40 Jahre Waldeck-Frankenberg: Am 1. Januar 1974 verschmolzen die Kreise Waldeck und Frankenberg

Herzlichen Glückwunsch, Landkreis!

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Eine Mauer, die vereint: Der Edersee ist das verbindende Element zwischen dem Waldecker und dem Frankenberger Land. 2014 dürfen die Menschen nicht nur „100 Jahre Edersee“ feiern, sondern auch 40-jähriges Bestehen des Landkreises.

Waldeck-Frankenberg - Die 100-Jahr-Feier am Edersee rückt Waldeck-Frankenberg 2014 in ganz Deutschland ins Rampenlicht. Weithin unbemerkt hat die Region mit dem Feuerwerk zu Silvester aber auch einen runden politischen Geburtstag zu feiern: 40 Jahre Landkreis Waldeck-Frankenberg.

Selten ist Politik tief im Herzen so aufwühlend wie bei Grenzänderungen. Denn trotz zunehmender Globalisierung - oder vielleicht gerade deshalb - orientiert sich der menschliche Kompass stark an räumlichen Einheiten vor der Haustür: das eigene Grundstück, die Stadt, die Gemeinde, der Landkreis.

So gehörten die Jahre 1969 bis 1977 wohl zu den aufwühlendsten in der Geschichte des Landes Hessen. Zum Stichtag 28. Februar 1969 gab es noch 2642 Gemeinden, 39 Landkreise und 9 kreisfreie Städte in Hessen. Doch Ende der 1960er-Jahre verdichteten sich die Gedanken von Darmstadt bis Rhoden, dass sich die politische Landkarte gehörig verändern müsse, um Staatswesen und Verwaltung zu modernisieren.

Zwischen August 1972 und Januar 1977 wurden dann die 21 neuen Großkreise geformt. Für Waldeck-Frankenberg und viele andere hessische Landkreise war der 1. Januar 1974 der Stichtag.

Die neuen Ortstafeln machten den Großkreis sichtbar, vor allem aber die Autokennzeichen: Aus „WA“ für Landkreis Waldeck und „FKB“ für Landkreis Frankenberg wurde „KB“. Das Kürzel der Kreisstadt Korbach stand fortan auf den Nummernschildern Pate für Waldeck-Frankenberg als Hessens größten Landkreis mit seinen rund 1848 Quadratkilometern Fläche.

Die politischen Massenhochzeiten waren zuvor indes von reichlich Zwist begleitet, zumal sie für viele eher wie Zwangsehen empfunden wurden. Selbst der Name des neuen Verwaltungsgebildes blieb lange unklar.

Hessischer Löwe und Waldecker Stern

Die Reformer in der fernen Landeshauptstadt Wiesbaden favorisierten „Ederkreis“, doch die Menschen im Waldecker Land und im Frankenberger Land wollten auf das eine wie das andere nicht verzichten. So blieb Waldeck-Frankenberg als tragbarer Kompromiss. Und der musste dann auch noch in ein neues Wappen gegossen werden, das seit 1974 den hessischen Löwen aus dem Süden mit dem Waldecker Stern aus dem Norden diagonal verbindet - wobei der hessische Löwe bezeichnenderweise über dem Waldecker Stern thront.

Die nackten Zahlen sprachen allerdings ganz andere Sprachen, ebenso wie die sächsischen und fränkischen Mundarten der Bewohner: Rund 100 000 Menschen aus dem Waldecker Land und 50 000 Einwohner aus dem Frankenberger Raum fügten sich im neuen Großkreis zusammen. Die Gewichtung von zwei Drittel Wal-deck und ein Drittel Frankenberg galt gleichermaßen für die Fläche.

Im Schachspiel der Gebietsreform fühlte sich manch Wal-decker mental eher Richtung Wolfhagen und Hofgeismar im hessischen Norden hingezogen. Und im Süden des Frankenberger Landes gab es tiefe Bindungen ins mittelhessische Marburger Land. Das sollte bei der Verwaltungsreform auf Gemeindeebene in den 70er-Jahren noch für etliche Schlagzeilen sorgen.

