Unheilbar Kranke werden im Landkreis überwiegend ambulant versorgt

Leiden lindern in der letzten Lebensphase

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Waldeck-Frankenberg - Wie ein schützender Mantel, so soll sich der Wortbedeutung nach die Palliativpflege um Schwerstkranke in ihrer letzten Lebensphase legen. Mit dieser medizinisch wie menschlich anspruchsvollen Aufgabe sind im Landkreis zurzeit 19 Ärzte und 40 Fachkräfte betraut. Sie versorgen im Palliativ- und Hospiznetzwerk rund 150 Patienten. Doch ist dieser Mantel groß genug?

Allen Patienten könne das Netzwerk eine optimale Versorgung gewährleisten, stellt jedenfalls Pfarrer Oswald Beuthert fest. Das Netzwerk noch dichter zu knüpfen, sei sicher wünschenswert, so der Sprecher des Vorstands des eingetragenen Vereins „Palliativ- und Hospiz-Netzwerk Waldeck-Frankenberg“. Aber aktuell gebe es keine Schwierigkeiten bei der palliativmedizinischen Betreuung. Er verweist dabei in erster Linie auf die Zusammenarbeit mit dem Rot-Kreuz-Krankenhaus in Kassel, das mit der Koordination der Palliativversorgung in ganz Nordhessen beauftragt ist. Sollte es etwa in der Urlaubszeit zu Engpässen kommen, werde von dort aus die Vertretung geregelt.

Überleitung nicht immer problemlos

Kooperationspartner des Netzwerks sind auch die drei Krankenhäuser in Bad Arolsen, Frankenberg und Korbach. In der Kreisstadt gibt es seit gut einem Jahr ein eigene Palliativ-Einheit, ein Alleinstellungsmerkmal des Stadtkrankenhauses. Die Zusammenarbeit mit dem Netzwerk funktioniere reibungslos, sagt Oberarzt Dr. Kai Tammoscheit. Vor allem der kurze Weg zum Hospizverein Korbach, dessen Geschäftsstelle im Stadtkrankenhaus eingerichtet wurde, habe sich als ideale Lösung erwiesen, um in dieser für Angehörige wie Patienten sehr belastenden Situation schnell reagieren zu können, ergänzt Chefarzt Dr. Arved-Winfried Schneider.

Nicht immer problemlos verlaufe allerdings die Überleitung von Patienten in die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (siehe Stichwort), berichten die beiden Ärzte, zwei von insgesamt acht Palliativ-Medizinern im Stadtkrankenhaus. 19 dieser speziell ausgebildeten Ärzte für 150 Patienten - „das sind einfach zu wenige für diesen großen Landkreis“, stellen sie fest. Das bestätigten gegenüber der WLZ-FZ auch Pflege-Fachkräfte anderer Krankenhäuser.

Anders als etwa in südhessischen Großstädten, wo medizinische Palliativ-Teams auf Fahrbereitschaften zurückgreifen können, um zum Patienten zu kommen, erschwere die Ausdehnung des Versorgungsgebietes die schnelle Hilfe. Da kommt es schon mal vor, dass einfach der Rettungsdienst gerufen wird, weil zum Beispiel die Luftnot des Patienten von Angehörigen oder Pflegern als zunehmend bedrohlich eingeschätzt wird, schildert Dr. Tammoscheit. Gäbe es mehr Palliativ-Ärzte im Netzwerk, wären solche Situationen sicher eher vermeidbar.

Seit Ende November 2013 gehört die Palliativ-Einheit mit zwei Patientenzimmern zur Medizinischen Klinik im Korbacher Krankenhaus. 65 Patienten, zumeist mit austherapierten Krebserkrankungen, wurden seither dort betreut. Ihr Leiden zu lindern und ihnen das Leben im fortgeschrittenen Stadium ihrer Erkrankung so angenehm wie möglich machen, darum kümmert sich seither ein therapeutisches Team aus Ärzten, Pflegekräften, Physiotherapeuten, Seelsorgern sowie ehrenamtlichen Mitarbeitern des Hospizvereins.

Chefarzt: „Hospiz gehört ins Zentrum des Landkreises“

„Ich kann mir Zeit nehmen für jeden Patienten. Sie können morgens so lange schlafen, wie sie möchten und das Zimmer weitestgehend nach ihren Wünschen gestalten oder dekorieren“, erklärt Brigitte Saure, die das fünfköpfige Pflegeteam leitet. Mit viel Einfühlungsvermögen und der Berufserfahrung aus 30 Dienstjahren in der Intensivpflege orientiert sie sich bei der Betreuung der Schwerkranken vor allem an deren individuellen Bedürfnissen und Wünschen. Sind die Patienten stabil genug, können sie nach Hause oder in eine Pflegeeinrichtung entlassen werden (siehe Hintergrund).

