Ausbildungspakt: Agentur für Arbeit, Kreishandwerkerschaft und IHK ziehen Jahresbilanz

„Keine Zeugnisse, sondern Menschen einstellen“

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Waldeck-Frankenberg - Die Zahl der Schulabgänger, die eine Lehrstelle suchen, ist im Ausbildungsjahr 2012/2013 zurückgegangen. Gleichzeitig verringerte sich auch das Angebot

So meldeten in den vergangenen zwölf Monaten Betriebe in Waldeck-Frankenberg 1113 Lehrstellen der Agentur für Arbeit. Das entspricht einem Rückgang von 73 Stellen oder 6,2 Prozent. Dem standen 1205 Bewerber (minus 152 oder 11,2 Prozent) gegenüber. Diese Zahlen stellten gestern Vertreter der Agentur für Arbeit, der Kreishandwerkerschaft und des IHK-Servicezentrums vor. Am Ende gab es 77 unversorgte Bewerber und weniger als vier unbesetzte Lehrstellen.

Im gesamten Agenturbezirk, der die beiden Landkreise Waldeck-Frankenberg und Schwalm-Eder umfasst, wurden die meisten Auszubildenden für die Berufe Einzelhandels-, Büro- oder Industriekaufmann oder Koch gesucht. Für die Bewerber stehen ebenfalls die drei kaufmännischen Berufe ganz vorn auf der Wunschliste, gefolgt von Verkäufer, medizinischer Fachangestellter und Kfz-Mechatroniker.

Im Vergleich zum Vorjahr nahm der Anteil der Abiturienten um 14,1 Prozent, aber auch derjenigen Bewerber ohne jeglichen Schulabschluss um 17,9 Prozent zu. Alle anderen Schulabschlüsse zeigen einen Rückgang. „Weniger Bewerber und weniger Ausbildungsstellen als im Vorjahr zeigen deutlich den Handlungsbedarf hinsichtlich demografischen Wandels und Fachkräftebedarfs auf“, bilanzierte Bernd Wilke, stellvertretender Geschäftsführer (operativ) der Arbeitsagentur.

Als „weiterhin stabil“ bezeichnete Gerhard Brühl, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, die Ausbildungsleistung des Waldeck-Frankenberger Handwerks. Dass die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge im Vergleich zum Vorjahr um 20 gesunken ist, sei allerdings „keine zufriedenstellende Entwicklung“. Insgesamt liegen der Handwerkskammer laut Brühl 359 neu abgeschlossene Lehrverträge vor.

Neigung zum Studium

Der Rückgang sei nicht konjunkturbedingt. Vielmehr blieben die angebotenen Lehrstellen unbesetzt, „weil die Zahl der Schulabgänger sinkt“ und sich die seit vielen Jahren festzustellende „Neigung der Schulabgänger zum Studium oder zum Besuch weiterführender Schulen“ weiter verstärkt habe. „Das Handwerk hat sich 2013 deshalb schwergetan, ausreichend Bewerber für seine Ausbildungsplätze zu finden“, betonte Brühl. In vielen Betrieben gingen keine Bewerbungen ein. In anderen lagen zwar Bewerbungen vor, konnten jedoch aufgrund der Eignung der Bewerber nicht berücksichtigt werden, erklärte der Hauptgeschäftsführer. Deshalb hätten sich viele Betriebe kurzfristig entschlossen, auch Schulabgängern mit schlechten Noten eine Chance zu geben. Denn in den allgemeinbildenden Schulen kämen deren handwerkliche Fähigkeiten selten zur Geltung. Dies sei eine Schwäche des derzeitigen Schulsystems. Brühl: „Das Handwerk tut deshalb gut daran, Menschen einzustellen und nicht Zeugnisse.“

Zum Stichtag 30. September hat die Industrie- und Handelskammer (IHK) in Waldeck-Frankenberg 798 neu eingetragene Berufsausbildungsverträge registriert, elf (1,4 Prozent) weniger als im Vergleich zum Vorjahr. Dabei legten die gewerblich-technischen Berufe leicht zu, von 299 auf 310 Ausbildungsplätze. Im kaufmännischen Bereich gab es einen Rückgang um 22 eingetragene Verträge auf 488. Die Wirtschaft sei sich der Auswirkungen des demografischen Wandels bewusst, sagte Dr. Peter Sacher, Leiter des IHK-Servicezentrums, „und dass sich die benötigten Fachkräfte am besten durch betriebliche Ausbildung im eigenen Unternehmen sichern lassen“.

Mit der Einrichtung von sechs Berufswahlbüros im Landkreis, der Aktion „Unternehmer als Lehrer“ und dem Projekt „Pro-Berufsorientierung“ (ProBe) habe die IHK in der Region einige Projekte initiiert, die das Ziel haben, die Berufsorientierung und Ausbildungsreife junger Menschen zu verbessern. Sacher: „Wir erwarten daher, dass zukünftig das gesamte Spektrum der dualen beruflichen Ausbildungsgänge stärker als heute üblich berücksichtigt wird.“(tk)

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