„Leben in unserer Region“ · Aus Rhoder Gärtnerhaus wird altersgerechtes Atelierhaus · Hausfest am 13. Mai

Neuer „Maßanzug“ für altes Haus

- „Sie haben dem Haus nichts von seiner Geschichte genommen, sondern fügen ein neues Kapitel hinzu“, lobt Kreisdenkmalpfleger Walter Schumann bei seinem Besuch im Gärtnerhaus der Familie Beisinghoff. In Rhoden ist das Kapitel Altbausanierung allerdings bald schon Geschichte.

Von Natalie Volkenrath

Diemelstadt-Rhoden. Die laut Schumann „überzeugende Verbindung von modernen mit alten Bauteilen“ macht den Umbau des Gärtnerhauses zu einem beispielhaften Bauvorhaben. Im März hatte die Jury der Gemeinschaftsaktion „Leben in unserer Region“, an der WLZ-FZ, Landkreis und Sparkasse Waldeck-Frankenberg beteiligt sind, vier Modellprojekte ausgewählt – darunter das 1910 erbaute Haus in unmittelbarer Nähe des Kulturdenkmals „Lustgarten“.„Mein Großvater Johannes Görg hat das Haus gebaut, das seitdem in Familienbesitz ist“, berichtet Rudolf Beisinghoff. Als seine Mutter 2002 stirbt und seine Tante 2008 ins benachbarte Altenheim umziehen muss, ist die Zukunft des stattlichen Gebäudes fraglich. Beisinghoffs müssen sich zwischen ihrem „wunderschönen Jugendstilhaus in Südhessen“ und dem Geburts- und Elternhaus in Rhoden entscheiden – laut Rudolf Beisinghoff eine „wirtschaftliche und emotionale Überlegung“.

„Treibende Kraft“

Obwohl Barbara Beisinghoff eine international anerkannte Künstlerin ist, fällt die Entscheidung Ende 2009 für Nordhessen. Schwiegertochter und Architektin Adele Beisinghoff (München) erarbeitet bis zum ersten Gespräch mit Kreisdenkmalpfleger Schumann im März 2010 eine Kostenschätzung. „Sie will sich auf Altbausanierung spezialisieren und ist bis heute eine wichtige treibende Kraft“, betont Beisinghoff. „Im Geist hat sie das Haus längst fertig“, ergänzt Schumann mit Blick auf das Holzmodell, das Adele Beisinghoff angefertigt hat. „Für die noch fehlende Veranda, die durch Rundbögen den alten Charakter bekommen soll, haben wir allerdings noch keinen Auftrag vergeben“, berichtet der Bauherr. Auch hier sollen sich Vergangenheit und Gegenwart treffen: Modern verglast, nutzen Beisinghoffs die Veranda künftig als Wintergarten.

Energie sparen

Die Veranda und die Außenanlagen sind allerdings die einzigen Orte, an denen im Warburger Weg nicht gewerkelt wird. „Am 13. Mai feiern wir mit allen, die uns unterstützt haben, ein Hausfest und Ende Mai wollen wir einziehen“, blickt Beisinghoff voraus. Derzeit lebt er provisorisch im ehemaligen Stall. Den hatte seine Frau bereits vor zwei Jahren zum lichtdurchfluteten Atelier umbauen lassen.

Arbeit am Modell: Bauherr Rudolf Beisinghoff (l.) und Kreisdenkmalpfleger Walter Schumann im künftigen Atelier

Zum Einzug bereit waren zuerst die Räume im Dach- und im ersten Obergeschoss. Unter dem frisch gedeckten, mit Mineralwolle wärmeisolierten und Solarzellen versehenen Dach, das von einer schmucken Kombination aus alten und neuen Balken gestützt wird, lädt eine kleine, helle Wohnung zum Abschalten ein. Die schmale Stiege hinauf auf den ehemaligen Dachboden ist einer großzügigen Holztreppe gewichen. Die eigenen Kinder und befreundete Künstler sollen sich hier wohlfühlen. „Die energetische Sanierung war unser wichtigster Ausgangspunkt, an dem sich vieles entwickelt hat“, betont Beisinghoff.

