Großübung mit rund 65 000 Soldaten erfasst auch Waldeck und Frankenberg

Vor 50 Jahren läuft das Manöver „Großer Rösselsprung“ im Kreis

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Besuch in Mengeringhausen: Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. Dieses Bild brachte die WLZ am 11. September 1969 auf Seite 1.

Waldeck-Frankenberg – Tiefflieger donnern übers Land, Panzer preschen durchs Gelände – und hochrangige Politiker geben sich in Mengeringhausen die Klinke in die Hand: Vor 50 Jahren lief in den beiden Kreisen Frankenberg und Waldeck das Manöver „Großer Rösselsprung“ auf Hochtouren.

Rund 65 000 Soldaten übten mitten im Kalten Krieg die Abwehr eines massiven Angriffs. Etwa 12 000 Rad- und 2500 Kettenfahrzeuge, 104 Hubschrauber, 100 Kampfjets und 30 Transportmaschinen waren im Einsatz. Neben dem III. Korps der Bundeswehr waren Verbände der Amerikaner und der Belgier und eine französische Einheit beteiligt.

Das Wappen der 7. Panzergrenadierdivision.

Dem Szenario nach waren Truppen des Warschauer Paktes bei Hannover in Niedersachsen sowie über die Fulda-Senke in Nordhessen einmarschiert, sie sollten in Richtung Ruhrgebiet vorstoßen. Auch an der Diemel wurde die Flussüberquerung mit Kriegsbrücken geübt. 

Die „rote“ 7. Panzergrenadierdivision sollte angreifen, die „blaue“ 2. Panzergrenadierdivision mit den NATO-Verbündeten die Heimat verteidigen. Und weil die 7. Division das weiße springende Pferd der Niedersachsen als Wappen führte, wurde das Manöver „Großer Rösselsprung“ genannt – nicht zu verwechseln mit zwei Unternehmen namens „Rösselsprung“ der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. 

Im Kalten Krieg

Das Manöver lief in einer Zeit voller politischer Spannungen. Die Jahre zwischen 1945 und 1990 waren geprägt vom Wettrüsten zwischen den Diktaturen im Ost und den Demokratien im Westen. In der Nacht auf den 21. August 1968 hatten Truppen des Warschauer Paktes in fünf Armeestärken die Tschechoslowakei besetzt und den „Prager Frühling“ der dortigen „Reformkommunisten“ beendet. Zwölf Jahre zuvor hatte es eine ähnliche Aktion in Ungarn gegeben, um das dortige Regime auf die von Moskau gewünschte Linie zu zwingen. 

Die NATO musste auf diese Aggressionen reagieren. Großmanöver sollten dem Osten Verteidigungsbereitschaft demonstrieren, die Amerikaner ließen durch ihre Teilnahme keinen Zweifel an ihrer Bündnistreue zu ihren westeuropäischen Freunden aufkommen. Dies sollte die Herrscher im Moskauer Kreml von Angriffen abschrecken.

In den damaligen Tagen war besonders die Prinz-Eugen-Kaserne in Mengeringhausen stark frequentiert durch Scharen von Politikern, aber auch viele Pressevertreter hatten den Weg nach Waldeck gefunden – in der Kaserne auf dem Hagen hatte sich der Stab des III. Korps einquartiert. 

Kanzler, Minister und Bundespräsident zu Gast

So erschien sogar Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger in Begleitung von Staatssekretär Karl Günther von Hase und Generalinspekteur General Ulrich de Maizière in Mengeringhausen. 

Am 13. September 1969 kam der erst im März gewählte Bundespräsident Gustav Heinemann aufs Gefechtsfeld bei Goddelsheim. Es war sein Antrittsbesuch bei der Bundeswehr. CDU-Verteidigungsminister Gerhard Schröder begleitete ihn.

In Goddelsheim ließen sie sich von Generalmajor Heinz Günther Guderian in die militärische Lage einweisen. Der Sohn des legendären Panzer-Generals Heinz Guderian aus dem Zweiten Weltkrieg war damals General der Kampftruppen im „Verfügungsraum“. 

Besonders gelobt wurden die 7500 Reservisten, die für diese Großübung eingezogen worden waren. In Mengeringhausen gab Schröder der WLZ ein Interview. Auch Gustav Heinemann war kurz zu Gast in der Kaserne.

