Positives Fazit trotz Corona-Krise

Jobcenter-Bilanz: 349 Flüchtlinge haben Arbeitsplatz bekommen

Sie ziehen Bilanz nach einem Jahr mit Corona: Der Leiter des Waldeck-Frankenberger Jobcenters, Otto Richter, und Pressesprecherin Julia Rusch.
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Sie ziehen Bilanz nach einem Jahr mit Corona: Der Leiter des Waldeck-Frankenberger Jobcenters, Otto Richter, und Pressesprecherin Julia Rusch.

Das Waldeck-Frankenberger Jobcenter zieht nach einem Jahr in der Corona-Pandemie ein positives Fazit 

Waldeck-Frankenberg – So belastend die andauernden Corona-Beschränkungen auch sind: Der befürchtete große Wirtschaftseinbruch ist in Waldeck-Frankenberg ausgeblieben. Das Fazit des Jobcenters : Die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsempfänger in der Grundsicherung sei gesunken, berichtet der Leiter Otto Richter – sie liege unter dem Niveau vor dem Ausbruch der Krise im März 2020. In seiner Bilanz beschreibt Richter eine Kurvenbewegung: Nach einem stetigen Abbau stieg die Zahl der Leistungsempfänger ab März an, den Höhepunkt erreichte sie in den Sommermonaten von Juni bis August – seitdem sinkt die Kurve: Seit Herbst sind die Zahlen besser als in den krisenfreien Monaten ein Jahr zuvor. Die Zahl der Arbeitslosen sei von Dezember 2019 bis Dezember 2020 um 9,9 Prozent gesunken.

Die rückläufige Zahl der Leistungsempfänger sei auch auf den Integrationswillen von Flüchtlingen zurückzuführen, erklärt Richter. Nach Abschluss ihrer Qualifikations- und Sprachkurse seien binnen Jahresfrist 349 in Arbeit vermittelt worden – ihre Quote liege mit 42 Prozent über dem Durchschnitt. „Das ist eine erfreuliche Entwicklung“. Nach einer internen Auswertung seien 40 Prozent der Flüchtlinge in Zeitarbeit – sie sei ein „gutes Sprungbrett in den Arbeitsmarkt“. 14 Prozent arbeiten im Gastgewerbe, elf Prozent im Gesundheits- und Sozialwesen, sieben Prozent im verarbeitenden Gewerbe und je sechs Prozent im Baugewerbe und bei Dienstleistern. Wegen der Pandemie habe es 2020 kaum Sprachkurse gegeben. Allerdings gebe es auch zwei Gruppen mit Steigerungen: Die Zahl der arbeitslosen Frauen legte um 19 Prozent zu, die der Langzeitarbeitslosen um 16 Prozent.

Bilanz des Jobcenters: „Keine Jugendlichen zurücklassen“

Bei der Ausbildung habe das Jobcenter großen Wert darauf gelegt, dass die Schulabgänger keinen „Corona-Jahrgang“ bildeten, betont Richter. Priorität sei gewesen, „keinen Jugendlichen zurückzulassen“. Das gelte auch für dieses Jahr. Bildungsangebote zur Qualifizierung würden trotz eingeschränkter Angebote weiter größtenteils gern angenommen, erklärt Pressesprecherin Julia Rusch. Viele wollten „beruflich wieder Fuß fassen“.

In seinem rund 30-jährigen Berufsleben hat Otto Richter schon einiges erlebt. Aber die vergangenen zwölf Monate der Corona-Krise waren auch für den erfahrenen Leiter des Waldeck-Frankenberger Jobcenters „außergewöhnlich“. Wegen des anhaltenden Aufschwungs hatte das Jobcenter die Zahl der Leistungsempfänger über Jahre kontinuierlich abgebaut. Alle Gruppen hätten von den Chancen des Arbeitsmarktes profitiert, sagt Richter. Doch Mitte März 2020 kam der erste Lockdown, Händler und Gastwirte schlossen, weltweit gerieten Lieferketten ins Stocken, ließen Firmen Zeitarbeitsverträge auslaufen.

Bis Ostern Flut von Anträgen bearbeitet

Der Bund erweiterte die Möglichkeiten zur Kurzarbeit und bietet mit dem bis Ende 2021 laufenden Sozialschutzpaket einen vereinfachten Zugang zur Grundsicherung. Folge: Bis Ostern 2020 erreichte das Jobcenter eine Flut von Anträgen. 25 Prozent machten allein Kurzarbeiter aus, die aufstocken mussten. Nach Ostern sank die Zahl der Anträge deutlich. Viele scheuten die digitalen Angebote, mache Unterlagen waren unvollständig – das Jobcenter stellte mehr Mitarbeiter für die Antragsbearbeitung ab, damit die Leute schnell ihr Geld bekamen.

Die Bearbeitungszeit von durchschnittlich sechs Tagen habe sich nicht verlängert, betont Richter. Bei der Antragsprüfung werden zwar derzeit Vermögensgrenzen und Mietkosten weniger scharf geprüft, aber das Familieneinkommen wird immer berücksichtigt – manche zogen ihre Anträge zurück, weil die Lebenspartner gut verdienten. Wichtig sei dem Jobcenter auch gewesen, Kleinunternehmern oder Künstlern die Selbstständigkeit zu bewahren, sagt Richter. Erschwerend hinzu kam die Schließung des Hauses am 16. März 2020, Kunden und Mitarbeitern blieben nur Telefon oder Mail. Doch das sei kein Ersatz für den persönlichen Kontakt, betont Richter, die Betreuung erfordere ein Vertrauensverhältnis.

Jobcenter: Qualifizierung ist schwieriger gewerden

Doch persönliche Gespräche waren nur in „Notfällen“ vorgesehen – es ging auch um den Mitarbeiterschutz. „Wir müssen sicherstellen, dass Corona nicht bei uns aufploppt“, sagt Richter. Dennoch war er froh, dass vom 2. Juni bis zum 16. Dezember wieder Termine unter Einhaltung der Hygieneregeln möglich wurden. „Das hat funktioniert“, betont Pressesprecherin Julia Rusch. Das Jobcenter sei auch derzeit erreichbar, wir sind arbeitsfähig“, sagt Richter. Mitarbeiter helfen auch im Impfzentrum auf der Hauer mit.

Schwieriger wurde auch die Qualifizierung, Bildungsträger konnten nicht so viele Kurse anbieten, sie verkleinerten Gruppen und stellten auf digitale Angebote um, das Jobcenter gab Endgeräte an Kunden aus. Doch digitales Lernen könne nur eine Ergänzung sein, sagte Richter. Präsenzunterricht sei produktiver. Außerdem war die Kinderbetreuung zu regeln, weil Schulen und Kindergärten teils weggebrochen sind. „Kunden sollen den Anschluss nicht verlieren.“ Dennoch: „Fortschritte blieben auf der Strecke“, sagt Rusch, Flüchtlinge hätten Sprachkenntnisse eingebüßt. „Wir wollen den Normalbetrieb sehen“, wünscht sich Richter.
Von Dr. Karl Schilling

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