370 Millionen Jahre alt: Hartmut Kaufmann hat bei Bad Wildungen eine bislang unbekannte Art gefunden

Namensgeber für ein stacheliges Fossil

Waldeck-Frankenberg - Ob weltreisende Naturforscher oder Experten der Erdgeschichte – ein Traum ist, neue Arten zu entdecken. Hartmut Kaufmann ist auf einem Feld bei Bad Wildungen (fast) zufällig auf ein bislang einzigartiges Fossil gestoßen.

Dem Entdecker gebührt die Taufe, das ist in der Wissenschaft vielfach üblich. So trägt eine neue Spezies inzwischen Hartmut Kaufmanns Namen: „Armatites kaufmanni“ heißt das versteinerte Stück, das ganze 31 Millimeter misst. Otto Normalverbraucher würde es für eine alte Schnecke halten und wohl im Handumdrehen wieder auf den Acker werfen. Der Frankenberger Hartmut Kaufmann (62) allerdings hat einen über Jahrzehnte geschulten Blick, nahm das in tonigem Kalkstein eingebettete Fossil zu Hause unter die Lupe – und erkannte: So etwas hat wohl noch niemand zu Gesicht bekommen. Das spiralförmig gewundene Tierchen war einmal ein sogenannter „Kopffüßer“. Solche urigen Meeresbewohner gibt es bis heute unter dem Namen „Nautilus“. Die Weichtiere leben in einer vorderen Wohnkammer, dahinter wendelt sich das Gehäuse immer enger bis zum „Nabel“. Leitfossilien für Forscher In der Erdgeschichte spielen ähnliche Arten als „Ammoniten“ eine bedeutende Rolle, denn sie sind vielfach sogenannte Leitfossilien, um das Alter von Gesteinsschichten zu bestimmen. Sehr alte Vertreter der Ammoniten sind dabei die „Goniatiten“, die in rund 400 bis 250 Millionen Jahre alten Schichten zu finden sind. Das reicht vom Erdzeitalter des Devons bis zur Grenze von Perm und Trias. An diesem Übergang zwischen Erdaltertum (Paläozoikum) und Erdmittelalter (Mesozoikum) vor rund 250 Millionen Jahren ist ein Großteil der damaligen Tierwelt ausgestorben. Ganz ähnlich wie beim viel jüngeren Einschnitt vor rund 65 Millionen Jahren am Ende der Kreidezeit, als die Dinosaurier ausstarben. Klimawechsel, Meteoriteneinschlag, vielleicht beides? Das Rätselraten der Wissenschaftler, was nun genau die Ursachen für solches Massenaussterben waren, ist noch immer groß. Just an der Perm-Trias-Grenze vor rund 250 Millionen Jahren liegt beispielsweise das Gestein der weltweit bedeutenden Fundstelle „Korbacher Spalte“. An fossilen Knochen- und Zahnresten erschließt sich in einem Steinbruch der Hansestadt eine skurrile Tierwelt, die bis vor 20 Jahren nur aus dem südlichen Afrika bekannt war. Ende der 1980er- bis Mitte der 1990er-Jahre war hier auch Hartmut Kaufmann aktiv. Forscher des Naturkundemuseums Karlsruhe wussten um Kaufmanns erstklassige Kenntnisse der heimischen Erdgeschichte. Im Berufsleben ist der Diplom-Ingenieur im Bauamt der Stadt Frankenberg beschäftigt, in seiner Freizeit befasst er sich seit über 40 Jahren mit Paläontologie. Geologen werfen den Blick auf Alter und Beschaffenheit von Gesteinsschichten, Paläontologen haben dagegen die versteinerte Tier- und Pflanzenwelt im Visier. Um die nötigen Erkenntnisse zu gewinnen, gibt es zwischen beiden Wissenschaften ein intensives Wechselspiel. Denn oft sind es gerade die eingebetteten Fossilien, die auf das Alter der Erdschichten schließen lassen. Mit Stacheln bewehrt Damit richtet sich der Blick wieder auf Kaufmanns bislang einzigartiges Fundstück: „Armatites kaufmanni“ ist eine besondere Art der Goniatiten, stammt aus Schichten des Oberdevons und ist etwa 370 Millionen Jahre alt. Besondere Gesteine aus dem Erdzeitalter des Devons sind hierzulande sehr bekannt – der dunkle Dachschiefer aus dem Upland beispielsweise. Auf den Feldern der „Ense“ zwischen Bad Wildungen und Braunau geht Hartmut Kaufmann derweil bei farblich sehr unterschiedlichen Gesteinen auf die Suche – natürlich „außerhalb der Vegetationszeit“. Entdeckungen im Geopark Vor rund zwei Jahren war er dort mit Norbert Panek unterwegs, Leiter des heimischen Geoparks „Grenzwelten“. Kaufmann liebt die Reviere der Erdgeschichte: „Unsere Heimat gibt so viel her. Hier erschließt sich ein geologischer Zeitraum von 400 Millionen Jahren“, betont der Hobby-Paläontologe. Die versteinerten spiralförmigen Goniatiten wecken dabei besonderes Interesse bei Hartmut Kaufmann. Die „Armatites“ darunter, also gepanzerte, bewehrte Tiere, sind besondere Formen dieser Goniatiten. Hunderte unterschiedlicher Arten hat er in seiner Sammlung und ist damit auch unter Hochschulprofessoren ein anerkannter Experte. Aufbewahrt in Berlin Das Fossil, das er vor zwei Jahren im Revier bei Bad Wildungen entdeckte, gab er zur genaueren Analyse weiter an Dr. Dieter Korn vom Museum für Naturkunde in Berlin. Denn nirgendwo in der einschlägigen Fachliteratur hatte Kaufmann einen Hinweis auf ein solches Stück gefunden. Korn veröffentlichte im Frühjahr 2014 darüber einen Fachartikel im Neuen Jahrbuch für Geologie und Paläontologie (Abhandlungen). Ergebnis: Es ist in Deutschland der erste fossile Fund eines solchen Tieres mit ausgeprägten seitlichen Stacheln an der Wohnkammer des schneckenförmigen Gehäuses. Somit trägt diese bei Bad Wildungen gefundene Art nunmehr den Namen „Armatites kaufmanni“. Seine neue Heimat hat der mit Stacheln bewehrte Kopffüßer aus dem Waldecker Land inzwischen im Berliner Naturkundemuseum gefunden. (Jörg Kleine)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare