Entwicklungen in der weltweiten Landwirtschaft aufgezeigt

Karsten Schmal spricht beim Neujahrsempfang der Kreisbauernverbände

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Beim Neujahrsempfang der Kreisbauernverbände gestern im Korbacher Bürgerhaus – von links: Geschäftsführer Matthias Eckel und der Vorsitzende Olaf Fackiner aus Frankenberg sowie aus Waldeck die Geschäftsführerin Stephanie Wetekam und der Vorsitzende Karsten Schmal, der zugleich Präsident des hesischen Bauernverbandes ist.

Korbach. Der Präsident des hessischen Bauernverbandes, Karsten Schmal, hielt am Freitag beim Neujahrsempfang der Kreisbauernverbände in Waldeck und Frankenberg im Korbacher Bürgerhaus die Festansprache.

Sollte er angesichts der Dürre im vorigen Jahr und des Klimawandels an seinen Südhängen seines Betriebes in Sachsenhausen künftig Wein anbauen? Das fragte sich Karsten Schmal. "Man muss noch Ziele haben", bemerkte er. Und schmunzelte: Denn er wird schon bei seinem Milchviehbetrieb bleiben. 

Kurzweilig, ironisch, aber auch mit klaren Worten der Kritik nahm Schmal die Gäste mit auf eine Reise durch die Welt der Landwirtschaft. Sie führte von Sachsenhausen und dem Kreis nach Hessen, nach Berlin und in die weite Welt, um Trends und Debatten aufzuzeigen. 

Das Wetter voriges Jahr sei auch für den Kreis „unormal“ gewesen, eine Dürre in dieser extremen Form habe er noch nicht erlebt.  „Aber wir haben noch einigermaßen Glück gehabt“, urteilte Schmal. Da habe es andere Gegenden etwa in Ostdeutschland schlimmer erwischt. Doch die Futtervorräte seien aufgebraucht, neues zu kaufen sei teuer. „Noch so ein Jahr – und wir haben ein Problem.“ 

Landwirtschaft im Kreis

Schmal nannte einige Zahlen aus der Landwirtschaft im Kreis:

  • In Waldeck-Frankenberg gibt es derzeit 2300 Betriebe, darunter 550 im Haupterwerb und noch 1750 im Neben- und Zuerwerb – relativ viele.
  • Die Landwirte halten rund 62 000 Rinder. Darunter sind 23 000 Milchkühe – damit hat der Kreis den höchsten Bestand in ganz Hessen.
  • Es gibt etwa 40 000 Schweine, darunter 3500 Sauen.
  • Hinzu kommen etwa 11 000 Schafe und Ziegen in der Landschaftspflege.
  • Mit rund 30 000 Hektar hat der Kreis einen relativ hohen Grünlandanteil.

Die Geflügelhaltung spiele so gut wie keine Rolle im Kreis.

Auf der Bundesebene sprach Schmal „Herausforderungen“ wie die Debatten ums Tierwohl und den Investitionsdruck zur Umsetzung der Düngeverordung an. Sie sei gerade im Norden Deutschlands mit seinen hohen Tierbeständen ein Problem, im Südwesten sei es eher die Anbindehaltung von Tieren. 

„Eines der größten Probleme ist jedoch die fehlende Verlässlichkeit der Politik“, sagte Schmal: Kaum sei die eine Auflage erlassen, komme schon die nächste hinterher. Gerade junge Landwirte wüssten nicht, „was kommt noch auf mich zu?“

Auflagen führten dazu, dass die deutsche Landwirtschaft im Vergleich zu anderen Ländern nicht konkurrenzfähig sei. Sie führten zudem dazu, dass Landwirte ihren Betrieb aufgäben. 

