Nach harscher Kritik von Tierschützern wehrt sich Volkmarser Landwirt nun öffentlich

Schweinehalter Martin Leis: "Stehen zu Unrecht am Pranger"

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Familie Leis hat einen Schweinemastbetrieb am Rand von Volkmarsen: Unser Foto zeigt (von links) Martin Leis mit den Söhnen Henrik (16) und Jannik (21) und Ehefrau Antje Leis.

Volkmarsen. In einer nächtlichen Aktion hat der Tierschutzverein „tierretter.de“ Fotos und Videos im Schweinestall eines Landwirts in Volkmarsen gemacht. Der Verein kritisiert damit die aus seiner Sicht „schlimmen Bedingungen bei der Schweinehaltung“. Nun hat der betroffene Landwirt Martin Leis selbst den Weg in die Öffentlichkeit gesucht. Er weist die Vorwürfe zurück und wirft den Tierschützern "Einbruch in seinen Schweinestall" vor. 

Die landwirtschaftliche Auszubildende Lena fühlt sich nicht mehr sicher, wenn sie morgens als Erste in den Stall geht, um nach den Schweinen zu sehen. „Seit sie weiß, dass die selbst ernannten Tierschützer des Vereins ,tierretter.de’ nächtens in den Stall eingestiegen sind, hat sie ein ungutes Gefühl und macht erst mal alle Lichter an“, erzählt ihre Chefin Antje Leis.

Die Familie sieht sich durch die Vorwürfe, die die „Tierretter“ in der Zeitung und im Fernsehen erhoben haben, zu Unrecht an den Pranger gestellt. „Ich weiß gar nicht, ob das alles bei uns gedreht wurde“, sagt Leis. Aber vieles von dem, was da zu sehen gewesen sei, sei in Wahrheit harmlos.

Dass sich Fliegenmaden im Stall tummeln sei zwar nicht schön, aber vor allem im Sommer nicht immer zu vermeiden. Und für Wildschweine seien Maden und Engerlinge eine Delikatesse und der Grund dafür, warum die ganze Wiesen und Gärten umpflügten. Kranke Tiere gebe es immer mal und die würden ausgesondert und behandelt. Dazu mache er jeden Tag morgens und abends zwei Stalldurchgänge. Da könne es durchaus sinnvoll sein, mal ein einzelnes Tier für die Nacht in den Gang auszusondern.

1620 Mastschweine dürfte der Betrieb nach den geltenden gesetzlichen Vorgaben auf der vorhandenen Stallfläche halten. Tatsächlich aber leben in den Boxen nur rund 1400 Tiere. „Das bedeutet mehr Platz und weniger Stress“, sagt Martin Leis.

Der Familie liegen ihre Tiere am Herzen. Sie engagieren sich in der Initiative Tierwohl, die von Landwirten, Schlachtbetrieben und dem Lebensmitteleinzelhandel gegründet wurde. Die beteiligten Landwirte verpflichten sich dabei unter anderem, ihren Tieren zehn Prozent mehr Platz einzuräumen.

Außerdem unterwerfen sie sich regelmäßigen, unangekündigten Kontrollen, bei denen sowohl das Trinkwasser, als auch das Raumklima im Stall überprüft werden. Kühlung im Sommer, größere Fenster für mehr Tageslicht gehören ebenso zum Tierwohl-Programm. Leis: „Vor 22 Jahren hat man Ställe noch anders gebaut. Wir haben freiwillig umgerüstet. Das war nicht billig.“

Darüber hinaus hat sich der Schweinemäster verpflichtet, seinen Tieren neben dem üblichen Kraftfutter auch kontinuierlich Raufutter wie Stroh, Heu und Maissilage zur Verfügung zu stellen. Damit haben die Tiere eine Menge zu kauen und sind beschäftigt.

20 Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben: Der Schweinemastbetrieb von Martin Leis macht mit bei der Initiative Tierwohl.

Knabberholz und Seile

Weiterhin bekommen die Tiere quasi als Spielgeräte sogenanntes organisches Beschäftigungsmaterial wie Knabberholz und Seile. „Das alles sind Aspekte, die dem Tierwohl dienen, aber Geld und den Verzicht auf Einnahmen bedeuten. Einen Teil dieser Umsatzverluste wird über die Initiative Tierwohl erstattet“, sagt Leis und fügt hinzu: „Wenn jedoch bei einer der nicht angekündigten Kontrollen zum Beispiel fehlendes Raufutter festgestellt wird, dann gilt null Toleranz. Die gewährten Ausgleichszahlungen müssen für Monate zurückgezahlt werden.“

Im Sinne des Tierschutzes habe er sich schon vor Jahren zur Ebermast entschlossen, sagt Leis. „Das machen nur die wenigsten Betriebe. Früher war es üblich, Eberferkel ohne Narkose zu kastrieren.“ Das gibt es auf dem Hof Leis nicht, denn der Abnehmer Westfleisch hat Vermarktungswege auch für Eberfleisch entwickelt. Auch das diene dem Tierwohl, argumentiert der Landwirt. Sein Betrieb gilt beim Bauernverband als Musterbetrieb. Nicht ohne Grund hat der hessische Bauernpräsident Karsten Schmal Ende August auf dem Hof Leis auch sein Erntegespräch abgehalten. 

Aktivist Christian Adam

„Es ist in keiner Weise gerechtfertigt, Tiere zu töten“

Wir fragten auch bei dem Verein nach, der den Landwirt massiv kritisiert hatte. Was er zu den Äußerungen des Landwirts sagt, hier einige Fragen und Antworten.

Christian Adam von dem Verein "tierretter.de" betont unter anderem, dass das Tier-Mensch-Verhältnis grundsätzlich auf falschen Grundwerten beruhe. „Es ist moralisch in keiner Weise gerechtfertigt, dass Tiere getötet werden, nur weil uns das Fleisch schmeckt“, sagt er. „Wir fordern deshalb konsequent Grundrechte für alle Tiere.“ Ob nur zehn statt zwölf Schweine in engen Buchten gehalten werden, mache letztlich keinen Unterschied. „Schweine wollen sich suhlen und rennen“, sagt Adam. Das Label „Tierwohl“ sei daher eine Farce. 

Der Verein wolle keine Pauschalkritik an einzelnen Landwirten üben und habe daher auch den Namen der Familie Leis nie veröffentlicht. "Landwirt Leis ist nun selbst in die Öffentlichkeit gegangen, daher kann er uns nicht vorwerfen, dass wir ihn öffentlich an den Pranger gestellt haben", sagt Adam. „Wir wissen natürlich, dass es für die Familie nicht angenehm ist“, fügt der Tierschützer hinzu. „Von uns würde aber niemals eine körperliche Gefahr ausgehen. Wir sind stille Beobachter und gehen jeder Konfrontation aus dem Weg. Würden wir die nächtlichen und unangekündigten Besuche nicht machen, kämen niemals Aufnahmen und Fotos an die Öffentlichkeit, die das Leiden der Tiere dokumentieren.“ 

Um keine Krankheiten auf die Tiere zu übertragen, tragen die Mitglieder des Vereins laut Adam bei ihren nächtlichen Aktionen stets komplette Schutzoveralls, Stiefelüberzieher, Latex-Handschuhe und Mundschutz.

  

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