Bündnis Beruf und Familie diskutiert im Conti-Werk über neue Arbeitszeitmodelle

Innere Uhr trifft auf Wechselschicht

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Auf dem Podium (v.l.): Mile Bursac und Stefan Schüngel (beide Schichtleiter bei Conti), Gottfried Fischer (Pflegedienstleiter Wicker-Klinik), Angelika Teppe (Personalleiterin Almo), Dr. Sonia Hornberger (Leiterin des Audi Institutes für Arbeit), Steffi So

Waldeck-Frankenberg - Arbeiten, wenn andere Leute schlafen – in vielen Betrieben im Landkreis ist das Alltag. Doch die Schichtarbeit belastet die Gesundheit und das Sozialleben der Mitarbeiter.

Schlaflos, einsam und ausgelaugt: Etwa jeder sechste Beschäftigte in Deutschland arbeitet im Schichtdienst. Sich auf die wechselnden Arbeitszeiten einzustellen, ist für Körper und Psyche eine enorme Belastung.

Sonia Hornberger, promovierte Arbeitswissenschaftlerin und Expertin für Schichtplangestaltung für Volkswagen und Audi, stellte am Mittwoch beim jährlichen Treffen des regionalen Bündnisses Beruf und Familie (siehe Hintergrund) in der Kantine des Korbacher Continental-Werks vor gut 110 Zuhörern Arbeitszeitmodelle vor, die Schichtarbeit erträglicher machen.

„Grundsätzlich ist ein Vorwärtswechsel der Schichten arbeitswissenschaftlich absolut empfehlenswert“, wusste Hornberger. Für die Mehrheit der Menschen, die in drei Schichten arbeiten müssen, seien schnelle Wechsel zwischen Früh-, Spät- und Nachtschicht in Vorwärtsrotation am wenigsten belastend.

Die Gründe: Schnelle Rotation macht es dem Körper leichter, von einer Arbeitszeit zur nächsten zu wechseln und ist dadurch langfristig nachweislich schonender.

Und die Vorwärtsrotation – also die schrittweise Verlängerung des Tages – entspricht dem Biorhythmus besser als eine Verkürzung. Von Natur aus seien Menschen tagaktiv – und die biologische Uhr stelle sich nur schwer um, erklärte Hornberger. Darüber hinaus seien Menschen von „Zeitgebern“ wie dem gesellschaftlichen Rhythmus und dem Hell-Dunkel-Wechsel abhängig.

Das sei auch der Grund, warum sich der Körper zum Beispiel bei Fernreisen auf neue Uhrzeiten einstellen könne, bei Nachtarbeit dagegen nicht. Schichtarbeit beute ein Leben gegen die innere und die gesellschaftliche Uhr. Audi hat, begleitet von Hornberger, ein schnell-rotierendes Schichtsystem eingeführt.

Anfangs seien viele Mitarbeiter skeptisch gewesen – aber nach einem Jahr habe kaum einer mehr tauschen wollen, berichtet die Arbeitswissenschaftlerin. Zusätzlich seien aber auch individuelle Lösungen, etwa Teilzeitmodelle, sinnvoll, um Familie und Job besser unter einen Hut bringen zu können, sagte Hornberger.

Auf dem Podium diskutierten anschließend Mile Bursac und Stefan Schüngel (beide Schichtleiter bei Conti), Gottfried Fischer (Pflegedienstleiter der Wicker-Klinik in Bad Wildungen), Angelika Teppe (Personalleiterin bei Almo in Bad Arolsen), Dr. Sonia Hornberger, Conti-Betriebsrätin Steffi Sonntag und Conti-Personalreferentin Eva Schunk. Anine Linder vom Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ in Berlin moderierte die Debatte.

Während einige Teilnehmer das Kinderbetreuungsangebot in der Region bemängelten, verwies Ute Ehringhausen, Leiterin des Sozial- und Kulturamtes in Korbach, auf die großen finanziellen Belastungen für die Kommunen: „In Korbach sind es bei dem derzeitigen Standard Aufwendungen von rund 14 000 Euro im Jahr für einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren und rund 5900 Euro im Jahr für einen Betreuungsplatz für Kinder über drei Jahren.“

Beate Friedrich, Leiterin des Frauenbüros des Landkreises, appellierte an Kommunen und Betriebe, gemeinsame Lösungen zu finden und auch unternehmen könnten kooperieren, etwa gemeinsame Betriebskindergärten gründen.

Hintergrund

Im 2008 gegründeten regionalen Bündnis Beruf und Familie Waldeck-Frankenberg sind rund 60 Kooperationspartner aus Verwaltung, Unternehmen und Politik zusammengeschlossen, die gemeinsam daran arbeiten, die Lebensbedingungen von Familien im Landkreis zu verbessern.

Koordiniert wird es vom Frauenbüro des Landkreises. Das Bündnis verleiht unter anderem einen Preis an familienfreundliche Unternehmen.(lb)

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