Waldeck-Frankenberg

"Missbrauch hat alles verändert"

- Lange hat er die Erinnerungen in sich vergraben. Vergessen hat er nie: Wolfgang Müller* wurde als Kind sexuell missbraucht – von einem katholischen Geistlichen. Heute kann der 75-Jährige über sein Schicksal sprechen.

Waldeck-Frankenberg. Er kämpft mit seinen Tränen. 
Gefühlsduselei könne er nicht ausstehen, sagt er. Schließlich gehe es um Fakten, um eine 
Geschichte, die endlich erzählt werden müsse. „Wenn ich nur 
einem Kind auf dieser Welt da-mit helfen kann, meine Geschichte in Worte zu fassen, dann muss es endlich geschehen“, sagt Wolfgang Müller. Drei Jahre lang missbraucht Leicht fällt dem 75-Jährigen das Gespräch aber nicht. Denn was der Waldeck-Frankenberger Fakten nennt, das ist seine Lebensgeschichte. Eine Geschichte, die 1935 in einer kleinen Stadt im Oberbergischen beginnt. „Wir waren sechs Kinder“, erinnert er sich, „und wir sind eigentlich sehr wohlbehütet aufgewachsen.“ Während der Vater an der Westfront kämpfte, kämpfte die Mutter daheim für das Überleben ihrer großen Familie. Dass ihr Jüngster dabei unter die Räder geriet, das ahnte sie nie.„Damals war der sexuelle Missbrauch an Kindern kein Thema in der Gesellschaft“, sagt Wolfgang Müller. Niemand habe 
darüber geredet oder nur daran gedacht. „Aber es gab ihn“, sagt er tonlos und beginnt, sich zu 
erinnern. „Ich bin in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen“, sagt er, „da ging es weniger um Traditionen, als um die damit verbundenen Werte.“ Trotzdem engagierte er sich 
gemeinsam mit seinen Brüdern als Messdiener. Regelmäßig dienten die Jungs in der Morgenmesse eines Krankenhauses, halfen dem katholischen Geistlichen bei seiner Arbeit. „Wir waren eine muntere 
Gruppe aufgeweckter Jungs“, sagt er. Und sie kannten ihre 
Verantwortung. „In der Schule 
hatte ich immer gute Noten“, 
erinnert sich Wolfgang Müller. Und die wurden ihm schließlich zum Verhängnis. Weil er so gut zurechtkam, empfahlen die Lehrerin des Jungen und der Geistliche der Familie, den jungen Wolfgang Müller auf das Gymnasium zu schicken. „Durch den Krieg war ich schon zu alt für die Sexta und sollte gleich in die Quinta kommen“, erinnert er sich. Also bot der Geistliche dem Jungen Nachhilfe in Latein an. Die Familie zögerte nicht. Morgens nach der Messe, während die Freunde bei den Schwestern des Krankenhauses frühstückten, wurde der gerade 12-Jährige im Zimmer des Geistlichen in Latein unterrichtet. „Irgendwie war ich zum Liebling des Geistlichen geworden“, sagt er. Kaum hatte der Junge am Tisch Platz genommen, wurde die Tür verschlossen. „Da 
saßen wir nun, das Kruzifix an der Wand“, erzählt der heute 75-Jährige. Immer habe er ganz leise sein müssen, kein Wort sprechen dürfen. „Und während ich meine Vokabeln und Konjugationen lernen sollte, musste ich ihn berühren und streicheln“, sagt Müller tonlos. Zuwider seien ihm diese Stunden gewesen.

* Name von der Redaktion gändert

Mehr dazu lesen Sie in der Waldeckischen Landeszeitung und der Frankenberger Zeitung von Samstag, 20. März 2010.

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