Dienstleistungen stark eingeschränkt

Nähe schaffen trotz der Distanz: Das bedeutet die Krise für Menschen bei der Lebenshilfe

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Gemeinschaft und Teilhabe spielen beim Lebenshilfewerk eine wichtige Rolle. Auf die beliebten Treffen wie vor der Corona-Krise muss jetzt aber wegen des Kontaktverbotes verzichtet werden.

Die Corona-Krise hat auch den Alltag von Menschen mit Behinderungen verändert. So meistert das Lebenshilfewerk Waldeck-Frankenberg diese schwierige Phase.

Korbach. Die Dienstleistungen sind stark eingeschränkt, aber die Menschen bleiben. „Das ist unsere größte Herausforderung“, sagt Christoph Hille, Vorstandsvorsitzender des Lebenshilfewerks Waldeck-Frankenberg. „Wir übernehmen auch in der Krise Verantwortung.“

Wie werden die Menschen mit Behinderung geschützt?

„Die Infektionsgefahr muss so gering wie möglich gehalten werden.“ Wie überall gelten die aktuellen Einschränkungen in der Begegnung zwischen Menschen.

Was bedeutet das für den alltäglichen Betrieb?

Die Familienzentren in Bad Wildungen, Korbach und Frankenberg sind geschlossen. Eltern müssen ihre Kinder nun zuhause betreuen. Die familienentlastenden Dienste, die Frühförderung sowie die Tagespflege in Frankenau mussten eingestellt werden, um so schnell wie möglich Kontakte zu minimieren. Für die Wohnbereiche gilt ein Besuchsverbot.

Christoph Hille Vorstandsvorsitzender des Lebenshilfewerks

Inwiefern ist der Bereich Arbeit betroffen?

In den Werkstätten und Tagesförderstätten gilt ein Betretungsverbot. Nur bestimmte Arbeitsbereiche bleiben in Betrieb. Das sind die Küchen, die die Wohnbereiche mit Essen versorgen, und die Wäscherei, die nun nicht mehr öffentlich ist, sondern Dienstleistungen für systemrelevante Bereiche übernimmt wie etwa die Reinigung von Wäsche für Arztpraxen.

„Schon bevor das Land Hessen verordnet hat, dass Menschen mit Beeinträchtigungen die Werkstätten nicht mehr betreten dürfen, haben wir uns darauf vorbereitet und für Menschen mit Vorerkrankungen, die zur Risikogruppe zählen, die Begleitung zurückgefahren“, berichtet Christoph Hille.

In den Werkstätten seien daher vor allem die Montagefertigkeiten für die Industrie „massiv zurückgeschraubt“ worden. Ohnehin seien die Aufträge in den letzten Wochen weniger geworden. Die betroffenen Beschäftigten erhalten laut Christoph Hille weiterhin ihren Lohn. „Ich gehe davon aus, dass die Leistungsträger weiterhin zahlen werden.“

Wie wirken sich die Änderungen auf das hauptamtliche Personal aus?

Die hauptamtlichen Mitarbeiter arbeiten nun stattdessen vermehrt in den Wohnbereichen. Denn die Bewohner, die sonst zur Arbeit gingen, seien nun weitestgehend rund um die Uhr in ihren Wohnungen, was den Betreuungsbedarf erhöhe.

„Wir sind ein Komplexträger, der verschiedene Felder bedient – Arbeit, Wohnen, Kinder“, erläutert Christoph Hille. Daher könne das Personal intern flexibel eingesetzt werden. „Da erleben wir eine große Solidarität“, sagt Hille.

Wie bleibt der Kontakt zu den Menschen mit Behinderungen bestehen?

Dieses Personal sei nun auch intensiv damit beschäftigt, den Kontakt zu denjenigen Menschen mit Beeinträchtigungen zu halten, die selbstständig oder bei ihren Eltern wohnen, die nun aber nicht zur Arbeit kommen können. „Da haben wir viel Vorarbeit geleistet und Gespräche geführt“, berichtet Hille. Deshalb hätten die meisten großes Verständnis für die ungewohnte Situation. Diese sei aber besonders bei Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen schwieriger zu vermitteln.

Über Telefon stehe das Lebenshilfewerk in regelmäßigem Kontakt mit den Menschen oder ihren Angehörigen. „Beziehungsarbeit ist das Wesentliche bei uns. Wir brauchen Nähe trotz der räumlichen Distanz.“

Vor allem bei Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen mache man sich Sorgen, dass sie sich nun alleine gelassen fühlen könnten. Hille: „Wir versuchen, dem entgegenzuwirken.“

Krisenstab eingerichtet

Bereits im Februar habe das Lebenshilfewerk einen Steuerkreis „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ als Krisenstab eingerichtet. Damals habe sich abgezeichnet, dass das Virus starke Einschränkungen mit sich bringen würde. „Bis jetzt ist zum Glück niemand daran erkrankt“, sagt der Vorstandsvorsitzende Christoph Hille. 

Beim Lebenshilfewerk Waldeck-Frankenberg sind 750 Menschen mit Behinderung im Werkstattbereich beschäftigt. Ein Großteil von ihnen – 400 Menschen – lebt in einer der verschiedenen Wohneinrichtungen der Lebenshilfe. Dort gelten die allgemeinen strengen Regeln in Bezug auf Hygiene und Abstand halten. 

Ansonsten herrsche ein „relativ normales Miteinander“, sagt Hille. Für den Fall einer Virusinfektion oder den Verdacht darauf sei das Lebenshilfewerk mit einer Schutzausstattung vorbereitet. Diese würde zumindest für einen gewissen Zeitraum ausreichen. Bestimmte Zimmer und Etagen könnten für die Isolation genutzt werden. Solche Pläne würden stets mit dem Gesundheitsamt abgestimmt.

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