Neues Mammutwerk des ehemaligen hessischen Landtagspräsident ist erschienen

Jochen Lengemann stellt alle Abgeordneten Waldecks in Kurzbiographien vor

Jochen Lengemann sitzt mit seinem neuen Buch über die waldeckischen Landtagsabgeordneten in seinem Arbeitszimmer in Kassel vor einer Bücherwand.
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Der Autor und Parlamentarismus-Forscher: Jochen Lengemann mit seinem neuen Buch über die waldeckischen Landtagsabgeordneten.

In seinem neuen Handbuch stellt der ehemalige hessische Landtagspräsident Jochen Lengemann in Kurzbiographien alle Abgeordneten vor, die den Waldeckischen Landständen und dem Waldeckischen Landtag angehört haben. 364 Parlamentarier finden sich auf den 618 Seiten.

Bad Arolsen – Ein Denkmal vor der Vasbecker Kirche erinnert noch an Wilhelm Grebe. Aber sein Name sagt heute nur wenigen in Waldeck etwas. Dabei war er vor 200 Jahren im gesamten Fürstentum bekannt – als Mitglied der Landstände setzte er sich erfolgreich für die Ablösung der mittelalterlichen Dienst- und Abgabepflichten ein, Tausende Bauern wurden frei.

Männern wie Wilhelm Grebe hat Jochen Lengemann in seinem neuen Buch ein Denkmal gesetzt. Auf 618 Seiten beschreibt er in Kurzbiographien alle gewählten Abgeordneten, die von 1814 bis 1848 den Waldeckischen Landständen und von 1948 bis 1929 dem Waldeckischen Landtag angehört haben – „MdL Waldeck und Pyrmont 1814 bis 1929“ heißt das aufwendig recherchierte Mammutwerk, das im November erschienen ist.

„Ergebnis jahrzehntelanger Forschungen“

„Es ist das Ergebnis jahrzehntelanger Forschungen eines intimen Kenners der parlamentarischen Geschichte Hessens und Waldecks“, sagt Prof. Andreas Hedwig. Der Leiter des Marburger Staatsarchivs ist auch Vorsitzender der Historischen Kommission für Hessen, in dessen Schriftenreihe der Band erschienen ist. Lengemann schließe „eine große Lücke der historischen Erforschung der politischen Geschichte Waldecks“:

„Das Buch führt alle Mitglieder der Waldeckischen Landstände und Landtage auf, verortet, woher sie kamen, wann und in welchen Landtagen sie für welchen Stand oder für welche Partei sie aktiv waren und breitet eine überreiche Fülle an Daten und Fakten über ihre Lebensläufe aus.“

Keine Frau unter den 364 Parlamentariern 

Lengemann beschreibt 364 Abgeordnete – allesamt Männer: Auch nach Einführung des Frauenwahlrechts 1918/19 schaffte es nicht eine Frau in den in Arolsen tagenden Landtag. Obwohl Waldeck eher konservativ war, dokumentiert Lengemann eine bunte Mischung von Persönlichkeiten.

Staatstragende Juristen wie Robert Varnhagen waren ebenso Volksvertreter wie der monarchiefeindliche Revolutionär August Wirths. Gutsbesitzern oder Richtern, Schulrektoren und Lehrern wie dem Gembecker Carl Rabe alias „Karlchen X“ saßen Handwerksmeister wie der Korbacher Kupferschmied Hugo Kalbe oder der Wildunger Sozialdemokrat und Schuhmacher Carl Knapp gegenüber. Nicht wenige Abgeordnete waren Bürgermeister.

Politische Führungsschicht

Parlamentarische Anführer wie Alexander von Dalwigk, Wolrad Schumacher, Dr. Robert Waldeck oder Oswald Waldschmidt würden sichtbar, aber auch eine nicht hauptsächlich adelige politische Führungsschicht zwischen dem Fürsten und „seiner“ Regierung und den Bürgern, erklärt Lengemann.

Die Parlamente waren durchaus selbstbewusst, so hätten sich die Stände 1814 gegen die „Organisationsedikt“ genannte neue Verfassung des Fürsten geradezu „auflehnt“, erklärt Lengemann. Auch später seien die Abgeordneten gelegentlich ganz schön „sperrig“ gewesen.

