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Kritik am Jobcenter: Behinderte Mitarbeiterin übergangen

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Ergebnis des Gütetermins vor Gericht: Der negative Eintrag musste aus der Personalakte der Jobcenter-Mitarbeiterin verschwinden. © Bildagentur PantherMedia / Randolf Berold

Waldeck-Frankenberg/Schwalm-Eder-Kreis. Arbeitslosen Menschen helfen, wieder Fuß zu fassen in der Arbeitswelt: Das ist die Aufgabe von Ursula L. (Name von der Redaktion geändert). Jetzt sucht die 54-Jährige selbst einen neuen Job – das Jobcenter Schwalm-Eder, das zum Agenturbezirk Korbach gehört, hat den befristeten Vertrag der Schwerbehinderten nicht verlängert.

Als sie sich auf ihre eigene Stelle bewarb, so berichtet die Frau, sei sie nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Dagegen wehrte sie sich.

Gelernt hat Ursula L. den Beruf der Steuerfachangestellten, doch ihr Ding ist es, Menschen zu beraten. Zehn Jahre lang arbeitete sie unter anderem als Coach für die Initiative 50 Plus in Kassel. Im Oktober 2016 begann sie, nach einigen Monaten Arbeitslosigkeit, beim Jobcenter Schwalm-Eder. Im Bereich ABC (Aktivierung, Beratung, Coaching) fand sie ihre neue Aufgabe als Coach und Vermittlerin.

An unterschiedlichen Standorten des Jobcenters sprach sie mit Langzeitarbeitslosen darüber, wo es bei ihnen Handlungsbedarf gibt und welche Hemmnisse, leitete Einzel- und Gruppengespräche, übte Vorstellungsgespräche und vermittelte in Jobs. „Und das sehr erfolgreich“, sagt sie. Die Vermittlungsquoten waren hoch, das bescheinigt auch ihr Zwischenzeugnis. „Trotz starken Arbeitsanfalles erzielt sie gute Arbeitsergebnisse“, heißt es da. Und: „Sie arbeitet mit viel Engagement und Eigeninitiative.“ Auch die Befragungen der Kunden waren meist positiv. „Sie ist streng, aber sehr sachlich“, schrieb ein Kunde, ein anderer notierte: „Bleiben Sie so, wie Sie sind.“ Der Jahresvertrag wurde um ein weiteres Jahr verlängert.

Dennoch gab es ein paar Beschwerden von Kunden über die Arbeitsvermittlerin. Sie fanden, dass sie zu oft eingeladen wurden und zu viele Vermittlungsvorschläge bekamen. Eine Vorgesetzte rüffelte Ursula L. und empfahl ihr, ihren Beratungsstil zu überprüfen.

„Ich war geschockt“

L. machte weiter, brachte Dutzende Menschen wieder in Arbeit. Bei einem Gespräch mit ihrem neuen Teamleiter fragte sie schließlich nach einer Entfristung ihres Arbeitsvertrags. „Seine Aussage war: ,Ich möchte nur noch mit jüngeren Mitarbeitern mit akademischem Titel arbeiten’“. Im ABC-Netzwerk habe sie keine Zukunft. „Ich war geschockt.“

Als sie die neue Ausschreibung ihres Jobs entdeckte – dieses Mal ohne Befristung – bewarb sie sich dennoch. Monatelang habe sie nichts von ihrer Bewerbung gehört. Als sie nachfragte, sagte man ihr, dass noch nicht über die Besetzung entschieden sei. „Zwei Tage später kam dann die Absage – ohne Begründung.“ L. ärgerte sich darüber.

Sie hat einen Behindertengrad von 30, ist Schwerbehinderten aber gleichgestellt: „Allein aufgrund dessen hätte ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden müssen.“ Sie hakte beim Personalrat nach und erfuhr so, dass es einen Eintrag in ihrer Akte gab. Unter anderem stand dort, dass sie die Arbeit verweigere. Für L. der zweite Schock.

Sie wollte das nicht auf sich sitzen lassen und wandte sich an die Gewerkschaft Verdi in Kassel. Rechtssekretärin Sylvia Töngi sorgte zunächst dafür, dass das Einstellungsverfahren ausgesetzt wurde. „Ich wollte, dass ich berücksichtigt werde“, sagt L. Monatelang arbeitete sie daraufhin regulär weiter, besuchte Fortbildungen und Schulungen. Dann gab es einen Termin beim Arbeitsgericht, das verfügte, dass die Stelle nicht neu besetzt werden darf, ehe das Gerichtsverfahren abgeschlossen ist.

Einen Monat später war sie wieder vor Gericht, diesmal zum Gütetermin. Das positive Ergebnis: Der Negativvermerk aus ihrer Akte muss verschwinden. Das negative Ergebnis: Zu Ende September endet L.’s Vertrag, sie bekommt eine Abfindung und muss gehen. „Dabei wäre ich gern geblieben“, sagt die Arbeitsvermittlerin.

Jobcenter will sich nicht äußern

Jetzt sei sie gesundheitlich angeschlagen und krankgeschrieben, berichtet sie. Und sie ärgert sich über das Vorgehen des Jobcenters. „Es ist eine Masche, Jahresverträge nicht zu entfristen.“ Von Seiten der Jobcenter und Arbeitsagenturen werde immer wieder dafür plädiert, auch ältere Mitarbeiter einzustellen, doch selbst folge man dieser Strategie nicht, kritisiert L.

Ihr Arbeitsvertrag endete jetzt früher als gedacht. Sie wurde freigestellt, bekam Hausverbot und musste Schlüssel und Zugangskarte abgeben. Weil sie „interne Informationen an Dritte“ weitergegeben habe, heißt es im Brief. Sie hatte sich an die Presse gewandt. Wie es beruflich weitergeht, weiß L. noch nicht. Sie bewirbt sich wieder.

Aus „Datenschutz- und Personalfürsorgegründen“ wollte Jobcenter-Geschäftsführer Hans-Gerhard Gatzweiler trotz mehrfacher Nachfrage der WLZ keine Stellungnahme abgeben.

Das sagt die Gewerkschaft

Sylvia Töngi, bei Verdi in Kassel Rechtssekretärin, hat sich mit dem Fall von Ursula L. beschäftigt. Für sie ist klar: „Sie hätte aufgrund ihrer Behinderung zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden müssen“, sagt sie.

„Wenn die Nicht-Eignung nicht ersichtlich ist, muss jemand zwingend zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden.“ Das sah das Arbeitsgericht genauso, es stellte eine Diskriminierung fest. Töngi kritisiert, dass L. nicht zum Gespräch eingeladen wurde. Das habe am Negativvermerk des Teamleiters gelegen. L. habe keine Möglichkeit gehabt, Stellung zu beziehen. Auch habe sie ein gutes Zwischenzeugnis gehabt, einmal war der Jahresvertrag schon verlängert worden. Warum, fragt sie, hätte das Jobcenter das gemacht, wenn sie nicht geeignet sei für die Stelle.

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