Interview mit Hessens Umweltministerin Priska Hinz

Nationalpark-Erweiterung: „Der Tourismus soll profitieren“

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Hessens Umweltministerin Priska Hinz , hier beim Hessentag in Korbach vergangenes Jahr, sieht in der Erweiterung des Nationalparks einen Mehrwert für den Tourismus in der Region. 

Waldeck-Frankenberg - Der Nationalpark Kellerwald-Edersee wächst um bis zu 1800 Hektar. Im Interview sprachen wir mit Umweltministerin Priska Hinz über die Pläne und die Auswirkungen.

Frau Ministerin, der Schutz der Steilhänge ist in der Region schon länger Thema. Das Ministerium war in der Vergangenheit eher zurückhaltend, was Schutzmaßnahmen angeht. Woher also der Sinneswandel?

Das Ministerium war gar nicht zurückhaltend. Wir hatten in der Vergangenheit vielmehr den Eindruck, dass in der Region die Zeit für eine Diskussion über weitere Schutzgebiete noch nicht reif war. Das hat sich aber durch das Naturschutzgroßprojekt und seine vielen Vorteile für die Region deutlich geändert. Auch bei der Diskussion um das Fahrtziel Natur hat man deutlich gespürt, dass sich die Stimmung ändert und etwas daraus werden kann. Das gab schließlich noch einmal den Anstoß, den Schutz der Steilhänge anzupacken.

Trotzdem kam aus dem Ministerium auf Nachfrage immer die Rückmeldung, dass aufgrund der Topografie sowieso kaum Bewirtschaftung stattfinden kann und der nötige Schutz bereits gegeben sei. Das fühlt sich nach einer Kehrtwende an.

Für mich war es keine Kehrtwende. Wir hatten die Debatte auch schon bei der Ausweisung der zweiten Tranche der Kernflächen. Diskutiert haben wir damals auch mit Vertretern der Region, ob die Steilhänge mit in diese Tranche aufgenommen werden könnte. Da gab es durchaus noch Widerstand, deswegen haben wir damals davon abgesehen. Es gab außerdem das Versprechen, dass nichts gegen den Willen der Region entschieden wird. Erst in den vergangenen zwei Jahren hat sich aus meiner Sicht die Stimmung der Bevölkerung deutlich verändert. Viele haben den Nationalpark als Chance begriffen. Die Steilhänge sind nicht nur naturschutzfachlich toll, sondern haben auch einen Mehrwert für den Tourismus und somit auch für die regionale Wertschöpfung. Durch diese wertvollen, regionalen Akzente des Nationalparks konnten wir das Thema Schutz der Steilhänge neu aufgreifen.

Der Urwaldsteig würde mit der Erweiterung fast vollständig auf Nationalpark-Gebiet liegen.

Zunächst waren 1000 Hektar als Erweiterung angedacht, jetzt sind es möglicherweise 1800. Wieso diese Vergrößerung?

Die Suchkulisse ist jetzt deswegen größer, weil wir Flächen aus dem Naturschutzgroßprojekt aufgenommen haben, die wir rechtlich auf Dauer sichern müssen. Dazu kommen die Flächen, die wir für die dritte Tranche der Kernflächen für Naturwälder ausgewählt haben. Zudem gibt es Flächen, die jetzt schon naturschutzrechtlich gesichert sind. Wenn man diese alle zusammenfasst, und dann noch den Lückenschluss macht, damit auch der Urwaldsteig insgesamt im Nationalpark liegt, wird die Suchkulisse etwas größer.

Mancher sorgt sich, dass der Tourismus unter der Erweiterung des Nationalparks leiden könnte. Sie haben schon deutlich gemacht, dass es am Edersee weitergehen wird wie bisher. Doch was ist mit Wandern, Reiten, Radfahren?

Der Tourismus soll besonders profitieren von der Erweiterung. Gerade die großen Wanderwege werden daher erhalten bleiben. Das gilt auch weitestgehend für die Radwanderwege. Wird tatsächlich ein Radweg tangiert, werden wir eine adäquate Ausweichlösung suchen. Auch die Wasseroberfläche des Edersees und die Campingplätze werden weiterhin touristisch genutzt werden können. Es ist also von einem Mehrwert für den Tourismus auszugehen.

Beispiel Waldecker Seilbahn: Sie soll in naher Zukunft saniert werden, es gibt dann also auch bauliche Eingriffe. Können solche Vorhaben im Nationalpark umgesetzt werden?

Das habe ich bereits dem Bürgermeister von Waldeck zugesagt. Die Seilbahn kann saniert werden, dem steht nichts im Wege. Im Gegenteil: Wir wollen, dass die Seilbahn dort weiter existiert.