„Säulen der Waldeckischen Identität“

Der letzte Waldeckische Landtag 1929 vor dem Zusammenschluss der Freistaaten Waldeck und Preußen.

Er schreibt ihnen aber noch eine andere Bedeutung zu: Landtag und Landesvertretung würden neben dem Fürstenhaus, dem Domanium, dem Geschichtsverein oder dem „Waldecker Lied“ sichtbar als „Säulen oder besser Projektionsflächen für die bis heute wirksame Waldeckische Identität“.

Er habe für alle Männer „mit der gleichen Intensität geforscht“, versichert Lengemann – auch wenn bei den Unbekannteren vielleicht Forscherneugier zu Tage getreten sei. Die Länge der Artikel zeuge nicht von der Bedeutung der Abgeordneten, sondern von der Quellenlage. Er habe sich um Vollständigkeit und Genauigkeit bemüht – aber einzelne Daten fehlen ihm noch immer. Auch Bilder sind eher selten – 128 finden sich im Buch.

Lengemann gibt auch einen knappen Überblick über die Verfassungsentwicklung und erfasst die Mitglieder des Spezial-Landtages für Pyrmont und der 1929 gebildeten Versammlung des Zweckverbandes der Gemeinden Waldecks. Gerade bei ihr zeige sich, dass sich in der Weimarer Republik vermeintlich „zu kurz gekommene“ Waldecker relativ spät – erst zwischen 1929 und 1933 – der NSDAP zuwandt hätten – „dann aber zum Teil heftig“.

Vorarbeiten zum Buch

Jochen Lengemann konnte bei seiner Forschung auf Vorarbeiten zurückgreifen. Reinhard König hat schon 1985 ein 99-seitiges Buch über die waldeckischen Landtagsabgeordneten herausgebracht. Sein „Mitstreiter“ Dr. Thomas Seibel habe die Listen für die Landstände in der Verfassungszeit vorgelegt.

Lengemann hat ebenfalls viel Erfahrung und Wissen gesammelt, seit er 1966 auf das Thema stieß – im amerikanischen Georgia entdeckte er ein Handbuch der amerikanischen Kongress-Abgeordneten. Als seit Ende der 1970er Jahre immer mehr Abgeordnetenhandbücher für historische deutsche Landesparlamente herauskamen, nahm auch Lengemann seine Forschungen auf.

1986 erschien sein erstes Handbuch über „Das Hessen-Parlament 1946–1986“, dem weitere Bücher und Aufsätze folgten. Im 1996 erschienenen „Index“ über die hessischen Landtagsabgeordneten von 1808 bis 1996 sind bereits Waldecker Parlamentarier aufgeführt.  Seit 1992 ist der Kasseler Ehrenbürger Mitglied der Historischen Kommission für Hessen.

Mehr als 20 Jahre geforscht

Im neuen Buch werde erstmals versucht, Lebensläufe aus den Quellen zu erforschen“, betont Lengemann. Sie zusammenzustellen, war oft mühsam. Mehr als 20 Jahre habe er daran gearbeitet.

Er habe zahlreiche Bibliotheken und Archive in Marburg, Berlin, Hannover und im Waldeckischen aufgesucht. Genealogen halfen weiter. Er reiste umher. Er verschickte und erhielt Tausende Mails, führte ungezählte Telefonate. Familien stellten Material zur Verfügung, auch das Archiv der WLZ, des Waldeckschen Geschichtsvereins, des Fürstlichen Hauses und der Domanialverwaltung öffneten sich ihm. Insofern sei das Buch das „Gemeinschaftswerk vieler“, betont er.

„Für die Erforschung der politischen Geschichte Waldecks im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ist das Buch ein Grundlagenwerk“, urteilt Prof. Hedwig. „Für jede Forschung über das politische Personal ist es unabdingbares Referenzwerk.“

Bibliographische Angaben:

Jochen Lengemann, MdL Waldeck und Pyrmont 1814–1929. Biographisches Handbuch für die Mitglieder der Waldeckischen und Pyrmonter Landstände und Landtage, Band 24 der Reihe „Politische und parlamentarische Geschichte des Landes Hessen“, Band 48,16 der Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Marburg/Wiesbaden 2020, ISBN 978-3-923150-76-2. Preis: 29 Euro. (Dr. Karl Schillling)

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