WLZ-FZ-Serie 20 Jahre Mauerfall

Fußballerischer Verlierer der Wende

- Für DDR-Nationalspieler Matthias „Atze“ Döschner kam der Mauerfall wegen eines wichtigen Spiels zu früh und wegen seines Alters zu spät.

Marsberg. Wo waren Sie am 9. November 1989? Auf diese Frage haben viele Deutsche eine Antwort parat, die wie aus der Pistole geschossen kommt. Bei Matthias Döschner (51) ist das anders. Der 40-malige DDR-Fußball-Nationalspieler muss einige Sekunden nachdenken, dann sagt er: „Ich meine, wir waren mit Dynamo Dresden in der Vorbereitung auf das UEFA-Pokalspiel gegen den VfB Stuttgart.“

Da liegt er falsch. Döschner stand nämlich mit seinen DDR-Mannen kurz vor Wien. Hat das weltbewegende Ereignis Mauerfall den gebürtigen Dresdener nicht so sehr bewegt? „Ich bin nur einmal bei den Demonstrationen dabei gewesen und dann auch mit in die Kirche gegangen“, betont der 51-Jährige und fügt schnell entschuldigend hinzu: „Ich bin kein politischer Mensch.“ Seine Worte sollen bloß nicht so klingen wie: Sie waren das Volk.

Döschner mochte die DDR und die DDR mochte Sportler wie ihn. Sie förderte sein fußballerisches Talent von Kindesbeinen an. Und dafür ist er ihr heute noch dankbar. Er durfte die Kinder-und Jugendsportschule besuchen und das System erlaubte einen Aufstieg vom Elektronikfacharbeiter zum Berufsfußballer mit Staatsamateurstatus bei Dynamo Dresden in der höchsten Spielklasse, der Oberliga. Profisport gab es ja im Arbeiter- und Bauernstaat offiziell nicht. Dass die DDR-Führung viele Sportler auch politisch und gesundheitlich (Doping) missbraucht hat, sieht Döschner erst heute ein.

3000 Ostmark, Siegprämie, Westreisen

Er hatte es in diesem Land zu etwas gebracht und war mit einigen Privilegien ausgestattet, wie etwa überdurchschnittliches Gehalt – Dresden zahlte im Schnitt 3000 Ost-Mark plus 600 Siegprämie pro Spiel, ein Auto und zwar sofort und nicht erst nach Jahren, ein gute Wohnung und natürlich West-Reisen mit Verein oder Nationalteam. Der zweifache Familienvater und mittlerweile dreifache Opa Döschner, den im Osten alle nur „Atze“ nennen, wäre auch nie geflüchtet.

Jedes Geld und jeder Kaufhausglanz sei doch nichts gegen eine Familie und gute Freunde, versichert der 51-Jährige sehr glaubhaft. Teamkollegen, die anders gedacht oder gar gehandelt haben, konnte er nie verstehen. „Mit dem Frank Lippmann war ich nachmittags noch Babysachen kaufen und abends war er weg“, erinnert sich Döschner an jenen 19. März 1986 in Krefeld, wo das legendäre Europacupspiel Bayer Uerdingen gegen Dynamo Dresden stattfand. Das Hinspiel hatten die Sachsen mit 3:1 gewonnen, so stand es auch zur Pause im Rückspiel. Doch der Bundesligist drehte die Partie noch sensationell auf 7:3.

Lippmann schoss noch ein Tor für Dynamo und flüchtete. Er ließ Frau mit Baby zurück. Darüber schüttelt Döschner heute noch den Kopf, zumal die ganze Mannschaft darunter zu leiden hatte. Trainer Klaus Sammer wurde entlassen und „wir Spieler wurden verhört“. Dösch­ner verurteilte zwar Republikflucht und er lebte gern in der DDR, aber was sagt er zu den Themen Doping, Mauerschützen oder Stasi? „Heute weiß ich natürlich mehr darüber und es sind schlimme Dinge passiert, wie etwa die Zwangsadoption von Kindern bei angeblich staatsfeindlichen Eltern oder auch wie brutal die politischen Häftlinge in Bautzen (Gefängnis, d. Red.) teilweise behandelt wurden, aber mit der Stasi sind wir Fußballer in Dresden locker umgegangen, denn mit diesen Leuten hatten wir tagtäglich zu tun, weil der Name ‚Dynamo' immer ein Club der Polizei oder des Ministeriums für Staatssicherheit war, genau wie etwa der BFC Dynamo in Berlin. Wir waren der Polizeiclub und der BFC war der Stasi-Club.“

Schiris von Mielke geschmiert

Stimmt der Vorwurf, dass die Fußball-Meisterschaft der DDR nicht immer ausgespielt, sondern delegiert wurde von Stasi-Chef Mielke an seinen BFC? „Ja, das glaube ich auf jeden Fall, ich schätze, dass von den zehn Meistertiteln, die der BFC geholt hat, drei oder vier auf sportlich fairem Weg erreicht worden sind. Die Schiedsrichter wollten auch mal im Ausland pfeifen und haben sich dafür von Mielke schmieren lassen. Mielke hat ja auch Spieler einfach zum BFC delegiert, wie etwa Thomas Doll, Torwart Bodo Rudwaleit oder Frank Pastor“, erzählt Dösch­ner und bleibt dabei ganz ruhig, nicht ein wütender Ton liegt in seiner Stimme. „Die Wut darüber ist verflogen. Das ist vorbei“, sagt der 51-Jährige.

