Gesundheit am Arbeitsplatz immer wichtiger - Im März wieder Ausbildungsseminar

Gesundheitslotsen in Betrieben: Sie halten ihre Kollegen auf Trab

+
Auch am Schreibtisch ist etwas Bewegung zwischendurch möglich, wie Gesundheitslotsin Kerstin Mühlhausen mit einem Fitnessband zeigt.

Ob es das „falsche“ Sitzen am Schreibtisch ist, zu viel Stress oder ein schlechtes Betriebsklima: Gesundheitslotsen sind ehrenamtlich in ihren Betrieben aktiv, um den Kollegen ein gesünderes Arbeiten zu ermöglichen.

In der Kreisverwaltung in Korbach hat sich Kerstin Mühlhausen dieser Aufgabe angenommen.

Vor gut drei Jahren hat sie die Ausbildung gemacht, die gemeinsam von Regionalmanagement Nordhessen, AOK Hessen und der Landeskirche Kurhessen-Waldeck angeboten wird (siehe weitere Artikel). Neben ihrer eigentlichen Arbeit im Fachdienst Sport hat Mühlhausen zum Beispiel ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte ihrer Kollegen.

Dabei geht es mal um zu viel Stress, mal um das Betriebsklima. Letzteres sei wichtig, denn wenn man sich auf Dauer nicht wohl fühle, führe das zu Problemen, sagt Kerstin Mühlhausen. Wer Stress habe, solle einfach mal für ein paar Minuten aus dem Fenster schauen und dabei den Hörer des Telefons daneben legen, auch ein paar Minuten spazieren gehen helfe oft schon, sagt sie.

15 Minuten "bewegte Pause"

Doch nicht nur wichtige psychologische Aspekte sind Themen für die Gesundheitslotsen in Betrieben. Auch um Ernährung geht es, Sucht, Arbeitsplatz- und Raumgestaltung. Ein weiterer Fokus liegt auf Bewegung. Mühlhausen setzt unter anderem auf die „bewegte Pause“.

So fährt sie einmal pro Woche zur Korbacher Außenstelle Auf Lülingskreuz, um mit einigen Kollegen dort 15 Minuten Mobilisierung und Dehnung umzusetzen. Dies sei nicht viel, doch von den Kollegen bekomme sie die positive Rückmeldung, dass beispielsweise Rückenprobleme auf diese Weise zurückgehen.

Im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung gibt es für die Mitarbeiter der Kreisverwaltung, auch in den Außenstellen, eigene Sportangebote nach Feierabend. Manche Kurse laufen über die Volkshochschule, andere über Vereine, aber auch Mühlhausen selbst bietet Kurse an. Sie ist zusätzlich Übungsleiterin, seit Jahren begleitet sie im Sommer Kollegen auf dem Weg zum Sportabzeichen.

Baustein der betrieblichen Gesundheitsförderung

Ihre Arbeit als Gesundheitslotsin sei es auch, Dinge anzustoßen, ins Rollen zu bringen und darauf hinzuweisen, was jeder selbst machen kann für eine bessere Gesundheit. Immer wieder spricht sie Kollegen auch direkt an.

Wie das am besten geht, hat sie ebenfalls in der Ausbildung zur Gesundheitslotsin gelernt. Denn niemand soll den Eindruck haben, dass mit erhobenem Zeigefinger agiert wird. Ein guter Kontakt zu den Kollegen sei deshalb sehr wichtig, sagt Kerstin Mühlhausen.

Auch für Stress-Situationen wissen Gesundheitslotsen Abhilfe: Sie vermitteln beispielsweise Entspannungstechniken.

Bisher ist sie die einzige Kollegin der Kreisverwaltung, die Gesundheitslotsin ist. Sie hofft, dass weitere dazu kommen – als weiterer Baustein der betrieblichen Gesundheitsförderung. Im Kleinen, so sagt sie, könne sie als Gesundheitslotsin dazu beitragen, die Situation der Kollegen noch etwas besser zu machen. Davon profitiere letztlich auch der Arbeitgeber, denn wenn Mitarbeiter gesünder und motivierter seien, bringe das auch dem Arbeitgeber etwas.

Berliner Stadtreinigung als Vorbild

Die Evangelische Kirche Kurhessen-Waldeck (EKKW) und das Regionalmanagement Nordhessen haben das Konzept der Gesundheitslotsen für kleine und mittlere Betrieben entwickelt. Das Vorbild: Eine Idee der Berliner Stadtreinigung.

