzfristigen alternativen Unterbringungsmöglichkeiten bei Freunden oder Verwandten", berichtet Lena Göst-Lewandowski. 

Einen umfassenden Blick auf die Situation im Frauenhaus in Bad Wildungen erhalten Sie in unserer gedruckten Montagsausgabe vom 29. Juli

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare