WLZ-FZ-Serie 20 Jahre Mauerfall

Lediglich ein paar Plastiktüten als Gepäck

- Wo sonst Familien ihren Urlaub verbringen, im Feriendorf Frankenau, waren in den Wochen nach der Wende 1989 einige Hundert Übersiedler aus der DDR untergebracht. Aus Frankenberg kam eine Lieferung warmer Kleidung.

Frankenberg/Frankenau. Nachdem am Abend des 9. Novembers 1989 die Grenze der DDR geöffnet wurde und die Menschen aus Ostdeutschland erstmals die Gelegenheit bekamen, völlig ungehindert in den Westen zu reisen, dauerte es nicht lange, bis die ersten Trabbis mit Besuchern aus dem Osten auch durch Frankenberg knatterten.

Der Frankenberger Kaufmann Josef Leber, Inhaber des gleichnamigen Bekleidungsgeschäftes, hatte zusammen mit seiner Frau die epochalen Ereignisse – wie so viele Bundesbürger – mit fast ungläubigem Erstaunen im Fernsehen verfolgt. „Das hat mich sehr berührt“, erinnert er sich: „Das tut es heute noch, wenn ich daran zurückdenke.“

Als er im Fernsehen die zum Teil ärmlich und für die Jahreszeit oft völlig unpassend gekleideten Menschen über die Grenzen strömen sah, wurde ihm schnell klar, dass Hilfe nötig war. Aus den Medienberichten über die letzten Jahre der DDR war er über die missliche wirtschaftliche Situation der Menschen dort im Bilde: „Man wusste aus den Nachrichten ja, was da für ein Notstand herrschte.“ Und der gebürtige Ungarn-Deutsche Leber wusste aus seiner eigenen Kindheit nur zu gut, was es heißt, in Armut zu leben: 1946, im Alter von zwei Jahren, wurde er mit seiner Familie aus seiner Heimatstadt Perbal bei Budapest vertrieben. Mit nur 50 Kilogramm an Gepäck musste seine Mutter mit ihm und den beiden etwas älteren Geschwister das Land verlassen und nach Deutschland ausreisen. Der Vater war als Soldat in Deutschland vermisst, kehrte aber nach Kriegsende zur Familie zurück.

Nach Trabbis geschaut

Seine Kindheit verbrachte Leber dann in Oberasphe. „Wir waren lange bedürftig“, erzählt er. Von vielen Einheimischen hätten sie damals Hilfe erfahren. „Das vergisst man als Kind nicht.“ So wuchs in ihm die starke Motivation, anderen Menschen zu helfen. In den Wochen nach dem Mauerfall bekam er dazu reichlich Gelegenheit.

In den folgenden Tagen stand er oft an der Straße vor seinem Geschäft, hielt Ausschau nach Trabbis und winkte die Leute zu sich in den Laden. Drinnen bot er den DDR-Bürgern dann kostenlos Kleidung an. Es kostete mitunter einige Überzeugungsarbeit, die ihn ungläubig ansehenden Menschen davon zu überzeugen, dass es sich tatsächlich um Geschenke handelte und keine Rechnung folgend würde. „Die Trabbis waren ja das einzige sichtbare Zeichen dafür, dass jemand aus der DDR kam“, sagt er schmunzelt, als er sich an die spontane Hilfsaktion erinnert. So kamen auch einige polnische Trabbi-Fahrer, die ebenfalls in diesen Tagen in Westdeutschland unterwegs waren, in den Genuss von Lebers Geschenken.

