Freunde treffen, Lehrstoff nachholen

Unterricht für ein paar Stunden in der Woche: Für Schüler ist jetzt alles anders

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Abstand halten und Masken tragen: Diese Fünftklässler an der Alten Landesschule in Korbach durften am Montag mit als Erste wieder in die Schule. Manche hat's gefreut, manche weniger. 

Erstmals seit zwei Monaten kehren Schüler in dieser Woche in ihre Schulen zurück. Doch alles ist anders.

Die Schulstunden und Pausen haben einen anderen Rhythmus, die Eingänge, Wege und Sitzplätze sind genau zugeordnet, Schüler und Lehrer tragen Masken, die Klassen sind in Gruppen aufgeteilt.

Wo sonst lärmende Kinder durch die Pausenhalle rennen, gehen jetzt disziplinierte Schüler unter Aufsicht Abstand haltend hintereinander her. Absperrbänder und Pfeile geben ihnen die Richtung vor. Die Kinder reden kaum, sie müssen sich umgewöhnen. Gewöhnen an einen Ausnahmezustand, der keine Ausnahme bleibt, sondern mindestens bis zu den Sommerferien bestehen bleiben wird.

Der Präsenzunterricht gilt seit Montag für alle schulpflichtigen Kinder ab der vierten Klasse, sofern sie nicht zu einer der Risikogruppen zählen. Jedoch darf wegen der Abstandsregeln immer nur ein Bruchteil aller Schüler eine Schule gleichzeitig besuchen. So sind beispielsweise an dem Korbacher Gymnasium Alte Landesschule (ALS) pro Tag nur jeweils 240 Schüler – ein Viertel aller Schüler – in der Schule. Aus acht Klassen werden dann 16 Gruppen, in denen jeweils 15 Kinder in einen Raum dürfen.

Das bedeutet, dass die Kinder nur einmal pro Woche jeweils sechs Stunden lang unterrichtet werden. Mehr ist aufgrund von räumlichen Kapazitäten und wegen der Personalsituation nicht möglich, erklärt Katrin Lange von der Schulleitung des ALS.

"Corona hat die Digitalisierung überholt."

Ein Drittel der Lehrer zähle zur Risikogruppe oder lebe mit jemandem in einem Haushalt, der dazu gerechnet werde. Um diese gesundheitlich nicht zu gefährden, stehen sie für Präsenzunterricht nicht zur Verfügung. Nun geht es darum, mit weniger Personal möglichst viel Stoff möglichst schnell nachzuarbeiten.

Ein Fokus liegt daher zunächst auf den Hauptfächern sowie weiterhin auf dem Unterricht zuhause, dem Homeschooling. Hierbei machen sich die Pädagogen keine Illusionen: „Wir treten inhaltlich auf der Stelle“, sagt Katrin Lange. Neuer Stoff könne nur sehr bedingt vermittelt werden. Daher erwarte sie vom Kultusministerium klare Vorgaben, welche Schwerpunkte im Lehrplan nun unter den besonderen Bedingungen gesetzt werden sollen.

Hinzu kommt, dass viele Familien nicht die nötigen Computer und Drucker haben, und erst recht keine Webcam, um Videounterricht abzuhalten. Angekündigte Hilfen für die Finanzierung der technischen Ausstattung würden für dieses Schuljahr auf jeden Fall zu spät kommen, ist sich Katrin Lange sicher. „Corona hat die Digitalisierung überholt“, sagt Lange. „Hätten wir in der Schule WLAN, könnten wir den Unterricht für die Kinder per Video übertragen, die als Zugehörige der Risikogruppen zuhause bleiben müssen.“

Mit einer technischen Ausstattung fürs Homeschooling ist es noch lange nicht getan, meint Brigitte Trietsch, Leiterin der Grundschule Sachsenhausen. Sogar die Grundschullehrer haben zwar in den vergangenen Wochen „massenhaft Erklärvideos gedreht.“ Doch vor allem die jüngeren Kinder seien vollkommen von der Betreuung zuhause abhängig, um die Aufgaben, die größtenteils digital versendet werden, erledigen zu können. Für Brigitte Trietsch ist klar: „Ohne die Eltern geht gar nichts.“ 

Das stelle für kinderreiche Familien eine erhebliche Herausforderung dar. Auf der anderen Seite berichtet Brigitte Trietsch von etlichen Einzelkindern, die unter der sozialen Isolation seit der Schulschließung Mitte März gelitten hätten. Außerdem sei nun spürbar, dass Flüchtlingskinder klar im Nachteil seien. 

Probleme des Homeschoolings

Die Probleme des Homeschoolings sind vielseitig, und dennoch wird dies in den nächsten Wochen die wichtigste Säule des Unterrichts sein. An den wenigen Tagen, an denen die einzelnen Schüler in der Schule sind, „geht es hauptsächlich darum, dass die Kinder sich wiedersehen“, sagt Trietsch für die Grundschule. Das betreffe vor allem die Jahrgangsstufen eins bis drei, die erst ab Anfang Juni in die Schule dürfen. Bis dahin werden die Viertklässler der MPS Sachsenhausen immerhin an fünf Tagen pro Woche in der Schule unterrichtet. 

Die anderen Kinder erhalten weiterhin Aufgaben für zuhause, und auch die älteren sollen das meiste zuhause abarbeiten. Das bedeute für die Lehrer erheblich mehr Arbeit als der konventionelle Präsenzunterricht, gibt Katrin Lange von der Alten Landesschule in Korbach zu bedenken. 

Sorgen um die Erstklässler

Große Sorgen macht sich Brigitte Trietsch um die Erstklässler. „Sie brauchen sowieso immer schon bis zu den Herbstferien Zeit, um sich an den Schulrhythmus zu gewöhnen.“ Jetzt hänge der Leistungsstand der Kinder umso mehr vom Elternhaus ab. Wie im Sommer weitere Kinder eingeschult werden sollen, ist für die Schulleiterin ein Rätsel. „Dann hätten wir zwei solcher Jahrgänge, bei denen wir nicht wissen, wie wir eine solide Grundbildung bekommen sollen.“ 

Trietsch wünscht sich vom Land Hessen, dass die Grundschulen kleinere Klassen gründen dürfen, wozu zwangsläufig mehr Personal nötig wäre. Außerdem setzt sie sich dafür ein, dass solche Schüler, die „einen schlechten Start haben“, durchaus ein Schuljahr wiederholen dürfen, auch wenn es vonseiten des Kultusministeriums zurzeit heißt, dass alle Schüler versetzt werden sollen. 

Eltern sorgen sich um Leistungsstand ihrer Kinder

Bei den älteren Jahrgängen plädiert Katrin Lange (ALS) für mehr Gelassenheit. „Viele Eltern sorgen sich um den Leistungsstand ihrer Kinder“, sagt sie. „Dabei vergessen manche, dass eine ganze Generation betroffen sein wird und nicht nur ein einzelnes Kind.“ Lange ist zuversichtlich: „Die Schüler werden das aufholen."

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