Neustart mit vielen Auflagen - Mundschutz für das Servicepersonal

Gaststätten dürfen ab heute wieder öffnen – aber einige verzichten

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Die Vorbereitungen für die Wiedereröffnung im Restaurant „Bei Meiers“ in Korbach zeigt Maria Meier. Fürs Foto hat sie die Maske abgenommen. Gäste dürfen nur an den Tischen, an denen Besteck ausliegt, Platz nehmen.

Gaststätten dürfen ab dem heutigen Freitag wieder öffnen – wegen der Corona-Pandemie aber nur unter strengen Auflagen.

Im Waldecker Land bleiben deshalb noch einige Restaurants und Kneipen geschlossen: Die Sicherheitsvorkehrungen sind so umfangreich, dass sich aus Sicht der Inhaber der Betrieb nicht lohnt.

Eine Begrenzung der Gästezahl, Hygieneauflagen, Mindestabstände und Kontaktbeschränkungen sind die Voraussetzungen dafür, dass gastronomische Betriebe wieder öffnen dürfen. Michael Schäfer vom Waldecker Hof in Frankenau hat sich zwar akribisch auf die Erfüllung der vorgegebenen Auflagen vorbereitet, sieht der Wiederöffnung seines Gaststättenbetriebs aber mit gemischten Gefühlen entgegen: „Ich mache in erster Linie wieder auf, weil wir im Vorfeld schon einige Reservierungen hatten“, sagt er.

Vielen anderen Gastwirten sind die behördlichen Auflagen zu hoch. Einige Gasthäuser und Kneipen in Waldeck-Frankenberg bleiben deshalb noch geschlossen. Aufgrund der massiven behördlichen Auflagen verschiebt zum Beispiel das „Kings“ in Korbach die geplante Öffnung des Rockcafés und des Biergartens bis auf Weiteres. „Ein Umsetzen der Auflagen im Lokal ist nicht möglich. Den Biergarten öffnen wir, sobald es warm genug ist“, begründet Wirt Thomas Schacht den Schritt. Auch das „Bregs“ in Korbach öffnet nicht. Die Auflagen seien nicht erfüllbar, teilt Gastronom Andreas Breg mit. Der Abholservice an Wochenenden läuft weiter, dann hat Breg auch seine Terrasse geöffnet. „Leider in begrenztem Maße und unter Einhaltung der Hygienevorschriften.

„Wir gehen davon aus, dass jeder vierte bis fünfte Betrieb gar nicht öffnen wird, weil sich das Geschäft für ihn unter den Bedingungen nicht lohnt“, sagt Anna Homm, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes in Nord- und Osthessen. Im Fokus der Kritik steht vor allem die Fünf-Quadratmeter-Regel des Wirtschaftsministeriums. Diese besagt, dass pro fünf Quadratmeter Gastraumfläche jeweils nur ein Gast empfangen werden darf. Das bedeutet, dass beispielsweise in einem Gasthaus mit 100 Quadratmetern nur 20 Personen gleichzeitig bewirtet werden dürfen.

Frank Krones vom Gasthaus Vöhl in Frankenberg befürchtet, dass die „ganze Geselligkeit“ leide. „Stammtische und Gruppen können ja nicht kommen.“ Krones hofft zumindest auf die Stammgäste zum Mittagstisch. 

„Uns ist allen zum Heulen zumute“

Gerlinde Scriba will wie andere Wirte auch für ihre Gäste da sein, die Mitarbeiter sind froh, wieder arbeiten zu dürfen: Die Dorf-Alm in Willingen öffnet heute – doch von Vorfreude kann bei ihr keine Rede sein: „Uns ist allen zum Heulen zumute“, berichtet sie auch aus Gesprächen mit Kollegen. Die ganze Woche schon sei sie mit organisatorischen Arbeiten beschäftigt, um die Auflagen umzusetzen. Dass die Regeln für die Öffnung erst am Dienstag vorlagen und auch noch neue nachkommen, sei ein schwerer Fehler der Politik. 

Sie ist wütend. Und das alles, während sich in den Willinger Hotels weniger als 100 Gäste aufhalten. Einige kleine Kneipen ließen da wohl lieber ganz zu, zumal sie selbst in einem gut besuchten Ort wegen der Auflagen vielleicht fünf Besucher bewirten könnten. Dass kleine Gruppen an Freunden sich nicht an einen Tisch setzen dürfen, sei angesichts des Verhaltens außerhalb der Gaststätten unsinnig und verderbe vielen die Lust. Zuerst gebuchte Reisen wurden schon wieder abgesagt. 