Beispiel ist die Stadt Volkmarsen, die schon 1972 aus dem früheren Landkreis Wolfhagen zum Waldecker Land kam - und dort um waldeckische Ortsteile vergrößert wurde. Im Süden sprachen sich bei einer Abstimmung in Gemünden (Wohra) über 86 Prozent für die Aufnahme in Marburg-Biedenkopf aus, doch Gemünden kam zu Waldeck-Frankenberg. In Oberasphe mussten im Januar 1974 die Akten unter Polizeiaufsicht aus der Gemeindeverwaltung geholt werden. Der Widerstand war dort so stark, dass Oberasphe im Sommer 1974 aus der Stadt Battenberg wieder ausgemeindet, aus Waldeck-Frankenberg „ausgekreist“ wurde - und schließlich zu Marburg-Biedenkopf kam.

Schachspiel um Kreise und Gemeinden

Auf politischer Ebene ist bis heute im Kreisparlament spürbar, auch nur den Hauch einer vermeintlichen Dominanz des Waldecker Landes schon im Keim zu ersticken. Zeugen sind nicht nur doppelte Verwaltungsstrukturen in Korbach und Frankenberg, ja selbst bei der aktuellen Debatte um eine engere Partnerschaft der beiden Krankenhäuser spuken offenbar noch Ängste und Vorurteile in den Köpfen altgedienter Kreispolitiker.

Zwiespältig blieb für die meisten Landräte und viele Kreispolitiker ebenso das Verhältnis zu ihrer Kreisstadt. Ein Beispiel macht dies deutlich: Weit vor den Zusammenschlüssen der Landkreise begann seit Ende der 60er-Jahre das Tauziehen um die neuen Großgemeinden. Im Waldecker Land regierte damals Dr. Karl-Hermann Reccius, der 1974 auch erster Landrat in Waldeck-Frankenberg wurde. Die Korbacher hatten derweil 1967 mit Dr. Horst Bökemeier einen jungen, ambitionierten Bürgermeister gewählt - später ebenfalls Landrat (1989 bis 1997).

Über die Ausdehnung der Kreisstadt machten sich Reccius und Bökemeier als starke Persönlichkeiten ganz unterschiedliche Gedanken, wie Bökemeier 33 Jahre später in seinen politischen Memoiren verriet. Im Wiesbadener Innenministerium habe der damalige Staatssekretär durchblicken lassen, nach Reccius‘ Plänen solle Korbach nur um die Dörfer Lengefeld und Lelbach erweitert werden. Alsbald ging Bökemeier als Rathauschef auf einen Werbefeldzug, der so erfolgreich war, dass am Ende sogar 25 Dörfer die Fusion mit Korbach wollten.

Auch Berndorf (heute Twistetal), Flechtdorf (Diemelsee), Höringhausen (Waldeck), ja sogar Dorfitter, Thalitter und Obernburg (Vöhl) fanden eine Hochzeit mit Korbach reizvoll. Aber politische Ehen über die damaligen Kreisgrenzen hinweg waren den Landräten und Landespolitikern dann doch zu starker Tobak. Immerhin wurde die Kreisstadt zum hessischen Modellfall, die schon Ende 1969 sieben Eingemeindungen unter Dach und Fach brachte - und bis 1971 die Verträge mit insgesamt 14 Ortsteilen unterzeichnete.

Auf Kreisebene setzten sich starke verbindende Elemente zwischen dem Waldecker und dem Frankenberger Land durch. Räumlich war es unzweifelhaft der Edersee, das „blaue Auge“ im Herzen des neuen Großkreises. Historisch war es etwa die Herrschaft Itter, die im Mittelalter zwischen den Grafen von Waldeck und den hessischen Landgrafen hin und her wechselte und erst 1867 als „Amt Vöhl“ unter preußischer Flagge an den Landkreis Frankenberg kam.

Mit dem Landesplanungsgesetz von 1962 formte die spätere hessische Landesregierung aus den Landkreisen Waldeck und Frankenberg bereits weit vor der Gebietsreform der 70er-Jahre eine gemeinsame Planungsregion, in der die Kreisverwaltungen in Korbach und Frankenberg, die Landräte Dr. Karl-Hermann Reccius und Heinrich Kohl seither zusammenarbeiteten. Somit war die politische Fusion am 1. Januar 1974 zu Waldeck-Frankenberg nur folgerichtig.

Schön, zentral gelegen und sehr erfolgreich

Wenn das Echo des Feuerwerks zum neuen Jahr verhallt ist, dürfen die Menschen nördlich und südlich des Edersees mit Stolz auf das Ziehkind blicken, das nach einer schwierigen Schwangerschaft vor 40 Jahren zur Welt kam: Waldeck-Frankenberg ist nicht nur der größte, sondern zweifelsohne auch der schönste Landkreis. Er ist Hessens Urlaubsregion Nummer eins, besitzt den einzigen hessischen Nationalpark, mit Bad Arolsen, Bad Wildungen, Frankenberg und Korbach vier attraktive Mittelzentren, Hessens einzige Hansestadt Korbach, das zugkräftigste Wintersportzentrum Willingen, die niedrigste Arbeitslosenquote im ländlichen Raum Hessens, präsentiert sich traditionsbewusst und gleichermaßen wirtschaftlich dynamisch. Herzlichen Glückwunsch also zum gemeinsamen Geburtstag!

Gebietsreform

In einem über Jahre währenden Kraftakt ist die Zahl der Kommunen in Hessen in den 1970er-Jahren drastisch geschrumpft: Im Februar 1969 gab es noch 2642 Gemeinden, 39 Landkreise und neun kreisfreie Städte. Die hessische Regierung unter SPD und FDP machte damals damit Schluss; die wünschte sich weniger als 500 Kommunen. Vor der Gebietsreform, während der von 1972 bis 1977 zahlreiche Kommunen und Landkreise zwangsweise zusammengelegt wurden, schuf die Regierung bereits finanzielle Anreize für freiwillige Zusammenschlüsse. Zum Ende des Jahres 1972 gab es dadurch noch 1233 Gemeinden. Hessen war damit das Bundesland mit der höchsten „Freiwilligenrate“ bei den Zusammenschlüssen der Kommunen.

Ziel der Gebietsreform war, dass die Gemeinden ihre öffentlichen Aufgaben besser wahrnehmen können – kleine Gemeinden waren oft nicht in der Lage, alle Aufgaben der kommunalen Selbstverwaltung und der öffentlichen Einrichtungen alleine zu stemmen. Bereits 1947 hatte eine Arbeitsgruppe des Kabinetts daher einen Vorschlag erarbeitet, nach dem Gemeinden mit weniger als 300 Einwohnern aufgelöst werden sollten. Das wurde allerdings nie umgesetzt.

Nach der gesetzlichen Neugliederung ab 1972 gaben immer mehr Kommunen ihre Eigenständigkeit auf: Heute gibt es noch 421 Gemeinden, 21 Landkreise und 5 kreisfreie Städte. Marburg etwa verlor den Status als kreisfreie Stadt – ebenso wie Fulda und Hanau. Da Marburg mehr als 50 000 Einwohner hat, behielt die Stadt einen Sonderstatus: Sie darf einige Kreisaufgaben wahrnehmen und zahlt nur die Hälfte der Kreisumlage.

Anfang der 70er-Jahre wohnten im Waldecker Land 95?300 Menschen und im Kreis Frankenberg 52 300 Einwohner. Nach dem Zusammenschluss wuchs die Bevölkerung zunächst deutlich: Ende der 1990er-Jahre hatte Waldeck-Frankenberg rund 172000 Einwohner. Aktuell sind es nur noch rund 157?000.

Die Landkreise Waldeck und Frankenberg schlossen sich zum 1. Januar 1974 mit 13 Städten und 9 Gemeinden zusammen. Im Waldecker Land kam Volkmarsen schon 1972 hinzu, Züschen wurde an den Schwalm-Eder-Kreis abgegeben. Auch im Süden änderten sich die Grenzen: Schiffelbach etwa gehörte zum Landkreis Marburg, wurde aber Gemünden (Wohra) angegliedert. Die Neuordnung der Gemeinden gestaltete sich dabei in vielen Fällen schwieriger als die Neugliederung der Landkreise. Städte und Dörfer sind über Jahrhunderte gewachsene Gemeinschaften und deshalb im Bewusstsein der Einwohner tief verankert. Theodor Heuss (1884 bis 1963), erster Bundespräsident nach dem zweiten Weltkrieg, sagte 1949: „Dass die Grenzen von Ländern durch fremdes Diktat oder eigenen Willen geändert werden, ist deutsches Schicksal. Das Problem ist dieses: Die Gemeinden, wo immer sie sind, sie bleiben da, wo sie sind, sie haben diesen Ewigkeitsanspruch. Das bedeutet, dass die Gemeinden wichtiger sind als die Länder, weil sie die Keimzellen des bürgerlichen Lebens, des Wirtschaftslebens sind.“

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