Schüler und Lehrer der Arolser Kaulbach-Schule informieren über Gefahr des Ritzens bei Jugendlichen

Mit Hilfeschrei auf Probleme hinweisen

Cecilia Van Thurenhout und Ann-Christin Sell haben sich über das Ritzen informiert und sagen „Nein“.Fotos: Elmar Schulten

Bad Arolsen - Mal sind es langärmelige Pullover mitten im Hochsommer, mal ein drohend dahin geworfener Halbsatz. Wer die Zeichen für Selbstverletzungen erkennen und verstehen will, muss genau hinsehen und genau hinhören. Aufmerksame Lehrer entwickeln mit der Zeit besondere Antennen für Hilferufe.

Vor allem Mädchen neigen dazu, sich in schwierigen Phasen ihrer Entwicklung selber die Arme blutig zu kratzen oder schlimmer noch, sich mit scharfen Gegenständen aufzuritzen. Auch die Androhung, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen, ist für manche Schülerinnen ein Hilferuf in einer schwierigen Situation.

Mal ist es schulische Überlastung, mal ständiger Streit in der Familie oder Ärger im Freundeskreis. Die Ursachen für selbstverletzendes Verhalten sind vielfältig und jedes Mal verschieden. Für die Lehrer und Eltern ist es eine große Herausforderung, die Signale zu verstehen und richtig zu reagieren. „In den 40 Schulwochen eines Jahres habe ich nahezu jede Woche mit einem Kind zu tun, das keinen anderen Weg weiß, sich seiner Umwelt mitzuteilen“, berichtet Rosel Reiff. Die erfahrene Leiterin der Kaulbach-Schule ist immer wieder erschrocken und erschüttert, wie es so weit kommen konnte.

„Jungs haben andere Wege“

Professionelle Hilfe kommt dann oft von Schulpsychologen. Die Eltern werden intensiv eingebunden. Lösungen werden gesucht. In der aktuellen Prüfungsphase haben sich vier Schülerinnen der neunten Hauptschulklassen mit dem Thema beschäftigt und ihre Projektprüfung zur Darstellung dieses komplexen und schwierigen Problemfeldes genutzt. Ausgangspunkt war das Phänomen Cyber-Mobbing.

Damit verbunden ist das Verschicken von sehr persönlichen Fotos per Smartphone. Dazu gehören Nacktaufnahmen ebenso wie Bilder von angeritzten, blutigen Armen oder Oberschenkeln.

Cecilia Van Thurenhout und Ann-Christin Sell sind beide nicht selbst von der Problematik betroffen, kennen aber in ihrem Freundeskreis etliche Fälle, in denen Mädchen ihre Arme und Oberkörper blutig ritzten.

„Das sieht dann echt schlimm aus und man weiß gar nicht, was man dazu sagen soll“, erzählen die 16-jährigen Schülerinnen. Die beiden schätzen, dass sich in ihrem Jahrgang mit rund 150 Schülern etwa 15 schon einmal selbst verletzt haben: „Das sind meistens nur Mädchen, die so etwas machen, Jungs haben wahrscheinlich andere Arten, mit Stress umzugehen“, erzählen die Schülerinnen. In ihrer Abschlusspräsentation haben sie zusammengetragen, welche Arten der Selbstverletzung es gibt. Sie haben versucht, Gründe dafür zu finden, warum junge Mädchen sich so etwas antun. Ihre Vermutung: „Die meisten ritzen sich, weil sie auf sich und ihre Probleme aufmerksam machen wollen.“ Dabei sei es doch viel besser, mit irgendjemandem über die Probleme zu reden, mit den Eltern, einem Lehrer oder einem Freund.

Cecilia und Ann-Christin vermuten, dass ein Grund für die Selbstverletzungen auch Mobbing sein könnte: Es gebe in allen Klassen einen großen Druck, sich anzupassen. Wer sich abhebe, etwa durch Kleidung oder sehr gute oder sehr schlechte Leistungen, werde schnell als Streber oder Außenseiter an den Rand gedrängt.

Es fängt an mit Beleidigungen und Rumgeschubse. Am Ende steht man alleine auf dem Schulhof. Und wer sich dazu gesellt, muss fürchten, selber zum Mobbing-Opfer zu werden. Der Zwang der Clique kann so extrem werden, dass manche Pubertierende sich keinen anderen Rat mehr weiß, als mit dem Ritzen anzufangen.

Die beiden Mädchen erzählen von einer Freundin, die nach Hilfe von außen schließlich mit dem Ritzen aufgehört habe: „Sie sagt heute: Es war dumm und macht hässliche Narben.“

Schulleiterin Rosel Reiff ist von den Schülerinnen und ihrer Arbeit begeistert: „Dafür gab es eine Eins.“ Jetzt freut sich die Rektorin, dass die beiden Mädchen ihren Vortrag noch ein paar Mal in anderen Klassen vorgetragen haben. Die Präsentation dauert etwa 20 Minuten. Danach verlassen die Lehrer den Klassenraum und die Schüler der sechsten und siebten Klassen sind mit den vier jungen Referentinnen alleine, um über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Besondere Antenne

„Wenn wir dann fragen, ob in der Klasse schon jemand geritzt hat oder ob man jemanden kennt, der das getan hat, dann richten sich die Blicke manchmal auf die eine oder andere Mitschülerin“, berichten Cecilia und Ann-Christin. Für Schulleiterin Rosel Reiff und ihr Team ist es wichtig, dass offen mit dem Problem umgegangen wird. „Schweigen hilft da nicht weiter. Wir Lehrer müssen das Problem erkennen und den Schülern konkrete Hilfen anbieten.“

„Die Kolleginnen und Kollegen haben bei uns schon eine besondere Antenne für die feinen Signale der Schüler entwickelt. Aber nicht immer funktioniert das Frühwarnsystem. Schule, Elternhaus und Psychologen müssen eng zusammenarbeiten“, plädiert die engagierte Pädagogin.

Von Elmar Schulten

Mehr zum "Thema des Tages", unter anderem ein Interview mit Dr. Falk Burchard von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, lesen Sie in der gedruckten Samstagausgabe von WLZ und FZ, 31. Mai 2014.

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