Vorbei ist allerdings auch sein geplatzter Transfer direkt nach der Wende zum griechischen Erstligisten OFI Kreta, aber bei diesem Thema klingt Döschers Stimme säuerlich anders: Trotzig wie ein Kind erzählt er, warum dieser Wechsel geplatzt ist, der seinem 31 Jahre alten Leben möglicherweise eine ganz andere Richtung gegeben hätte. „Die Griechen hatten ihr Kommen angemeldet und die Verantwortlichen von Dynamo Dresden haben sie einfach nicht vom Flughafen abgeholt. Daraufhin sind die Griechen wieder nach Hause geflogen und ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört.“ Warum er nicht nochmal bei dem Verein angerufen hat, weiß Döschner heute auch nicht. Eigenverantwortlich um Verträge pokern, sei Neuland für einen DDR-Spieler gewesen. „Damit waren wir doch alle völlig überfordert.“

Das wusste vermutlich auch die Manager-Meute der Bundesliga, als sie sechs Tage nach dem Mauerfall nach Wien reiste. Für sie war das WM-Qualifikationsspiel DDR gegen Österreich am 15. November 1989 ein gefundenes Fressen: Die besten Spieler der DDR – alle auf einen Haufen. Den Ostdeutschen fehlte noch ein Punkt für das WM-Ticket nach Italien, aber den sollten Sammer, Kirsten, Döschner, Thom und Co. nicht holen – 0:3. Nationaltrainer Eduard Geyer reagiert heute noch verärgert auf diese Niederlage, weil in der Wendezeit eine Vorbereitung auf dieses wichtige Spiel quasi nicht möglich gewesen sei, sagt der spätere Bundesligatrainer von Energie Cottbus in einem Beitrag des WDR-Magazins „Sport inside“. „Wir haben trainiert und sind dann aber ganz schnell wieder vor den Fernseher“, erinnert sich Ulf Kirsten in dem Beitrag an die Spielvorbereitung.

Geyer wollte seine Spieler zumindest vor der zu Dutzenden angereisten Schar von Managern und Spielervermittlern abschotten. Das gelang ihm aber auch nur bedingt. Einer dribbelte die DDR-Funktionärsabwehr besonders fintenreich aus: Rainer Calmund, Manager von Bayer Leverkusen. Mit einer Fotografen-Akkreditierung verschafft er Jugendbetreuer­ Wolfgang Karnath Zugang in den Innenraum des Praterstadions in Wien. Er soll Vertrauen zur DDR-Delegation aufbauen und die Telefonnummern und Adressen der Spieler beschaffen. Matthias Sammer erinnert sich: „Ich saß bereits ausgewechselt auf der Bank, als plötzlich ein Fotograf neben mir saß. Er gab mir schnell zu verstehen, dass er von Bayer Leverkusen geschickt sei und meine Adresse haben wollte.“

Der Plan ging auf, Karnath flog sogar mit der DDR-Auswahl zurück und ergatterte schließlich alle Spieler-Adressen – kurze Zeit später waren die ersten drei Verträge von Kirsten, Sammer und Thom unterschrieben. Dann aber funkte die Politik dazwischen. Bundeskanzler Kohl soll befürchtet haben, dass diese Shopping-Tour durch die DDR Ost-West-Spannungen nach dem Motto „der gierige Wessi“ erzeugen könnte. Calmund musste die Verträge zurückziehen, hielt aber Kontakt.

Wenige Wochen später lotst Calmund dann doch Andreas Thom vom BFC Dynamo als ersten DDR-Spieler in die Bundesliga, kurze Zeit später folgte Ulf Kirsten. Sammer wechselt zum VfB Stuttgart. Und Matthias Dösch­ner? Für ihn kam die Wende mit 31 Jahren zwar ein wenig spät, aber auch er wollte nach über 250 Spielen für Dynamo Dresden und 40 Länderspielen sein Fußballglück nach der Pleite mit den Griechen noch einmal im Westen suchen. Natürlich lockte auch das Geld. „Mich hatte der Herr Karnath damals auch angesprochen. Er wurde übrigens danach der Manager von Ulf Kirsten.“ Dösch­ner hatte auch Angebote aus der ersten Liga, unter anderem vom FC St. Pauli, aber er entschied sich für den Zweitligisten Fortuna Köln.

