Alte Züge auf Strecke Korbach–Frankenberg mit Rampen ausgestattet

„Grenzwertig, aber machbar“

Waldeck-Frankenberg - Die Kurhessenbahn erleichtert Rollstuhlfahrern die Nutzung der reaktivierten Bahnstrecke – völlige Barrierefreiheit ist aber noch Zukunftsmusik.

Die Triebwagen der Reihe 628 stammen aus Zeiten, in denen selten behindertengerecht gebaut wurde. Von den Problemen, als Rollstuhlfahrer mit ihnen auf der Linie Korbach–Frankenberg zu reisen, berichtet Gert Kuhn aus Sachsenhausen. Die Kurhessenbahn hat reagiert und alle Züge mit Rampen ausgestattet.

Kuhn, die Korbacher Rollstuhlfahrerin Monika Prietz, Kurhessenbahn-Leiter Jochen Kuhn und Mitarbeiter, Vertreter des Landkreises sowie Thomas Gagsch vom Rampenhersteller FTP haben die ungetestete Neuanschaffung unter widrigen Bedingungen ausprobiert. Gert Kuhns Fazit: „Grenzwertig, aber machbar.“ Nun müssen die Ingenieure der Bahn noch grünes Licht geben. Hublifte für die bald ausrangierten Züge werden nicht entwickelt.

Die Nutzung der Rampe will gelernt sein: Mit regennassen Reifen braucht Gert Kuhn einige Anläufe, um in den Zug zu kommen. Als untauglich erweist sie sich am Südbahnhof: Dessen Bahnsteigkante liegt tiefer als die genormten 55 Zentimeter. „Ich bin doch nicht lebensmüde“, sagt Monika Prietz beim Blick auf die steile Abfahrt, Jochen Kuhn erklärt den Ausstieg für unmöglich.

In Frankenberg klappt er problemlos – er offenbart lediglich, dass Bahnreisende und Servicepersonal gut auf ihre Füße aufpassen müssen. Die Rückfahrt nach Korbach zeigt eine weitere Tücke: In der Modellreihe 628.2 ist das Wenden in der engen Mitte des Zuges ein kaum mögliches Manöver. Da die Vordertüren zu eng sind, ist diese Stelle aber die einzige Möglichkeit.

Jochen Kuhn weist darauf hin, dass Rollstuhlfahrer sich einen Tag vor der Fahrt unter Tel. 0180/6996633 anmelden sollten, damit Servicepersonal zum Verlegen und Sichern der Rampe da sei und der Zug ein barrierefreies Gleis anfahren könne.

Der neue Vertrag mit der Kurhessenbahn sieht vor, dass ab Dezember 2017 Niederflur-Züge des Typs 646 auf der Strecke Korbach–Frankenberg verkehren – bisher ist Barrierefreiheit kein Teil der Abmachung, die Kurhessenbahn stellt die Rampen freiwillig. Die Strecke ist eine Erweiterung der Linie nach Marburg, erklärt Sabine Herms vom Nordhessischen Verkehrsverbund auf WLZ-FZ-Anfrage. Deren Konzession stammt aus dem Jahr 2002, Barrierefreiheit sei damals noch kein Standard gewesen. Für die zwei Jahre Restlaufzeit hätte der NVV der Kurhessenbahn die Anschaffung von neuen Zügen nicht aufzwingen können.

Der Korbacher Bahnhof ist zum Teil nur über Treppen zu erreichen. Jochen Kuhn hofft, dass er in ein Investitionsprogramm des Bundesverkehrsministeriums kommt, die örtlichen Partner müssten dann die Hälfte des behindertengerechten Ausbaus bezahlen. Wie dieser aussehen könnte, ist unklar: Ein Fahrstuhl zu den Gleisen müsste unterhalten werden, ein Übergang erfordere einen kompletten Umbau – mit allen vorgeschriebenen Abständen würde er sich im Bahnhofstunnel oder im Güterverkehr befinden.

Den Südbahnhof behindertengerecht auszubauen, hält Jochen Kuhn für keine gute Idee: Dann falle der Bestandsschutz weg, er müsste komplett saniert werden. „Da ist die Frage, ob 250000 Euro im Verhältnis zur Nutzung stehen, oder ob die Behinderten dann nicht lieber einen umgebauten Hauptbahnhof nutzen würden“, sagt er.

Von Wilhelm Figge

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare