Waldeck-Frankenberg

Mobbing: „Miteinander zählt nicht mehr viel“

- Waldeck-Frankenberg (tk). Mobbing am Arbeitsplatz stürzt Betroffene in tiefe Krisen und verursacht hohe Kosten in Unternehmen. Mobbing ist keine Krankheit, sagt Manfred Abt von der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck, Referat Wirtschaft Arbeit Soziales. Der Frankenberger berät seit zwölf Jahren Mobbingopfer. Hier einige Auszüge aus dem Gespräch mit WLZ-FZ-Redakteur Thomas Kobbe.

Mobbing macht krank, ist aber keine Krankheit, sagen Sie. Können Sie das genauer erklären? Ich benutzte den Begriff Mobbing in diesem Zusammenhang nur noch ganz selten, weil er ein Gefühl beschreibt und keine „Tat-Sachen“. Und handeln, also Vorfälle begreifbar machen, kann ich nur bei Tatsachen wie Unterstellungen, Beleidigungen, Hinterlistigkeit, Sabotage: kurz gesagt alles, was sehr hohen Stress erzeugen kann. Dieser Stress, verbunden mit dem Ohnmachtsgefühl, in auswegloser Situation zu sein, macht Körper und Seele krank. Wobei die seelischen Erkrankungen die Schwereren sind.

Gibt es Branchen, Jobs oder Arbeitssituationen, die besonders Mobbing-anfällig sind? Schon 2002 hat die Sozialforschungsstelle in Dortmund die Ergebnisse einer breit angelegten Umfrage veröffentlicht. Danach sind die Berufe, bei denen Hierarchien nicht so deutlich hervortreten, konfliktträchtig. Genauso aber auch Jobs, in denen die Angestellten in weiten Teilen weisungsgebunden arbeiten. Ansonsten verteilt es sich relativ gleichmäßig über alle Berufsfelder. Insgesamt sind nach dieser Untersuchung etwa zehn Prozent aller Arbeitnehmer von Mobbing betroffen.

Gibt es so etwas wie ein Patentrezept gegen Mobbing? Leider nicht. Denn jeder Fall ist anders gelagert. Grundsätzlich gilt jedoch: Der Feind des Psychoterrors am Arbeitsplatz ist die Öffentlichkeit. Dieser Weg wird jedoch meist gescheut. Denn Opfer von Mobbingattacken geworden zu sein, wird häufig mit Versagen im Beruf gleichgesetzt. Das Öffentlichmachen der Angriffe, Handlungen also „begreifbar“ machen, ist jedoch nach Meinung aller Fachleute der entscheidende Schritt, sich wehren zu können.

Wie sieht ein Mobbingangriff aus? Bei Mobbingfällen kommt es häufig vor, dass die Angriffe dann gestartet werden, wenn Täter und Opfer unter sich sind. Zeugen kann der Mobber nicht gebrauchen. Oder Angriffe werden so geführt, das nur das Opfer sich betroffen weiß, oder es als schuldig, unfähig, undankbar, unkollegial, auf jeden Fall unvorteilhaft erscheinen lässt. Mobbing ist im Grunde ein ganz kreativer Prozess mit Pausen zwischen den Angriffen. Diese Kreativität führt bei den Betroffenen mitunter zu der irrigen Meinung, dass es aufgehört hat. Manchmal kann es sich über Jahre und Jahrzehnte hinziehen. Manchmal eskalieren die Handlungen binnen weniger Wochen. Mir sind Fälle bekannt, bei denen ich gedacht habe: Es ist doch nicht möglich, Menschen in dieser kurzen Zeit so fertig zu machen. Aber wenn alles getan wird, um dem Opfer zu suggerieren: „Du bist an dieser Lage selbst Schuld“, dann glauben die das irgendwann, und ein erstes großen Ziel der Mobber ist erreicht.

Nimmt Mobbing zu? Es wird immer wichtiger, dass man viel Geld verdient und beruflich vorankommt, als dass man mit seinen Kollegen und Mitarbeitern auskommt. Es gibt in unserer Gesellschaft ein Problem: Das gute Miteinander als Basis des Zusammenlebens in der Arbeitswelt zählt nicht mehr viel. Leistungs- und Arbeitsdruck nehmen in hohem Maße zu. Der Andere wird als Konkurrent gesehen. Ja, Mobbing nimmt scheinbar zu.

Das gesamte Interview lesen Sie in der WLZ-FZ vom Dienstag, 28. Dezember.

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