Waldeck-Frankenberg

Von Martin Luther die Freiheit lernen

+

- Waldeck-Frankenberg (resa). „Ich bin so frei“: Zum Reformationstag am kommenden Montag nehmen Jugendliche aus dem Kirchenkreis der Eder Martin Luther beim Wort. Sie machen sich auf die Spuren der Reformation in ihrem eigenen Leben.

Wenn Johann Tetzel morgens sein Bündel schnürte, hatte er wohl vor allem ein Ziel: Mit voll bepackten Geldtaschen zurückzukehren. Der Papst brauchte Geld für den Bau des Petersdoms und Tetzel ließ sie die Menschen für ihre Sünden bezahlen. Für neun Dukaten vergab er ihnen ein Mord, für acht den Meineid. „Sobald das Geld im Kasten klingt die Seele in den Himmel springt“, rief er den Menschen auf den Marktplätzen zu.

Und die Menschen zahlten, aus Angst vor der Hölle, aus Angst vor Verdammnis. Und dann kam ein junger Augustinermönch, schlug in einer stürmischen Nacht vor dem hohen Feiertag der Katholiken 95 Thesen an die Kirchentür von Wittenberg und rief nach Freiheit. „Die Kirche macht mit der Angst der Menschen ein Geschäft“, sagt Kerstin Palisaar, Kreisjugendpfarrerin im Kirchenkreis der Eder, „so wurden sogar Ablassbriefe für Tote verkauft“.

Dem wollte Martin Luther ein Ende machen: „Allein Gottes Gnade macht euch frei“, sagte er, brach mit den altgedienten Traditionen der Katholiken und veröffentliche drei Jahre später eine seiner wichtigsten Reformationsschriften heraus: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Pünktlich zum Reformationstag graben Jugendliche aus dem Kirchenkreis der Eder diese Schrift wieder aus. „Denn Freiheit ist auch für uns wichtig“, sagt die junge Laura Josefiak. Gemeinsam mit ihren Freundinnen Vanessa Kolligs und Kristina Leischner hat sie gegrübelt, gefragt und schließlich entdeckt: „Wer frei ist, der hat mehr Mut und weniger Angst“. Das spüren die Mädchen in ihrem eigenen Leben, wenn sie unsicher sind und nicht mehr weiter wissen. „Freiheit bedeutet, dass ich so sein kann, wie ich bin“, sagt Hanna Grass, „dass mir die Meinung anderer nicht so wichtig ist“.

Von dieser Freiheit wussten die Menschen im Mittelalter wenig. Für ihre Sünden wurden sie bestraft und mussten zahlen, Freigeister waren nicht gern gesehen. „Die befreiende Entdeckung der Reformation ist: Gott sagt bedingungslos ‚Ja‘ zu uns und befreit uns von dem Zwang, Christsein nach Regeln und Moralvorstellungen zu gestalten“, sagt Pfarrerin Kerstin Palisaar. Für die Jugendlichen ein erfreuliches Signal. „Aber Vorsicht“, sagt Sozialpädagogin Jennifer Heise, „Freiheit ist kein Freibrief“. Denn zu einem verpflichtet die Freiheit dann doch: zur Nächstenliebe. Um der Freiheit eine Gestalt zu geben, haben sich die Jugendlichen ins Zeug gelegt, während der Churchnight zum Reformationstag kommen sie mit Menschen ins Gespräch, die Unfreiheit erfahren haben – im Rollstuhl, im Krieg und in der DDR. Sie lassen Luftballons in den Bergheimer Himmel steigen und laden zum selber Denken ein.

Mehr lesen Sie in der WLZ-FZ vom Samstag, 29. Oktober.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare