Pädagogische Fachtagung der GEW im Bürgerhaus · Kritik an hoher Arbeitsverdichtung für Lehrer

„Nicht atemlos durch den Schullalltag“

Korbach - „Möglichkeiten der Entschleunigung“ in Schule und Unterricht behandelten am Donnerstag die Referenten einer pädagogischen Fachtagung im Bürgerhaus. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte dazu eingeladen.

„Nicht mehr länger atemlos durch den Schulalltag“: Mit diesem Ziel waren rund 40 Lehrerinnen und Lehrer der Einladung der GEW-Kreisvorsitzenden Jutta Hellwig gefolgt. Lösungsvorschläge, die Arbeitsbedingungen an den Schulen zu verbessern, unterbreiteten die beiden Referenten: Die Kasseler Professorin Dorit Bosse, Fachgebiet Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Gymnasiale Oberstufe, und Norbert Lange (Kassel), Organisationsentwickler und „Entschleunigungs-Coach“.

„Wie soll ich das alles schaffen?“ Mit dieser Frage beschäftigen sich viele Lehrer bereits nach wenigen Tagen, wo doch noch viel Elan und Vorfreude auf die pädagogische Arbeit vorhanden sein sollten. Das Pensum an zusätzlichen und oft von außen an die Schule herangetragenen Aufgaben scheint Jahr für Jahr zuzunehmen. Und alles muss in noch kürzeren Zeitabständen erledigt werden. Für die Gewerkschaft GEW steht fest: Die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich zusehends. Schon die Verdichtung der Aufgaben in der ersten Schulwoche lasse sich auch durch eine optimale Vorbereitung der Schulzeit schon in den Sommerferien nicht verhindern.

Viele Baustellen

Warum haben Lehrerinnen und Lehrer also häufig schon am Ende der zweiten Schulwoche den Eindruck, dass die Erholung durch die sechswöchigen Sommerferien, nicht mehr spürbar ist? Aus welchen Gründen beschleicht sie so schnell wieder das Gefühl von Ausgebrannt- und wieder Eingesperrtsein?

Es liegt an den vielen Baustellen, sagt Dorit Bosse und präsentiert eine sehr lange Liste, die vom kompetenzorientierten Unterricht über Inklusion bis zur Schulsozialarbeit reicht. „Lehrer müssen ständig mehr und neue Aufgaben übernehmen“, erklärt die Professorin. Die Reformintervalle werden immer kürzer und die Gestaltungsspielräume immer eingeschränkter. Die Verantwortung werde nach unten verschoben, jede einzelne Schule, jede Lehrkraft verantwortlich gemacht. Ob dies alles zu einer Qualitätsverbesserung führt, bezweifelt die Professorin.

Der Lehrerberuf ist laut Dorit Bosse einer derjenigen mit der höchsten sozialen Interaktionsdichte. Je mehr Aufgaben hinzu kommen, desto häufiger treten deshalb Konflikte auf. Ein entsprechendes Training werde selten angeboten.

Forschungsbefunde kämen zu eindeutigen Ergebnissen, schildert die Referentin. Als belastend am Lehrerberuf werde empfunden, „die hohen persönlichen Ansprüche mit den objektiven Anforderungen und Schwierigkeiten im beruflichen Alltag in Einklang zu bringen“. Die psychischen Belastungen gelten als überproportional hoch im Vergleich mit anderen ebenfalls psychisch belastenden Berufen. Ob berufliche Anforderungen „als bewältigende Herausforderungen oder aber als Bedrohung wahrgenommen werden“, hänge von den „persönlichen Bewältigungsressourcen“, Lösungsstrategien und Kraftquellen ab. Zu den „vier Wege der Entlastung“ zählt die Professorin etwa die „gelassene Beachtung der eigenen Gefühle und Gedanken“ oder „hilfreiche Gewohnheiten, sich von unvermeidlichen Belastungen zu erholen.“

„Beschleunigungs-Wirbel“

Mehr zur Taktik der Entschleunigung erläuterte im Anschluss Norbert Lange. Seine Denkanstöße und Lösungsansätze wurden intensiv diskutiert. Der gebürtige Wuppertaler studierte Wirtschaftsinformatik und Evangelische Theologie und arbeitet seit 1998 als Kommunikations- und Teamtrainer.

Lange definiert den „Beschleunigungs-Wirbel“ als Folge des parallel mit der Globalisierung einsetzenden sozialen Wandels: Das Lebenstempo steige mit der Zahl der zu bewältigenden Handlungszusammenhänge. Häufig steckten die Betroffenen überdies auch in einem gefährlichen Dilemma: Das Bemühen, Atem zu holen, werde zur zusätzlichen Belastung und bereite noch mehr Stress.

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