Ansprechpartner in regionalen Gruppen stehen immer bereit

Alkoholsucht: Keine Treffen, aber trotzdem Hilfe in Corona-Zeit

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Sorge um die Gesundheit und den Job, erzwungene Distanz zu Mitmenschen: Alkoholiker bekommen auch in Corona-Zeit Hilfe bei Selbsthilfegruppen. 

Jede Woche ein Treffen, bei dem sich die Teilnehmer zuhören und gegenseitig unterstützen: Das ist für Sucht-Selbsthilfegruppen derzeit nicht möglich. Doch Hilfe gibt es trotzdem.

Entweder über WhatsApp-Gruppen oder wenn nötig auch im Einzelgespräch mit Sicherheitsabstand.

Schon seit einiger Zeit sind die Teilnehmer der „Begegnungsgruppe Bad Wildungen“, die zum Blauen Kreuz Kassel gehört, über WhatsApp verbunden. Und derzeit sei in dieser Gruppe mehr los als sonst, sagt Gruppenleiter Heiko Wiesemann. Das habe aber nichts damit zu tun, dass es im Moment schwieriger sei, trocken zu bleiben. Sondern es gehe darum, in Kontakt zu bleiben. „Wir wollen nicht ohne die Gruppe sein, weil sie unheimlich Halt gibt.“ Viele würden sich schon seit Jahren kennen, sich auch privat treffen.

Einzeltreffen mit Abstand sind möglich

Ein adäquater Ersatz für die Treffen sei der Austausch übers Smartphone wahrlich nicht. Doch für den Fall der Fälle gebe es immer die Möglichkeit, ihn oder auch andere Teilnehmer der Gruppe anzurufen, sagt Wiesemann. Auch Treffen für Gespräche mit dem nötigen Abstand sind möglich. „Dafür steht jeder von uns zur Verfügung.“ Nötig geworden sei das bisher aber nicht.

Auch der Freundeskreis Battenberg bietet diese Möglichkeit. Über die Internetseite und auf Flyern gebe es die Telefonnummern der Vorstandsmitglieder, die immer zu erreichen seien, sagt Olaf Hoffmann. Auch Treffen zu zweit seien möglich. Gebrauch davon machte auch bei der Battenberger Gruppe bislang niemand. Aber Hoffmann weiß: Wer noch nicht so lange trocken und „noch nicht lange gefestigt ist“, für den kann das derzeit eine schwere Zeit sein. Auch die Battenberger Gruppen sind im Moment über WhatsApp verbunden. „Das kann persönliche Treffen aber nicht ersetzen.“ Er hofft, dass die Treffen bald wieder möglich sind.

Heiko Wiesemann aus Bad Wildungen ist seit 24 Jahren „trocken“. Er sei Frührentner, lebe allein und könne auch seinem Minijob derzeit nicht nachgehen. „Ich muss diese Zeit auch rumkriegen, jeder Tag will neu gelebt werden“, sagt er. „Das fällt mir aber nicht schwer, weil ich weiß, dass ich jederzeit die anderen Gruppenmitglieder anrufen kann.“

Offener Umgang mit der Sucht

Die sind meist Mitte 40 und älter, sagt der Gruppenleiter. Er selbst ist 58 Jahre alt. Zwischen zwei und 18 Personen kommen zu den eigentlich jeden Donnerstag stattfindenden Treffen, darunter oft auch Kurgäste, die während ihrer Zeit in Bad Wildungen nicht ohne Unterstützung einer Gruppe sein wollen. Heiko Wiesemann geht offen mit seiner Alkoholsucht um, „sonst würde ich noch trinken“, sagt er. Er habe es ohne Therapie geschafft, vom Alkohol weg zu kommen, lediglich durch seinen Glauben. Doch jeder müsse seinen eigenen Weg finden, sagt der Bad Wildunger.

Termine und Kontakt: Die Bad Wildunger Gruppe trifft sich, sobald dies wieder erlaubt ist, jeden Donnerstag ab 19.30 Uhr in den Räumen des Treffpunkt, Hufelandstraße 12. Wer sich der Battenberger Gruppe anschließen möchte, meldet sich zunächst telefonisch oder per Mail bei einem Vorstandsmitglied. Alle Kontaktdaten gibt es auf der Internetseite des Freundeskreises

Tipps der Suchtberatungsstelle

Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werks in Waldeck-Frankenberg ist derzeit telefonisch erreichbar. Zusätzlich besteht die Möglichkeit zur Online-Beratung über eine gesicherte Verbindung. Das teilte das Diakonische Werk jetzt mit.

In der Corona-Krise habe sich das Leben aller einschneidend verändert, insgesamt werde man mit den unterschiedlichsten Belastungsfaktoren konfrontiert: Kurzarbeit und Einschränkung sozialer Kontakte beispielsweise. Gleichzeitig sind Ausgleichsmöglichkeiten wie die Besuche im Sportstudio oder Kino teils unmöglich geworden.

Heike Knöppel, Suchttherapeutin und Beraterin im Diakonischen Werk, nennt die Risiken: „Ein unausgewogener Lebensstil, welcher sich durch ein Ungleichgewicht aus hohen Belastungen und geringem Ausgleich ergibt, führt zu einem Bedürfnis nach Belohnung und zu steigender Unzufriedenheit. Das wiederum kann ein erhöhtes Auftreten eines Rückfallrisikos begünstigen.“

Um einem Rückfall vorzubeugen, sei es wichtig, die „eigenen kritischen Situationen, die ein Rückfallrisiko bergen, zu kennen“. Gefühle wie Einsamkeit, Langeweile, Unzufriedenheit, Ängste und Depressionen würden bei Suchtkranken mitunter zu einem starken Verlangen zu trinken führen. Der Versuch, kontrolliert zu trinken oder Selbstüberschätzung würden ein erhöhtes Rückfallrisiko bergen, sagt Heike Knöppel.

Für Ausgleich sorgen

In schwierigen Zeiten helfe es, für einen persönlichen Ausgleich zu sorgen, sich durch Kochen oder Lesen etwas Gutes zu tun zum Beispiel. Wichtig sei auch, die eigenen Bedürfnisse und Ärger anzusprechen.

„Es ist wichtig einen guten Kontakt zu Freunden und Bekannten zu pflegen, Sport zu treiben oder Entspannungsübungen in den Tag einzubinden und insgesamt für einen ausgewogenen Lebensstil zu sorgen.“ Drohe ein Rückfall, sollte man sich an eine Vertrauensperson wenden, rät Heike Knöppel. Reden beruhige die Lage oftmals schon. Ansprechpartner könnten Freunde und Familie, Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen sein. Besteht ein konkretes Verlangen, helfe auch Ablenkung. Ob Sport oder das Aufräumen des Kellers. „Bei jedem Menschen ist etwas anderes hilfreich.“

Auf der Internetseite des Diakonischen Werks gibt es einen Link zu einer Abstinenz-Karte bei Alkohol.

Kontakt: www.dwwf.de, Tel. 05631/60 33 0

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