„Viele hatten nur ganz leichte Bekleidung an, oft lediglich T-Shirts – und das Anfang November“, erzählt er. So verteilte er hauptsächlich warme Jacken und Pullover, und zwar im Schnellverfahren. „Ich habe die Größen schnell geschätzt und den Leuten die Sachen überreicht.“ Es waren zum Teil alte Lagerbestände, aber auch viel aktuelle Ware. „Ich habe nicht lange darüber nachgedacht“, sagt der Kaufmann.Im Laufe des Novembers kamen immer mehr Menschen aus der DDR in den Landkreis und ins Frankenberger Land. Die Stadt Frankenau hatte kurzfristig über 500 sogenannte Übersiedler, die größtenteils über Ungarn und Tschechien gekommen waren, im Feriendorf am Sternberg untergebracht. „Es war die erste Welle von Aussiedlern“, berichtet der ehemalige Frankenauer Stadtrat Manfred Meier. „Das Feriendorf wurde im November als Auffanglager genutzt.“ Die ganze Aktion verlief sehr spontan, erinnert sich die damalige Betriebsleiterin Renate Kindel: „Jemand vom Regierungspräsidium hat am Montag angerufen, ob wir am Dienstag Übersiedler aufnehmen könnten. Wir haben dann mit allen Kräften die Häuser gereinigt und die Betten hergerichtet.“ Es sei eine sehr turbulente Zeit gewesen. Immer wieder seien Busse vorgefahren.

Es herrschte damals ein Kommen und Gehen im Feriendorf, erinnert sich auch der ehemalige Stadtrat Friedhelm Schmidt: „Die Menschen blieben zwei bis drei Tage, dann waren sie wieder weg und es kamen andere.“ Das sei ein Haufen Menschen gewesen, erzählt Schmidt: „Es ging drunter und drüber.“ Die rund 120 Ferienhäuser waren ständig belegt. „Mitunter hatten wir nur eine Stunde Vorbereitungszeit. Mit den örtlichen Gastronomen und Läden hatten wir Kontakt aufgenommen, damit die Leute sich versorgen konnten. Die Geschäfte waren sogar am Wochenende geöffnet.“ Das ging so bis kurz vor Weihnachten. Die Menschen hatten nicht viel Besitz bei sich, erzählt Kindel: „Teilweise kamen die Leute mit Plastiktüten als Gepäck.“

Lastwagen vom DRK

Auch ihnen wollte das Ehepaar Leber helfen und fand dafür tatkräftige Unterstützung beim Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes in Frankenberg, das ihnen Helfer und einen Lastwagen für den Transport der vielen Kleiderständer schickte, die die Lebers aus ihren Beständen bestückt hatten. „Wir waren sehr erfreut über das Angebot von Herrn Leber“, sagt der damalige Vorsitzende des DRK-Kreisverbandes, Hans-Herwig Peter. „Wir haben ihm alle verfügbaren Mittel zur Unterstützung gegeben.“

Für das Personal des Modehauses bedeutete die Spendenaktion eine Menge Arbeit: „Meine Mitarbeiterinnen Gabriele Lamb, Elke Koppe und Edelgart Engelhardt haben damals freiwillig viele Überstunden gemacht, um bei der Aktion zu helfen.“ Denn das Bekleidungshaus konnte aus steuerrechtlichen Gründen die Waren nicht einfach so herausgeben. Vorher musste eine Inventur gemacht werden, und dann musste jedes Kleidungsstück – sortiert nach Größen – auf die Rollständer gehängt und verladen werden. Dabei half das Team vom DRK. Es galt, einige Zentner Kleidung ins Feriendorf zu transportieren und dort zu verteilen.

Auch der damalige Stadtrat Manfred Meier erinnert sich noch an die Aktion: „In der Mehrzweckhalle im großen Saal wurden die Kleiderständer aufgestellt“, schildert er die Verteilung. „Es war herzergreifend. Die Menschen waren oft bloß mit dem angekommen, was sie auf der Haut hatten. Sie waren sehr froh über die warme Kleidung.“ Es wurden insgesamt 332 Artikel für Herren, 441 für Damen und 509 Kindersachen sowie 414 Handschuhe, Mützen und Schals an die Übersiedler im Feriendorf verteilt. Die Verteilung verlief nicht immer ganz reibungslos, berichtet Stadtrat Schmidt. Manche hätten sich mehrmals angestellt, räumt auch Leber ein. Doch das könne man den Leuten nach den vielen Jahren der Entbehrung nicht verdenken. „Sie waren einfach begeistert, dass sie sich mal etwas aussuchen konnten“, sagt auch Schmidt.

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