Marburg/Frankenberg

Misshandlungsprozess: Elf Jahre Haft für Dominik U.

- Marburg/Frankenberg (jos).Versuchter Mord in Tateinheit mit schwerer Körperveletzung: Der 24-jährige Dominik U. aus Frankenberg ist am Montag im Schwurgerichtssaal des Marburger Landgerichts zu elf Jahren Haft verurteilt worden.

Vorausgegangen ist dem Urteil eine so genannte verfahrensvereinfachende Absprache zwischen den Prozessbeteiligten. Angeregt hatte diese Absprache der Strafverteidiger Stefan Adler. Er schlug der Staatsanwältin und dem Gericht ein „Geschäft“ vor: Danach sollte sich sein Mandant vollumfänglich geständig zeigen. Im Gegenzug sicherten Staatsanwaltschaft und Richter zu, dass die Freiheitsstrafe nicht höher als elf Jahre ausfallen würde.

Auf diese Absprache bezog sich der Vorsitzende Richter Carsten Paul schließlich auch in seiner Urteilsbegründung. Er betonte, dass die Strafe „tat- und schuldangemessen“ sei. „Sonst wäre das Gericht nicht auf die Absprache eingegangen“, betonte Paul.

Erstes Urteil aufgehoben

In einem ersten Verfahren war Dominik U. im Januar vorigen Jahres wegen schwerer Körperverletzung zu einer neunjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof hatte dieses Urteil im Herbst allerdings auf Antrag der Nebenklage zurück gewiesen.

Die Kalrsruhe Richter rügten die Beweiswürdigung des Marburger Landgerichts, das die Mordvorwürfe gegen Dominik U. nicht ausreichend geprüft habe. Der Revisons-Prozess wurde am Montag schließlich vor einer anderen Kammer des gleichen Gerichts in Marburg verhandelt.

Die Anklage führte dabei erneut Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier. Sie hatte bereits im ersten Verfahren eine Verurteilung wegen versuchten Mordes gefordert. In ihrem Plädoyer gestand sie ein: „Der Mordvorwurf wäre nur schwer zu beweisen gewesen.“ Durch das vollumfängliche Geständnis komme allerdings nur eine Verurteilung wegen versuchten Mordes in Betracht.

Brutale Misshandlungen

In ihrer Anklage fasste Brinkmeier noch einmal die brutalen Misshandlungen zusammen, die sich in der Nacht zum 25. Januar 2008 in der Frankenberger Wohnung des bereits verurteilten Mittäters Patrick C. abgespielt haben. Mehr als eine Stunde lang sollen Dominik U. und die drei in einem separaten Verfahren verurteilten jungen Leute ihr Opfer Sebastian L.* demnach geschlagen und getreten haben.

Sebastian L. sei „auffallend klein und zierlich“, er habe sich nicht gewehrt. Immer wieder hätten die vier jungen Leute ihren Bekannten auf einen Stuhl gesetzt und ihn dann geschlagen und getreten bis er herunterfiel. Selbst als er am Boden lag, hätten die Schläger ihn weitergequält. Durch massive Tritte gegen seinen Kopf hat Sebastian L. schwere bleibende Schäden davon getragen. Nur durch ein Wunder hat der junge Mann die Misshandlungen überhaupt überlebt. Nach Aussagen von Gutachtern wird er sein Leben lang ein Pflegefall bleiben.

„Alle vier Täter wussten, dass er zu Tode komme könnte. Und sie nahmen das in Kauf“, sagte Staatsanwältin Brinkmeier. Genau das hatte Dominik U. im ersten Verfahren abgestritten. Sein Verteidiger hatte erklärt, dass Dominik U. die Wohnung verlassen habe, bevor die Misshandlungen immer grausamer wurden. Deshalb hatte Rechtsanwalt Stefan Adler eine Bewährungsstrafe gefordert.

Am Montag kam dann die überraschende Kehrtwende: „Es ist richtig, dass er erkannt hat, dass die Handlungen zum Tode führen können“, sagte Adler über seinen Mandanten. Der ergriff schließlich auch selbst das Wort: „Ich möchte nochmal persönlich sagen, dass es mir leid tut“, erklärte Dominik U. und wandte sich zu der Familie des Opfers, die bereits das erste Verfahren als Zuschauer im Gerichtssaal begleitet hatte.

Während Dominik U. auf Nachfrage des Richters erklärte, dass er sich vorgenommen habe, eine „vernünftiges Leben“ ohne Straftaten zu führen und sich einem Alkoholentzug zu stellen, ist die Perspektive von Sebastian L. und seiner Familie düster: Laut Aussagen mehrerer Ärzte wird sich dessen Zustand wohl nicht verbessern. Das Opfer des grausamen Gewalt-Exzesses lebt in einem Pflegeheim für Schwersthirnverletzte. „Er wird sein Leben lang auf professionelle Hilfe angewiesen sein“, sagte ein Arzt. Spastiken, Inkontinenz, halbseitige Lähmung und schwerwiegende kognitive Störungen, die gerade so eine Basis-Verständigung mit anvertrauten Personen erlauben: Das Strafgesetzbuch nennt einen Zustand wie den von Sebastian L „lebenslanges Siechtum“.

Erste Entschuldigung

Der Verteidiger der Nebenklage betonte: Lebenslang gebe es in diesem Fall nicht für die Täter, wohl aber für das Opfer. „Brutaler geht es kaum“, fasste der Anwalt die Misshandlungen zusammen. Dominik U. sei der erste der vier Schläger, der sich bei der Familie von Sebastian L. entschuldige.

Verzicht auf Zeugen

Weil Dominik U. die ihm zur Last gelegten Taten eingeräumt hat, wurden die weiteren bereits anberaumten Verhandlungstage hinfällig. Unter den für Montag geladenen Zeugen waren unter anderem mehrere Poilzeibeamte aus Frankenberg und Korbach sowie die drei Mittäter. Auf deren Aussagen verzichtete das Gericht. Die Zeugen wurden kurzfristig wieder nach Hause geschickt, beziehungsweise in die Justizvollzugsanstalt gebracht.

Seit 2008 sitzt Dominik U. bereits in Untersuchungshaft. Die beiden Jahre in der Justizvollzugsanstalt Gießen werden ihm auf die Gesamtstrafe angerechnet. In anderthalb Jahren soll er dann an einer zweijährigen Alkohol-Entziehungskur teilnehmen. Danach wäre die Hälfte der Gesamtstrafe verbüßt. Ab diesem Zeitpunkt kann Dominik U. beantragen, dass die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt wird. Damit könnte der 24-Jährige in dreieinhalb Jahren wieder „auf freiem Fuß“ sein.

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* Name von der Redaktion geändert

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