Info-Veranstaltung nach den Sommerferien

Sie haben mehrfach betont, dass nichts gegen den Willen der Region passieren soll. Wie sieht die Öffentlichkeitsbeteiligung in den kommenden Monaten aus?

Wir werden eine Arbeitsgruppe einrichten, in der Vertreter aus dem Tourismus, die Bürgermeister der Anrainerkommunen, der Landrat, Landwirte, das Domanium sowie die Naturschutzverbände vertreten sind. Alle, die betroffen sind, sollen in der Arbeitsgruppe beteiligt und ihre Fragen gut geklärt werden. Mit den Eigentümern, die dort Flächen haben, wird direkt gesprochen. Nach den Sommerferien planen wir außerdem eine weitere Info-Veranstaltung, um auf breiter Ebene zu informieren.

Sie haben es angesprochen: Alle Flächenbesitzer sollen eingebunden werden. Das Domanium, das in der Suchkulisse ebenfalls Flächen besitzt, würde diese abgeben, aber am liebsten tauschen. Sind solche Lösungen möglich?

Es war schon bei der Einrichtung des jetzigen Nationalparks so, dass individuelle Lösungen gefunden wurden. Manche haben Flächen eingebracht und eine Kompensation bekommen, bei anderen gab es Entschädigungen. Wir werden Regelungen finden im direkten Gespräch. Das Domanium hat schon einen finanziellen Ausgleich bekommen für die Flächen, die ins Naturschutzgroßprojekt eingebracht wurden.

Der Nationalpark Kellerwald-Edersee wächst um bis zu 1800 Hektar

Bis zum Sommer 2020 soll die Erweiterung vollzogen sein. Für politische Verhältnisse geht das ziemlich zackig. Wie ist der Zeitplan zustande gekommen?

Von mir müssen Sie wissen, dass ich immer zackig bin (lacht). Wir sehen die Notwendigkeit, die Bürger mit Fragen nicht allein zu lassen und diese schnellstmöglich zu beantworten. Wenn alles gut läuft, feiern wir die Erweiterung nächstes Jahr vor der Sommerpause.

Für die künftige Holzvermarktung wird im Landkreis eine GmbH gegründet. Es hängt nun noch an einer Förderung vom Land, Richtlinien sind noch unklar.

Die Beschlüsse können alle schon gefasst werden. Die Förderrichtlinie ist fertig. Wir sind uns mit dem Finanzministerium einig, aber es hängt am Landesrechnungshof, der noch einmal Fragen hatte und von dem wir grünes Licht brauchen, sonst können wir die Förderrichtlinie nicht herausgeben.

Wann wird es das grüne Licht in etwa geben?

Wir gehen davon aus, dass es vor Ostern kommt. Die Richtlinie ist in der Schlussabstimmung.

Durch neue Vermarktungsorganisationen wird es Auswirkungen auf die Forstämter geben.

Auch angesichts dieser Neustrukturierungen: Wie steht es um die Forstämter in Waldeck-Frankenberg?

In ganz Hessen sind Forstämter betroffen, und zwar überall dort, wo Vermarktungsgesellschaften gegründet werden. Der Verkauf darf dann nicht mehr von den Forstämtern getätigt werden. Das war nicht unser Wunsch, ich könnte gut darauf verzichten. Wir kommen einer Forderung der Bundeskartellbehörde nach. Ich finde das sehr misslich, denn das Einheitsforstamt war immer eine sichere Möglichkeit, Holz zu einem guten Preis zu vermarkten und die vorgelagerten Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. HessenForst bietet auch alles jenseits des Verkaufs noch an. Auf diese Dienstleistung wollen viele Holzvermarktungsorganisationen weiter zugreifen. Dort, wo das nicht mehr stattfinden wird, hat das natürlich Auswirkungen auf die Forstämter. Die Gefahr der Zerschlagung des Einheitsforstamtes haben wir auf uns zukommen sehen und benannt. Wir werden jetzt überlegen müssen, mit welchen Aufgaben wir sie darüber hinaus ausstatten können.

"Entscheidung des Kartellamts ist grundfalsch"

Hier in der Region ist es ein erklärtes Ziel, über die Vermarktungs-GmbH mittelfristig neben dem Holzverkauf auch die Beförsterung zu übernehmen.

In den einzelnen Landesteilen sind Kommunal- und Privatwald sehr unterschiedlich ausgeprägt. Daher wäre es besser, wenn die forstliche Betreuung aus einer Hand mit hohem fachlichem Anspruch angeboten werden kann. Mit Hessen-Forst können wir dieses Dienstleistungsangebot weiterhin sicherstellen. Ich halte die Entscheidung des Kartellamtes für grundfalsch und ich glaube, eine Bundeskartellbehörde sollte sich andere Monopole vornehmen und nicht unbedingt die Vermarktung des Holzes.

Der Nationalpark wird um bis zu 1800 Hektar größer werden.

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