Heike Weiß aus Frankenberg schildert ihren besonderen Moment im Advent

Mama und der „Giggelaus“

Frankenberg - Es begab sich vor 25 Jahren… oder genauer gesagt, als meine älteste Tochter (heute 25) ihre ersten Gehversuche bewältigte und Worte wie „Mama, Papa, Omma und Giggelaus“ (übersetzt: Nikolaus) liebevoll in ihrer Kindersprache weitervermittelte. „Wir brauchen einen Nikolaus…“.

Kein männlicher Verwandter oder Bekannter sah sich dieser schwierigen Aufgabe gewachsen. So blieb nur: Ich natürlich - von Beruf Allround-Mutter von vier Kindern und seit anderthalb Jahren überglückliche Omi.

6. Dezember, Nikolaus: Ich schmiedete Pläne. Wie verstecke ich meine dunklen langen Haare? Wie verdecke ich mein Gesicht und vor allem, wie mache ich mich etwas rundlicher und sehe nicht nach 48 Kilo aus?

Eine alte Hose von Großvater, ausgelatschte Herrenschuhe, ein roter Mantel, der schon lange nicht mehr „in“ war, Zipfelmütze und eine Maske, die nur die Augen des „Verkleideten“ preisgaben, und zwei winzige Nasenlöcher, die wohl zum Atmen angedacht waren, unter denen man aber dennoch zu ersticken drohte.

Schwitzend unter der Maske

Ich stopfte mich also aus mit Sofakissen, band die Haare zu einem Dutt und versteckte sie unter einer ach so hässlichen roten Pudelmütze. Mit einer überdimensionalen Hose und fünf Paar Socken in den Schuhen begab ich mich auf den Weg zur „guten Stube“, in der sehnlichst der Nikolaus (ich!) erwartet wurde. Dass die Hose auf dem Weg dorthin nicht rutschte, hatte ich einer Kordel zu verdanken, die ich mehrmals um meine Taille und die drei Sofakissen band. Dieses Spiegelbild von mir selbst ließ mich erschaudern, denn so wollte ich doch nie aussehen…

Schlurfend (zu schnelle Schritte hätten dazu geführt, dass die Schuhe mit der Größe 46 verloren gegangen wären) begab ich mich schwitzend unter der Maske zum Wohnzimmer. Ich bollerte an die Wohnungstür und wurde hereingelassen.

Voller Ehrfurcht stand meine kleine Tochter vor mir und drückte ein paar Tränchen heraus. Sie hatte tatsächlich Angst vor mir, äh, dem Nikolaus. Eine ungeahnte männliche Seite in mir kam plötzlich zum Vorschein: tiefe Stimme mit krächzenden Räuspern, denn unter der Maske war es kaum möglich, Luft zu holen.

Es gelang mir, dass sie das mit mir einstudierte Gedicht für den „Giggelaus“ fehlerfrei aufsagte. Es gelang mir auch, dass sie versprach, immer schön brav zu sein und nicht mehr so viel Schokolade vor dem Mittagessen zu essen. Ich, der Nikolaus, - ermahnte sie dann noch: „Oder willst du eines Tages so aussehen wie ich?“ und streckte ihr meinen Sofakissenbauch entgegen. Einer von vielen Nikolaustagen, die mir, meiner Familie und ganz besonders meiner Tochter in Erinnerung bleiben. Es folgten noch drei Geschwister und noch ganze elf Jahre, in denen meine Tochter tatsächlich an mich, den Nikolaus, glaubte.

„Ja, ich bin es!“

Ja, kaum zu glauben, erst als einer ihrer jüngeren (gewitzten) Geschwister Zweifel äußerte, ging ihr ein Licht auf: „Du, ich glaube, die Mama ist der Nikolaus. Ich habe die grünen Augen erkannt. Oder fragst du dich nicht manchmal, warum Mama nie zu Hause ist, wenn der Nikolaus zu uns kommt?“ Mama musste in dieser „Nikolaus-Erscheinungs-Zeit“ immer einkaufen, zur Post, zur Tankstelle, zur Nachbarin.

Nun, nach zwölf Jahren, gestand ich meiner Tochter: Ja, ich bin es! Sie war überrascht von der Glaubwürdigkeit, die ich ihr entgegenbrachte. Sie war überrascht, dass sie so lange glauben konnte… ! Von nun an nahm sie als Zuschauer teil an den anderen Nikolausabenden, die ich für ihre drei Geschwister bereitete. Auch bei ihnen gelang es mir, sie davon zu überzeugen, es gibt ihn doch, den Nikolaus. Nur manchmal steckt ein wenig Mutter darin.

Nun, liebe Leser, raten Sie einmal, welcher Nikolaus bei meiner kleinen Enkelin antritt? Ich, natürlich, die Oma.

Von Heike Weiss

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