Energie sparen sollen auch die neuen, aber am historischen Vorbild orientierten Fenster, die Innendämmung mit gold-braunem Lehmputz sowie eine Zwischenwand, die in den hohen Flur eingezogen wird. „Der Grundriss ist aber geblieben“, hebt Schumann hervor. An nur wenigen Stellen haben Handwerker Trockenbauwände aufgestellt, um zum Beispiel Bäder abzutrennen.

Aus Alt mach Neu: Im Erdgeschoss entsteht ein Pressenraum für Künstlerin Barbara Beisinghoff. Stahl verstärkt den Boden.

Eine neu eingezogene, verglaste Gaube beschert dem Ehepaar aus dem Schlafzimmer direkten Blick auf den Lustgarten. „Einige Einheimische hatten Angst, dass wir das ganze Haus verändern, aber ich bin mir sicher, dass sie keinerlei Veränderungen erkennen werden – zumal es sich nicht um ein Ferienhaus, sondern weiterhin um ein Haus zum Wohnen und Arbeiten handelt“, erklärt Beisinghoff.

Wohnen und Arbeiten

Im Obergeschoss verfügt die Familie über Schlaf-, Bade-, Gäste- und zwei Arbeitszimmer. Die neue Wand im Flur trennt diese von den unteren Räumen ab, in denen Wohnen und Arbeiten eng einhergehen. Neben dem Atelier im ehemaligen Stall entstehen im Erdgeschoss Werkstatt und Pressenraum für Barbara Beisinghoff. Da die Presse, die sie für ihre Wasserzeichen-Kunst benötigt, zwei bis drei Tonnen wiegt, wird der Boden dort mit Stahl verstärkt. „An zwei, drei Stellen im Haus werden wir auch etwas mit hinterleuchteten Wasserzeichen machen“, weckt Rudolf Beisinghoff Schumanns Neugier. Aus dem alten Gärtnerhaus wird damit Bauabschnitt für Bauabschnitt ein modernes Atelierhaus.

Gleich neben dem Pressenraum bleiben Wohnzimmer und Küche erhalten. Freigelegte Balken statt Wände und große Fenster verleihen dem Wohnbereich allerdings ein modernes Ambiente. Die lange Zeit unter Teppich versteckten Holzdielen und der stattliche Kachelofen wecken nicht nur beim Bauherrn Erinnerungen an vergangene Zeiten.

Kunst im Lustgarten

Beisinghoffs legen bei der Sanierung jedoch nicht nur Wert auf die Verbindung von Alt und Neu, sondern denken auch ans eigene Alter: „Die sanitären Anlagen haben wir alle bereits behindertengerecht geplant.“ Durch einen schicken Jura-Stein mit besonders vielen Einschlüssen wirken die Räume aber alles andere als altbacken.

„Die Identifikation des Bauherrn mit dem Objekt gibt diesem Haus die individuelle Note“, würdigt Schumann. „Sie haben dem alten Haus einen neuen Maßanzug angelegt.“ Die Sanierung sei eben ein Familienunternehmen, lächelt Beisinghoff und nennt ein Beispiel: „Immer wenn Adele hier ist, passt meine Frau in München auf die Enkel auf.“ Ein ebenso großes Lob wie für seine Lieben hat der Bauherr für die Handwerker aus der Region Rhoden und der westfälischen Nachbarschaft parat. Imponiert hat ihm zum Beispiel der „sehr feinfühlige“ Umgang der Tischler mit ihrem Werkstoff Holz.

Baubesprechung: Rudolf Beisinghoff (r.) und Walter Schumann nehmen die offenen Wohnräume mit historischem Kamin in Augenschein. Sie sind bereits mit Lehmputz gedämmt.

Einen Wunsch hat Kreisdenkmalpfleger Schumann kurz vor Abschluss der Sanierung dann aber doch noch: Er schlägt vor, den ehemaligen Lustgarten der Fürsten mit der Künstlerin zu einem Park umzugestalten – und den Waldeckern damit ein noch schöneres „Leben in unserer Region“ zu bescheren.

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