„Im Nachhinein ein Fehler“

„Das war im Nachhinein ein großer Fehler“, sagt Döschner. „heute würde ich auf jeden Fall in die erste Liga wechseln.“ Was dem Dresdener Staatsamateur-Trio als Erstes in Köln auffiel, war die menschliche Kälte des Profifußballs. „Da gab es keine Freundschaften. Bei Dynamo hatte ich viele Freunde in der Mannschaft, wir haben auch in der Freizeit gemeinsam was unternommen. Wir waren fast nur Dresdner, die schon seit der Jugend zusammengespielt haben.“ Dennoch sei die Zeit in Köln für ihn eine sehr lehrreiche Zeit gewesen, fußballerisch und auch menschlich. Da war zum Beispiel das Multi-Kulti-Leben, das es in der DDR nicht gab. „In Köln haben fünf Katholiken, zwei Protestanten mit einem Moslem und drei Atheisten aus der DDR zusammengespielt. Ich habe dort das erste Mal mit einem Schwarzen Fußball gespielt, das war schon etwas Besonderes für mich.“

Die Fortuna brachte Dösch­ner kein Glück. Nach nur 24 Spielen schlug das Verletzungspech an seinem Knie so hart zu, dass er Sportinvalide wurde.­ Aus mit dem Beruf Fußballer. Ein anderer Beruf musste her. Aber welcher? Die Antwort war leicht, denn sein Vater besitzt eine Dachdeckerfirma. „Ich habe in der Umschulung zum Dachklempner sogar am Wiederaufbau des Dresdner Schlosses mitgewirkt“, erzählt Dösch­ner und da ist auch ein wenig Stolz herauszuhören. Doch den goldenen Boden hat er auch im Handwerk nicht gefunden und er sattelte noch mal um auf Handelsvertreter. Derzeit ist er bei einer Firma für Renovierungs- und Befestigungsbedarf im Außendienst beschäftigt.

Und in dieser Rolle wird er für eine Stunde zwischen seinen vielen beruflichen Terminen sichtbar. Da kommt ein smarter Anzugträger auf einen zu, der stets ein kleines schelmisches Grinsen auf den Lippen hat. Er muss hier nichts verkaufen, aber der Vertreter mit einem leicht sonnenstudiogebräunten Gesicht ist nicht zu übersehen und auch nicht zu überhören. Döschner kann gut reden und manchmal auch ganz gut an der Frage vorbei antworten, aber mit ihm kann man nicht einfach herumspinnen und über Gott und die Welt sinnieren. Dafür ist er zu sehr Realist. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er den Trainerberuf bereits an den Nagel gehängt hat, bevor er richtig anfing. Döschner erwarb den A-Schein, aber das Pech klebte für ihn auch auf der Trainerbank.

Windige Spekulanten gierten Anfang der 90er-Jahre in den neuen Bundesländern nach Geschäften. Manche heuerten auch als Sponsor in Vereinen an, um sich dort im Endeffekt als Geldvernichter statt Geldgeber zu präsentierten. Und ausgerechnet solche Vereine erwischte Döschner bei seinen ersten Trainerstationen in der Ober- und Landesliga. Der Aufstieg als Fußballlehrer in höheren Ligen scheiterte.

Pech im Spiel, Glück in der Liebe

So verließ Döschner die neuen Bundesländer und es verschlug ihn als Trainer nach Marsberg, wo er wieder Pech im Spiel, aber Glück in der Liebe­ hatte. Er traf dort seine zweite­ Ehefrau und lebt mit ihr seither in Marsberg. Aber auch im Westen schlug das angepeilte Ziel hauptberuflicher Trainer fehl. Heute hat Dösch­ner die Suche aufgegeben. Irgendwie ist er fußballerisch ein Verlierer der Wende. Geblieben ist ihm nur die Traditionself von Dynamo Dresden, wo er ab und zu mal kickt.

Und der 51-Jährige weiß, es wird für ihn keine zweite Halbzeit mehr geben. Trotzdem trainiert er noch einen Verein, den A-Ligisten Eintracht Waldeck. „Mein Job lässt leider nicht jede Trainingseinheit zu“, sagt Dösch­ner. Da er den Spielern deshalb nicht immer gerecht werde, mache er den Job eigentlich nur dem Vorsitzenden Peter Bremmer und anderen Freunden im Verein zuliebe. „Sie haben mich als Freund darum gebeten, dass ich das mache, und dann mache ich das auch.“ So steht fast jeden Sonntag ein Mann an der Seitenlinie der kargen Wal­decker Wald-und-Wiesen-Fußballplätze, ein Mann, der schon in großen Stadien gegen Weltstars gespielt hat und der sich immer noch diebisch darüber freuen kann, dass er den französischen Feintechniker Alain Giresse damals im Länderspiel in Pariser Prinzenparkstadion im Mittelfeld getunnelt hat.

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