Schmal verwies etwa auf den starken Rückgang des Schweinebestands. 1970 seien in Hessen noch 1,5 Millionen Tiere gehalten worden, derzeit seien es 555.000. Allein von 2017 auf 2018 sei der Bestand der Zuchtsauen um 15,9 Prozent geschrumpft – bundesweit um sechs Prozent. Und der Trend werde sich fortsetzen angesichts der Debatten um Kastenstände, das Kupieren der Schwänze und die Eber-Kastrierung. 

„Dänen und Holländer freuen sich“ – sie lieferten bereits in den Kreis. „Das ist in meinen Augen eine Katastrophe.“ 

Die Zahl der Milchviehhalter sei seit 2007 in Hessen von 172 000 auf 67 000 zurückgegangen. Um Frankfurt werde neues Bauland auf landwirtschaftlichen Flächen ausgewiesen.

Schmal berichtete über erfolgreiche Verhandlungen in Brüssel über Marktregulierungen für Milchpulver, die gute Vermarktung von Milchprodukten in Irland und über die Landwirtschaft in China, die er bei Reisen kennengelernt hat. Der Führung in Peking komme es in erster Linie darauf an, die 1,5 Milliarden Einwohner zu ernähren, gegenüber diesem Ziel träten die Erzeugerpreise zurück, sie etwa bei der Milch seien höher als in Deutschland. Auch der chinesische Markt wandele sich.

Mit „Riesensorgen“ blicke er auf die künftige Welternährung: Schon jetzt verhungere alle 3,6 Sekunden ein Mensch. Nur vier Prozent der Weltfläche sei für Ackerbau geeignet, die Zahl der Menschen steige nach Vorhersagen bis 2050 auf 9,5 Milliarden oder noch mehr – im Schnitt käme dann auf jeden eine Ackerfläche von nur noch 1500 Quadratmeter. Er befürchtet neue Fluchtbewegungen durch einen Mangel an Wasser und landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

"Zeigen, was wir tun“

Schmal mahnte eine „Wertschätzung für Lebensmittel“ an. Immerhin habe die häufige Berichterstattung über die Dürre des Sommers zu einer Diskussion geführt, ob das Essen reiche. Es müsse auch um die gesunde Ernährung gerade von Kinden gehen.

In den gesellschaftlichen Diskussionen sei der Berufsstand gefordert: „Wir müssen gerade jungen Leuten zeigen, was wir tun“, rief Schmal, „wir müssen unsere Türen öffnen.“ Die beiden Bauernverbände im Kreis täten das bereits mit Erfolg: „Wir nehmen Kinder mit in die Betriebe und zeigen ihnen, wie moderne Landwirtschaft geht.“ Selbst auf dem Land wüssten manche Kinder nicht mehr, wie gemolken werde. 

Schmal berichtete von Betriebsbesichtigungen für Schulkassen und Angeboten für Lehrer. Auch beim Hessentag in Korbach hätten sich die Landwirte gut präsentiert. Und so schloss er mit einer optimistischen Vorhersage: „Landwirtschaft wird auch in Zukunft in Waldeck-Frankenberg möglich sein.“

Zahlreiche Gäste

Zahlreiche Gäste nahmen an dem Neujahrsempfang teil: Bürgermeister, Stadträte, Kreispolitiker um den Vizevorsitzenden des Kreistages, Rainer Opper,  die Landtagsabgeordnete Dr. Daniela Sommer, Carl Anton Prinz zu Waldeck und Pyrmont, Mitarbeiter von Behörden und landwirtschaftlichen Verbänden, Mitglieder der Landfrauen und der Landsenioren, Vertreter von Banken, von Raiffeisen, von Firmen und der Kreishandwerkerschaft.

In seinem Grußwort wünschte der Erste Stadtrat Korbachs, Günther Trachte, den Landwirten nach den Dürreschäden des vorigen Sommers in diesem Jahr eine "normale Ernte".

Nach einem Sektempfang und der Festansprache von Karsten Schmal gab es noch viele interessante Gespräche bei einem Imbiss. (-sg-)

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