Bundeswehr im Umbruch

In der Bundeswehr bestand 1969 seit 13 Jahren die Wehrpflicht. Die Dienstzeit für alle Männer ab 18 Jahren war von einem Jahr auf 18 Monate verlängert worden. 

Im Heer lief die Umrüstung auf neue Waffensysteme: Die zunächst eingeführten Schützenpanzer HS 30 und Hotchkiss von französischen und britischen Konstrukteuren wiesen Mängel auf, sie wurden durch die deutsche Neuentwicklung Marder ersetzt. Beim Manöver 1969 war er noch in der Erprobung, aber bis 1974 waren die alten Schützenpanzer fast alle aus der Bundeswehr verschwunden. 

Erstmals wurde beim „Großen Rösselsprung“ zudem der neue deutsche Kampfpanzer Leopard 1 eingesetzt – keines der eingesetzten 200 Neufahrzeuge fiel aus. Es sollten aber noch 18 Jahre vergehen, bis fast alle der alten amerikanischen M48 ausgemustert waren. 

Einige wenige M48 wurden zu Minenräumpanzern umgebaut, einige sind sogar bis heute unter dem Namen „Keiler“ im Einsatz.

Die Luftwaffe flog damals den F 104 „Starfighter“, die 84 „Thunderflash“ sowie die Fiat G91. Dazu kamen noch die Dornier 17 als Beobachtungs- und Verbindungsflugzeug. 

Im Einsatz: Starfighter der Luftwaffe.

Der amerikanische „Starfighter“ galt als unausgereift, bereits am 29. März 1961 hatte die Bundeswehr bei Korbach seine erste Maschine verloren, weitere Abstürze und Ausfälle folgten, was dem „Starfighter“ den Spitznamen "Witwenmacher" eintrug. 

Der neue Generalinspekteur Johannes Steinhoff reduzierte die Verluste auf ein erträgliches Maß. Verbesserungsversuche zeigten auch beim Manöver „Rösselsprung“ erste positive Aspekte. 

1969 war bereits ein neues Kampfflugzeug in Auftrag gegeben: Die F4 „Phantom“ hielt ab 1970 in die Luftwaffe Einzug. Gedacht war sie als Ersatz für einige Geschwader, die mit dem „Starfighter“ ausgerüstet waren. Beim „Rösselsprung“ brachten die Amerikaner die „Phantom“ bereits zum Einsatz. 

Am 10. September 1919 beteiligte sich auch der Inspekteur Steinhoff mit einer Fiat G91 an den Manöverkämpfen. In drei weiteren Maschinen saßen wahrscheinlich weitere Generäle.

Finale Panzerschlacht

Das Wappen der 2. Panzergrenadierdivision.

Die finale Panzerschlacht fand in der Warburger Börde statt. Dort stießen „Blauland“ und „Rotland“ aufeinander. Als Sieger ging „Blauland“ vom Schlachtfeld, also die 2. Panzergrenadierdivision, deren Stab damals in Marburg stationiert war – zuletzt lager in Kassel. Sie hatte den rot-weißen hessischen Löwen im Wappen. 

Während der Übung wurde der Stab der „2.“ nach Frankenberg verlegt, was zur folge hatte, dass sich auch dort die politische Führungsspitze des Landes einfand. 

Es sollten fast acht Jahre vergehen, bis wieder ein Manöver dieser Größe Waldeck-Frankenberg heimgesucht hat: „Standhafte Chatten“ stand 1977 an. 

Heute gehört all dies der Vergangenheit an. Nach der Auflösung des Warschauer Paktes und der deutschen Einheit 1990 gab es keine Großmanöver in der Bundesrepublik mehr. Die Bundeswehr wurde drastisch verkleinert. 

Die 2. Panzergrenadierdivision wurde 1994 außer Dienst gestellt, die 7. Panzergrenadierdivision 2006 aufgelöst - sie galt bis dahin als „Rückgrat des Deutschen Heeres“.

Zeitzeugen und Dokumente gesucht

Die Arbeitsgemeinschaft „Luftkriegsgeschichte“ sucht zu den Übungen dieser Zeit immer noch Zeitzeugen sowie Bild- und Textmaterial. Sie würde sich über eine Rückmeldung von Interessenten freuen, Tel 06455/8302.

VON HANS-JOACHIM ADLER

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