Dehoga und Berufsgenossenschaft arbeiten mit Hochdruck daran, bei der Umsetzung der Regeln zu unterstützen, schildert Gerlinde Scriba: „Die größte Schwierigkeit ist, dass jedes Land eigene Spielregeln macht.“ Hessen etwa die, dass es nur einen Gast pro fünf Quadratmeter geben darf. Von 200 Plätzen in der Dorf-Alm sind so 40 nutzbar. „Aus wirtschaftlicher Sicht müsste man eigentlich zu lassen“, sagt sie – die Dorf-Alm öffne den Stammgästen zuliebe. Viele Maßnahmen kommen zusammen: Alle Mitarbeiter erhielten Hygiene-Schulungen, müssen sich alle 30 Minuten die Hände waschen und Desinfizieren. Auf den Tischen fehlen nicht nur Salz- und Zuckerstreuer, es dürfen nicht mal Tischdecken liegen, dass Besteck muss im Vorfeld in Taschen verschlossen werden. Um Speisekarten nicht laufend desinfizieren zu müssen, sind sie per QR-Code ladbar. 

Fünf statt 40 Gäste könnten in diesem Raum der Dorf-Alm in Willingen mit Corona-Regeln Platz nehmen, haben Gerlinde Scriba (links) und Mitarbeiter errechnet.

Jemanden eigens für die Aufsicht abzustellen, damit immer nur ein Gast gleichzeitig zur Toilette geht, sei eigentlich nicht zu stemmen. Mitarbeiter in Service wie Küche müssen Mundschutz tragen: „In der Küche ist Sauerstoff wegen Hitze und Dämpfen ohnehin begrenzt“, sagt sie – es müssen also häufiger Pausen eingelegt werden. In der Summe generieren die Auflagen also viele neue Arbeitsschritte und einen enormen Aufwand – und sie seien für die Gastronomie unverhältnismäßig scharf. In Märkten kämen die Menschen näher zusammen, es werde viel weniger desinfiziert und das Ganze auch weniger stark kontrolliert. In der Gastro würden Strafen schon angedroht, bevor sie überhaupt geöffnet habe. „Das hat mit Gleichberechtigung nichts mehr zu tun“, sagt sie. 

Sie will Gäste und Mitarbeiter schützen: „Mit Mundschutz und Abstandspflicht kann man eine Weile leben.“ Sie wünschte, es würde mehr an die Eigenverantwortung der Menschen appelliert. Zumindest könnte die Politik das Gespräch suchen und schauen, ob ihre in der Theorie entwickelten Regeln überhaupt praxistauglich sind. „Sagen wir, die aktuellen Auflagen gelten beispielsweise acht Wochen: Dann wäre es besser, das Lokal zu zu lassen“, bilanziert Gerlinde Scriba. Ohne Einnahmen und mit Mitarbeitern in Kurzarbeit seien die finanziellen Einbußen geringer – immerhin könnten die Mitarbeiter wieder auf ein wenig Trinkgeld hoffen, dass einen großen Teil ihrer Einnahmen ausmacht und zuletzt komplett fehlte. Große Hoffnungen in die Staatshilfen macht sie sich derweil nicht: „Die Mühlen mahlen langsam.“ 

Vielleicht ein Viertel der Betriebe habe Soforthilfen erhalten – aber das Kurzarbeitergeld für März sei erst diese Woche angekommen. Weitere Versprechungen für Förderprogramme sieht sie skeptisch: „Die Kassen sind doch jetzt schon leer – wo soll das Geld herkommen?“ In einem Tourismus-Ort wie Willingen betreffen die Einschränkungen derweil den Einzelhandel genauso wie die Gastronomen, fügt sie hinzu: „Wenn sich in Kürze nichts ändert, sehe ich für uns alle schwarz“.

Mundschutz für das Servicepersonal

„Die Arbeitgeber sind verpflichtet, ihre Mitarbeiter zu schützen“, sagt derweil Andreas Kampmann, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten für die Region Nord- und Mittelhessen. Dazu gehöre auch der Mundschutz des Servicepersonals. Der Betrieb sollte anlaufen, denn die meisten Gastronomen hätten keine Rücklagen, um das Kurzarbeitergeld aufzustocken. Doch wer die Auflagen nicht einhalte, müsse mit Konsequenzen rechnen. Das sei „kein Kavaliersdelikt“.