Der Bedarf für eine ambulante palliative Betreuung hat sich „in jüngster Zeit enorm erhöht“, berichtet Pfarrer Oswald Beuthert. Versorgten die Teams des Palliativ-Netzwerks 2010 noch 20 Patienten, waren es zwei Jahre später schon 110 und 2013 bereits 150. Mit der gleichen Zahl kalkuliere der Verbund auch in diesem Jahr.

Wie groß ein für den Landkreis bedarfsgerechtes stationäres Hospiz ausgelegt sein müsse, sei schwer einzuschätzen. Nach Ansicht Beutherts liegt die Mindestgröße bei fünf Plätzen, mit acht Plätzen könnte es aber schon überdimensioniert sein. Zur Standortfrage wollte sich Beuthert nicht äußern. Der Korbacher Chefarzt Dr. Schneider hat aber eine Antwort parat: „Das Hospiz gehört ins Zentrum des Landkreises.“ Für die Versorgung der Patienten wäre dies die beste Lösung. Zumal bereits 2009 die Initialzündung zur Gründung des Palliativ-Netzwerks von Korbach ausgegangen sei.

Stichwort: Palliativmedizin

Aufgabe und Ziel der Palliativmedizin ist es, unheilbar kranken Menschen und ihren Angehörigen Unterstützung anzubieten, damit für die Betroffenen die bestmögliche Lebensqualität in der ihnen verbleibenden Lebenszeit erreicht werden kann. Der Begriff „Palliativ“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich „den Mantel um jemanden legen“. Im übertragenen Sinn ist damit die ganzheitliche Fürsorge gemeint, die auf die Linderung von körperlichen Beschwerden, psychischen oder sozialen Schwierigkeiten in einer weit fortgeschrittenen Krankheitssituation ausgerichtet ist. Seit 2007 haben gesetzlich Versicherte den Anspruch auf eine palliativmedizinische Versorgung. Diese kann zuhause, bei Angehörigen oder in einer stationären Einrichtung durch weitergebildete Ärzte und Pflegekräfte ausgeführt werden. Die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) ist im Sozialgesetzbuch V (§ 37b) geregelt. Sie umfasst ärztliche und pflegerische Leistungen, die von so genannten Palliative Care Teams erbracht werden – bei Bedarf rund um die Uhr. Dabei kommt es auf die Begründung der behandelnden Ärzte an. Gehen sie davon aus, dass die Lebenserwartung auf Tage, Wochen oder Monate gesunken ist, können sie SAPV verordnen. Das Besondere an der speziellen ambulanten Versorgung ist die Kombination verschiedener Leistungen, die der Kranke in seiner gewohnten Umgebung erhalten kann. Die Palliative Care Teams bieten gleichzeitig medizinische und Pflegeleistungen, außerdem können sie durch ambulante Hospizdienste unterstützt werden.

Hintergrund

Noch 1996 gab es bundesweit nur 30 stationäre Hospize und etwa genau so viele Palliativstationen an Krankenhäusern. Inzwischen sind es nach Angaben des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes mehr als 450 Palliativstationen und stationäre Hospize. Hinzu kommen bundesweit etwa 270 Teams für spezialisierte ambulante Palliativversorgung, die Hilfe zu Hause oder auch in Altenpflegeheimen leisten. Noch fehlen aber dem Verband zufolge etwa 100 Teams von Fachleuten für eine umfassende Versorgung vor allem im ländlichen Raum. Daneben kümmern sich bundesweit rund 1500 ambulante Hospizdienste um Sterbende und ihre Angehörigen. Während Deutschland nach Expertensicht in der Spezialversorgung der Sterbenden mit besonders schweren Krankheitssymptomen in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt hat, besteht in der allgemeinen Palliativversorgung noch Nachholbedarf. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) kündigte indes gesetzliche Regelungen an, um ein flächendeckendes Hospiz- und Palliativangebot in ganz Deutschland zu erreichen. So sei geplant, Hospize finanziell stärker zu fördern. Die Kassen sollten künftig bei Erwachsenen-Hospizen 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten tragen statt bisher 90. Seit 2009 ist die Palliativmedizin für angehende Ärzte im Studium Pflichtfach. Hausärzte können mittlerweile Zuschläge für die Betreuung von Palliativpatienten abrechnen. Diese müsste es auch in der Pflege geben, fordern Sozialverbände und Patientenschützer. In den Heimen besteht nach ihrer Ansicht weiter eine Versorgungslücke. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz spricht von einem „Sterben zweiter Klasse“. Sie will eine zusätzliche Pflegestufe für den letzten Lebensmonat. Auch sollten die Heime verpflichtet werden, mindestens zehn Prozent ihres Pflegepersonals für die Palliativpflege weiterzubilden. (epd)

Von Thomas Kobbe

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