Hessischer Bauernpräsident Friedhelm Schneider zieht Erntebilanz 2012

„Hatten Schlimmeres befürchtet“

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„Das Erntejahr 2012 hat uns viel abgerungen“: (v.r.) Gastgeber und Ortsvorsteher Karl-Wilhelm Brüne, Präsident Friedhelm Schneider, die Verbandsvorsitzenden Karsten Schmal und Heinrich Heidel, Kreislandwirt Fritz Schäfer und Verbandsgeschäftsführer Dr. Ch

Vöhl-Thalitter - Steigende Preise und hohe Temperaturen zum richtigen Zeitpunkt haben den meisten Landwirten in Waldeck-Frankenberg eine am Ende doch noch zufriedenstellende Ernte beschert.

„Das Erntejahr 2012 hat uns sehr viel abgerungen. Wir sind insgesamt zufrieden, weil die Preise gestiegen sind“, sagte der Präsident des Hessischen Bauernverbandes, Friedhelm Schneider beim gestrigen Erntegespräch in Thalitter. Das Ergebnis sei zwar unterdurchschnittlich ausgefallen, doch „befürchtet hatten wir Schlimmeres“, betonte Schneider. Schmerzhaft bleibe es allerdings für die Tiererzeuger. Denn die Fleischpreise bewegten sich weiterhin auf niedrigstem Niveau.

„Auf die Trockenheit im Frühjahr folgte rechtzeitig der Regen und auch der nasse Sommer kam uns entgegen, war für die Ackerflächen hervorragend.“ Dieses Fazit zog Ortsvorsteher Karl-Wilhelm Brüne, der Gastgeber des diesjährigen Erntegesprächs. Der 55-jährige Betriebsleiter und ausgebildete Agrartechniker bewirtschaftet 80 Hektar Acker- und 20 Hektar Grünland.

Anders als bei vielen seiner Berufskollegen hielten sich die Schäden durch die Auswinterung auf den Flächen rund um Thalitter in Grenzen. Andernorts fielen Winterweizen und -gerste nicht selten komplett dem Kahlfrost zum Opfer. „Der Winter 2011/2012 war in Hessen durch eine lange Kälteperiode bis zu minus 25 Grad über mehrere Tage hinweg geprägt“, schilderte Schneider die prekäre Situation.

Den betroffenen Landwirten blieb dann nur noch übrig, die Flächen umzubrechen und neu zu bestellen. Auf den Kosten für Treibstoff, Saat-, Dünge- und Pflanzenschutzmittel belastete die Jahresbilanz von Beginn an. Auf landesweit etwa 60 000 Hektar werden die Einbußen beim Anbau von Winterweizen geschätzt. Dies sei überwiegend mit dem Anbau der ertragsarmen Sommergerste kompensiert worden, erklärte der Verbandspräsident. Weniger von Auswinterungsschäden war der Winterraps betroffen. Der Ertrag ging hessenweit zurück, durchschnittlich hätten deutlich weniger als vier Tonnen pro Hektar geerntet werden können, sagte Schneider.

„Inflationsbremse Nr. 1“

Sehr gut sei die Heuernte ausgefallen. Dies entspanne die Situation bei den Futtermitteln in den tierhaltenden Betrieben, so Schneider weiter. Auf das sprichwörtliche Heuwetter, also auf eine stabile Hochdrucklage, habe man in diesem Sommer allerdings vergeblich gewartet, berichtete Brüne. Deshalb musste das Trockengras innerhalb weniger Tage gemäht und eingefahren werden. „Die Landwirtschaft ist die Inflationsbremse Nummer 1 – und das seit 27 Jahren“, stellte der Bauernpräsident mit Blick auf die Getreidepreise fest. Als Beispiel führte er den Preis für Backweizen an, der sich erstmals seit Mitte der 1980er Jahre wieder einem Wert von mehr als 220 Euro pro Tonne nähert.

Insgesamt werde sich der Verbraucher auf steigende Lebensmittelpreise einstellen müssen, prognostizierte Schneider. Denn die weiterhin steigenden Vorkosten, vor allem für Treibstoff und Düngemittel, „werden auf den Produkt- und Verarbeitungspreis durchschlagen müssen“. Für den reinen Ackerbauern stelle sich die Erzeugerpreislage „recht positiv“ dar, so die Bilanz des Bauernverbandes.

Beeinflusst werde dies vor allem durch die Dürre in weiten Teilen der USA und in Russland. Das Geschehen an den Warenbörsen zu verfolgen, die Preisentwicklung der einzelnen Lebensmittel genau im Auge zu behalten, sei heutzutage fast schon genauso wichtig wie der tagtägliche Blick aufs Wetter, waren sich die etwa 20 ehren- und hauptamtlichen Teilnehmer des Gesprächs einig. Unter anderem mit dabei waren die Vorsitzenden der Kreisbauernverbände Waldeck und Frankenberg Karsten Schmal und Heinrich Heidel, die Verbandsgeschäftsführer Matthias Eckel und Dr. Christof Nüsse, Kreislandwirt Fritz Schäfer und sein Stellvertreter Heiko Kieweg sowie Axel Friese, Leiter des Fachdienstes Landwirtschaft in der Kreisverwaltung.

Die andauernde EU-Finanzkrise verfolgen die Landwirte mit Sorge. „Der gemeinsame Markt ist ein immenser Vorteil“, bekräftigte Schneider. Verluste aufgrund schwankender Wechselkurse gehörten schon längst der Vergangenheit an. Auch für Verbandsvizepräsident Heidel existiert „keine Alternative zum Euro“. Er stellte allerdings auch klar: „Diese EU gäbe es längst nicht mehr ohne die Landwirtschaft.“

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