Auf Tischdecken wird verzichtet

Im Flairhotel Werbetal in Nieder-Werbe wurden alle Mitarbeiter aus Hotel, Service und Küche noch am Donnerstagnachmittag in den neuen Hygieneregeln geschult, sagt Gastwirt Christian Gerlach. In seinem Lokal ist manches anders als bisher gewohnt: Speisekarten sind laminiert, auf Tischdecken wird zum Teil ganz verzichtet oder die Tischwäsche wird nach jeder Belegung gewechselt. Um den Abstand einzuhalten, wurden mehr Tische auf dem Außengelände verteilt. Wer einkehren will, muss beim Betreten des Lokals einen Mundschutz tragen und sich die Hände desinfizieren. 

Am Tisch darf der Mundschutz abgenommen werden. Anmeldung wird empfohlen, da durch die Abstandsregeln Plätze weggefallen sind. Buchungen für Hotel und Gastronomie laufen derzeit noch verhalten an, viele Gäste aus den Risikogruppen hätten storniert, auch ein Familientreffen an Pfingsten sei aus Angst vor Ansteckung abgesagt worden, berichtet Gerlach. „Dafür kommen neue Gäste wie beispielsweise eine Gruppe Radfahrer, die ursprünglich nach Bayern wollte.“ 

Darf seine Gäste ab heute wieder im Lokal empfangen: Christian Gerlach vom Flairhotel Werbetal. Foto: Günter Göge

Ob tatsächlich die Deutschen dieses Jahr ihren Urlaub nur im eigenen Land verbringen, da ist Gerlach skeptisch. Sicher ist er sich indes bei den wirtschaftlichen Folgen: „Ausgleichen kann man die Verluste der vergangenen Wochen nicht mehr.“ Er hofft, dass zum Jahresende zumindest 70 bis 80 Prozent des üblichen Umsatzes erzielt werden. Für andere Berufskollegen sei die Situation deutlich schwieriger. Etliche Wirte müssten ihre Lokale weiterhin geschlossen halten, weil sie keinen Sicherheitsabstand gewährleisten können oder aber die Hotels nur bis zu 60 Prozent belegen, weil es das jeweilige Bundesland so vorschreibe. Das Restaurant war auch in den vergangenen acht Wochen für seine Gäste da und bot Abholservice an. Das wurde an Feiertagen wie Ostern oder Muttertag sehr gut angenommen. 

An den anderen Tagen war es eher Zeitvertreib als Einnahmequelle. „Aber viele haben Solidarität gezeigt, und das war eine schöne Erfahrung,“ sagt Gerlach. Ein Angebot, das eigens für die Zeiten der Kontaktbeschränkungen geschnürt wurde, habe sich bewährt. „Unser sogenanntes Überlebenspaket mit sieben verschiedenen Tiefkühlgerichten für die ganze Woche und ein To-Go-Essen, das abends abgeholt werden kann, wollen wir deshalb auch weiterhin anbieten.“

„Brauchen eine unbeschwerte Atmosphäre"

„Wir lieben unseren Beruf, brauchen die unbeschwerte Atmosphäre mit den kommenden und gehenden“, fasst Almut Olivieri die Gründe dafür zusammen, warum ihr Ehemann Pietro und sie vorerst die Pizzeria Vecchia Roma in Bad Arolsen noch nicht für Besucher öffnen, sondern weiter auf den Verkauf von Speisen außer Haus setzen. Die geforderten Schutzmaßnahmen seien so einschneidend für den Betrieb der Pizzeria an der Großen Allee, dass sie weder das Restaurant noch die Terrasse für Besucher öffnen. Denn was geschieht, wenn es regnet? Dann drängten die Gäste nach drinnen – und schon würden alle Regeln über den Haufen geworfen. „Uns ist es auch wichtig, dass sich nicht noch mehr Menschen mit dem Virus infizieren, und wir haben alle Angehörige, die wir schützen müssen“, sagt Almut Olivieri. Die räumlichen Bedingungen in der Pizzeria erschwerten den Betrieb unter den Corona-Regeln. Das Bedienen mit Mund- und Nasenschutz oder das Notieren der Kontaktdaten und Aufenthaltszeiten sei auch nicht das, was die Gäste sich unter einem unbeschwerten Gaststättenbesuch in lockerer Atmosphäre vorstellten.

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