Waldeck-Frankenberg

Mordprozess fortgesetzt: Eine große Lügengeschichte

- Kassel / Edertal / Haina. Am Freitag war „Krankenhaustag“ im wieder aufgenommenen Baby-Mordprozess gegen eine 33-jährige Frau.

Nachdem die Edertalerin zu Wochenbeginn teils unter Tränen ihre Version des Tages geschildert hatte, an dem sie ihren neugeborenen Sohn erstickte, kamen gestern Hebammen, Kinderkrankenschwestern und weitere Beschäftigte des Heilig-Geist-Hospitals zu Wort.

Am 13. Oktober 2007, einen Tag vor seinem Tod, kam das Baby abends per Kaiserschnitt zur Welt. Die schwangere Frau hatte morgens Wehen verspürt, war aber erst viele Stunden später allein ins Krankenhaus gefahren. Von den Schmerzen sichtlich bereits mitgenommen, kam sie dort an, sagten gestern zwei Hebammen aus. Über einige Zeit zogen sich die Wehen hin, ohne einen nennenswerten Fortschritt im Geburtsvorgang. Deshalb fiel die Entscheidung zur Operation. Die zwei erfahrenen Fachfrauen bezeichneten es als ungewöhnlich, dass eine werdende Mutter ohne Tasche und Begleitung auftauchte.

„Bettina Schmidt“ – so stellte sich die Schwangere damals unter falschem Namen vor – erklärte das mit einer bis ins Detail überzeugend wirkenden, durch Gefühlsausbrüche untermauerten, dramatischen Geschichte. Ihr Mann sei parallel mit der akut an Herzinfarkt erkrankten Schwiegermutter in ein anderes Krankenhaus gefahren.

„Bettina Schmidt“ berichtete den Hebammen und Kinderkrankenschwestern von einem weiteren Kind, das zu Hause bei einer alten Tante geblieben sei. Eigentlich hätte sie eine Hausgeburt gewollt, wie beim ersten Mal. Den Namen der Hebamme wisse sie aber nicht, weil sich ihr Mann darum gekümmert habe. Einen Gynäkologen kenne sie nicht, da sie erst vor kurzem mit der Familie aus Hamburg ins Nordhessische gezogen sei.

Mit dieser Legende begründete die werdende Mutter schon zu diesem Zeitpunkt ihr Drängen, sofort nach der Geburt nach Hause zu wollen, was der Arzt ablehnte.

Am Morgen nach der Geburt setzte die Angeklagte nach einem „Telefonat“ eins drauf: Die Schwiegermutter sei gestorben, alles zu Hause durcheinander.

Bis dato hatte sie ihr Baby erst ein einziges Mal im Arm gehabt. Nach dem Eindruck der Zeuginnen hielt die junge Mutter emotional und räumlich Distanz zum Kind und verlangte nicht nach ihm. Das Stillen lehnte sie ab. Alles ungewöhnlich, aber nicht so sehr, dass jemand Verdacht schöpfte. Man erklärte sich das Verhalten mit der Ausnahmesituation daheim.

Eine Kinderkrankenschwester rang noch gestern spürbar um Haltung, um nicht zu weinen: „Ich hätte nie gedacht, dass ihre Geschichte nicht stimmt. Wir waren später völlig fassungslos. Uns alle hat das sehr mitgenommen. Wir lieben Kinder.“ Das Baby sei ein sehr hübscher, kleiner Junge gewesen und gesundheitlich in keiner Weise auffällig, nur erschöpft von den langen Wehen. (su)

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