Dort seien die ersten Gesundheitslotsen ausgebildet worden. Allerdings: Das entwickelte Curriculum sei nur für Großbetriebe ausgelegt gewesen. Die Berliner hätten den Nordhessen das Konzept zur Verfügung gestellt, berichtet Stefan Sigel, zuständig für Männerarbeit bei der EKKW. Gemeinsam sei es dann angepasst worden für kleine und mittlere Unternehmen.

Doch zunächst habe man Betriebe in Nordhessen befragt, welche Bedarfe es gebe. Ein Ergebnis: Ein Schwerpunkt solle auf psychischen Belastungen liegen. Insgesamt seien die Ergebnisse der Befragungen in das eigene Curriculum eingeflossen.

Einer der wichtigsten Aspekte in der Arbeit der Gesundheitslotsen sei es, ein Ansprechpartner auf kollegialer Ebene, auf Augenhöhe zu sein, betont Sigel. Die Lotsen sollen ein offenes Ohr haben für Probleme von Kollegen, sollen aber auch gezielt auf Kollegen zugehen. Alles bleibe unter vier Augen, sagt Stefan Sigel.

Seit 2016 gibt es das Projekt in Nordhessen und bisher haben sich mehr als 50 Frauen und Männer zu Gesundheitslotsen ausbilden lassen. Gefördert wird das vom Bund im Rahmen des Präventionsgesetzes.

Nicht nur körperliche Arbeit ist belastend

Laut Fehlzeiten Report 2019, der auf Basis von mehr als 13 Millionen AOK-Versicherten erstellt wurde, gingen 2018 mehr als ein Fünftel der Fehlzeiten auf Muskel- und Skelett-Erkrankungen zurück, insgesamt 22 Prozent. Psychische Erkrankungen sind mit 11,3 Prozent der dritthäufigste Grund für Krankschreibungen. 

Betriebe würden zunehmend erkennen, wie wichtig betriebliche Gesundheitsförderung ist, sagt Ulrike Fischer von der AOK Kassel, Projektpartner von „Gesundheitslotsen im Betrieb“. Längst wisse man, dass nicht nur schwere körperliche Arbeit belastend ist für den Körper, sondern auch langes Sitzen.

Arbeitsmediziner Dr. Andreas Rauscher

Ein Ziel in der Arbeitsmedizin sei stets die Risikoverminderung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sagt Dr. Andreas Rauscher, Internist und Arbeitsmediziner aus Korbach. Körperlich bedeutet das zum Beispiel: Ein normales Gewicht halten, sich gesund ernähren und zwei bis drei Stunden Sport pro Woche mit dem Schwerpunkt Ausdauer. Wer am Schreibtisch arbeitet, sollte auf die richtige Ergonomie achten, Schreibtisch und -stuhl sowie der Bildschirm sollten die richtige Höhe haben, sagt der Mediziner. 

Treppe statt Aufzug nutzen

Wer viel sitzt, sollte zudem möglichst viel Bewegung in den Alltag einbauen, beispielsweise für einen Botengang mal die Treppe nehmen und nicht den Aufzug oder auch zu Fuß zur Arbeit gehen. Die Ergonomie spielt aber auch eine Rolle bei der Arbeit an Maschinen, auch sie sollten die richtige Höhe haben. „Man sollte auf jeden Fall eine einseitige Belastung vermeiden.“ Für schwere körperliche Arbeiten sollten möglichst Hilfen eingesetzt , rät Rauscher. Wer den Rücken stark belaste, könne zum Ausgleich Schwimmen gehen. Er selbst gehe, wenn er die Möglichkeit einer längeren Mittagspause hat, gern Schwimmen. 

Auch auf die Ernährung achten Arbeitnehmer zu wenig. „Übergewicht ist ein großes Problem,“ sagt der Arzt. Man solle sich Zeit fürs Essen nehmen, nicht nebenbei am Computer essen und möglichst auf Fastfood und Fertigprodukte verzichten, da sie sehr kalorienreich seien.

Neuer Kurs startet im März

Mitte März beginnt ein neuer Kurs an der Evangelischen Akademie Hofgeismar. Die Ausbildung dauert vier mal zwei Tage. Weitere Informationen, auch zu den Kosten und zur Anmeldung, gibt es hier

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare