Momente im Advent: Karl Preising erzählt von einem Weihnachtsspaziergang

"O du gnadenreiche Zeit"

Auf einem Winterspaziergang am Heiligenabend traf Karl Preising auf einen Unbekannten – aus Angst wurde Herzlichkeit.Foto: Claus Weisweiler/ pixelio.de

Diemelsee-Benkhausen - In den 90er-Jahren unternahm Karl Preising aus Benkhausen am Heiligen Abend einen Spaziergang mit seinen Kindern - und begegnete unerwartet einem Fremden. Davon erzählt er in der letzten Folge der WLZ-FZ-Adventsserie.

Der Heilige Abend war wieder einmal herangekommen. Nach dem Gottesdienst mit dem Krippenspiel, als auch das Vieh glücklich versorgt war, wanderten wir zur Rasthütte im Steinbruch. Die war schon einige Jahre früher bei der Freizeitanlage eingerichtet worden. Die rückwärtigen Hänge des Steinbruchs schützen vor dem kalten Wind aus West und Ost. Dieser Spaziergang war die Zeit, die der Vater für die eigenen Kinder eingeplant hatte - eine gute Stunde, während die Mama dem Christkind half und alles für die Bescherung vorbereitete. Auf dem Hinweg zündeten wir immer zwei Kerzen auf dem Friedhof an. Wir dachten an den Opa und die Patentante. Wir nahmen auch Kerzen für die dunkle Hütte und für den Hinweg mit. Wir lauschten dem Bach hinter den schwarzen Erlenbüschen und am Wegesrand. War es nicht so, dass er uns erzählen wollte: „Der Heiland ist geboren!“ An diesem Abend war es ungewöhnlich kalt und sternenhell. Wir kamen bei der Hütte an. Wir setzten uns, entzündeten erst mal eine der roten Abendkerzen. Plötzlich flüsterte eines der Kinder: „Da liegt ja einer.“

Richtig, auf einer hölzernen Bank an der Seitenwand der Hütte hatte sich jemand ausgestreckt. Er sah durch die Dunkelheit zum gegenüberliegenden Waldrand und den Sternen hin. Ich sagte ins Dunkel hinein: „Guten Abend, wir gehen immer am Weihnachtsabend hierher.“ Ein ruhiges „Guten Abend“ kam. Ich erzählte den Kindern eine alte Geschichte einer Weihnacht in unserem Dorf.

Der fremde Mann lag ganz ruhig. Gab es das wirklich? Ein Mensch, der am Weihnachtsfest mutterseelenallein in einer kalten Hütte übernachten musste? War er vielleicht auf der Flucht? Einige Tage vorher war in der Region ein Verbrechen geschehen. Der Mörder war noch nicht gefunden worden.

Nachdenklich strebten wir nach Hause. Wir freuten uns am Lichterbaum, sangen die Weihnachtslieder. Über den Häusern funkelten die Sterne. Dann riefen die Glocken zum nächtlichen Gottesdienst. Ob der Mann im Steinbruch sie wohl auch vernahm? Am anderen Morgen ließ es mir keine Ruhe. Nach dem Melken fuhr ich zum Steinbruch. Eine Tüte Plätzchen und eine Weihnachtskarte nahm ich mit. Der Mann hatte sich gerade aus seiner Decke gelöst, um aufzustehen und weiterzuwandern. Sein Ziel lag irgendwo weit hinter Brilon. Es stellte sich heraus: Er war Extremwanderer. Mit der nötigen Bekleidung und Verpflegung war er gut versorgt.

Was trieb ihn wohl in die Einsamkeit? Mir fiel ein Gedicht ein: „Und ich wandere durch die Gassen bis hinaus ins weite Feld. Hohes Glänzen, heiliges Schauern, wie so weit und still die Welt. Sterne hoch die Kreise schwingen, aus Waldes Einsamkeit steigt’s wie wundersames Singen: O du gnadenreiche Zeit“.

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