Zweiter Teil des Erfahrungsberichts eines WLZ-Redakteurs

Plastikfasten: Sauber geht auch ohne Plastikmüll

Abzapfen, nicht bloß einpacken: Marion Strotmann, stellvertretende Ladenleiterin des Kleeblattladens im Korbacher „Corvita“, an der Unverpackt-Station. 

Bad Arolsen. Kosmetikdöschen, Shampooflaschen, Seifenspender: Was den Menschen sauber und rein macht, ist in der Regel in Plastik gehüllt. Und enthält oft genug auch noch Mikroplastik. Das Zeug ist Land- und Meerplage, es gibt aber längst Produkte ohne. Auch viele Verpackungen lassen sich einsparen. Wie, das schreibt WLZ-Redakteur Gerhard Menkel im zweiten und letzten Teil seines Erfahrungsberichts zum Thema Plastikfasten.

Weiterer Schwerpunkt: Lebensmittel unverpackt einkaufen. Es gibt Angebote, aber sie sind überschaubar oder zu weit weg. Oft ist Verzicht die einzige Alternative. Oder der Griff zur Kunststoffverpackung. Wobei: Plastik gleich böse, diese Gleichung geht auch nicht auf.

Die Basics der Körperpflege sind fast plastikfrei zu haben

Am 38. Tag unseres Plastikfastens mache ich Tabula rasa im Bad. Nach dem Erststudium einer BUND-Liste von Pflegeprodukten und Kosmetika, die Mikroplastik enthalten, hatte ich mich bei den Guten gewähnt: Haben wir alles nicht. Pustekuchen. Nach gründlicher Inspektion der Inhaltslisten auf Flaschen und Tuben im Bad entsorge ich Zeugs, das schon länger im Badezimmerschrank herumlungert (Sonnenmilch, Schaumbad, Körperlotion, so etwas) in den Restmüll. Damit es verbrannt wird. Die thermische Verwertung ist in diesem Fall die sinnvollste Art und Weise, mit dem Problem umzugehen.

Verschwendung? Mag sein. Aber die Gefahr für die Umwelt ist real. Ansonsten ersetze ich, ersetzen wir nach und nach Shampoo und Schaumduschen konsequent durch Seifen, die mit einem Minimum an Verpackung auskommen; ich probiere Zahntabletten anstelle der Zahnpasta aus (gewöhnungsbedürftig); besorge plastikfreie Wattestäbchen und Zahnbürsten aus Bambus; und wenn die Zahnseide alle ist, kommt solche ohne Kunststoff ins Haus.

Die Basics der Körperhygiene sind fast plastikfrei zu haben, das lässt sich am Ende der Fastenzeit sagen. Die Ersatzprodukte sind freilich oft teuer – sie stammen in der Regel aus der Bioecke, die Hersteller verwenden natürliche Rohstoffe. Die rund 300 Zahnputztabletten etwa kosten im Online-Handel 11,55 Euro. Damit kann ich mir 150 Tage lang die Zähne putzen. Zahnpasta für den gleichen Preis würde länger reichen.

Waschmittel selber herstellen kann ganz leicht gehen

Auch die Wohnung lässt sich sauberhalten ohne Batterien von Putzmittelchen in Plastikbehältnissen. Ich hatte schon vor längerer Zeit bei einem Crowdfunding-Projekt Alternativen bestellt: „Sauberkasten“ aus Leipzig verschickt das Equipment, um Reiniger und Waschmittel selber herzustellen.

Das kleine Unternehmen liefert die Zutaten (Kernseife, Soda, Zitronensäure, Natron, Essigessenz, ätherische Öle) in, laut Deklaration, zu hundert Prozent kompostierbaren Beuteln, dazu idiotensichere Rezepte (in meinem Fall nicht ganz unwichtig), um zu fabrizieren, was der Mensch im Haushalt braucht oder meint zu brauchen – vom Spülmittel über Vielzweck- und WC-Reiniger bis zum Spülmaschinenpulver. Das Ziel des Projekts ist es, Verpackungsmüll aus Plastik zu sparen.

Pulver, Vielzweckreiniger und Waschmittel haben wir hergestellt. Die Ergebnisse sind nicht schlechter als bei herkömmlichen Produkten.

Unverpackt: Gutes Angebot in Kassel, ein kleines in Korbach

Schwieriger gestaltet sich der plastikfreie Einkauf von Lebensmitteln. Milch und Eier holen wir beim Bauern am Ort, Kaffee und Tee in der Rösterei. Ansonsten ist der Kompromiss ständiger Begleiter, der große Wocheneinkauf verteilt sich auf mehrere kleine – und immer wieder greife ich doch zum Verpackten: Sojaprodukte etwa sind partout nur im Kunststoffbecher oder im Tetrapack zu haben (man könnte sie selber machen), Toastbrot nur in der Folie. Die Liste ließe sich beliebig verlängern – solange man nur im Supermarkt einkauft.

Der Autor mit dem „Sauberkasten“. Die Box enthält Zutaten, um Wasch- und Reinigungsmittel selber herzustellen. Ideal fürs Plastikfasten.

In der zweiten Woche steuere ich die „Butterblume“ in Kassel an, laut Eigenwerbung Nordhessens einziger Unverpackt-Laden. Die Betreiberin hat in zahlreiche große Lebensmittelbehälter („Bulk Bins“) investiert, aus denen die Kunden Schüttgut wie Linsen, Nudeln Müsli, Reis, Cornflakes nach Bedarf in mitgebrachte Gläser und Dosen abzapfen können. Kleine Schaufelbehälter stehen für Gewürze, Kaffee, Dörrobst, Zucker, Salz etc. parat (und auch Nachfülltanks für Waschmittel oder Shampoo). Daneben hält der Markt das übliche Bio-Sortiment auch verpackt vor.

Das Prozedere: Die mitgebrachten Gläser und Dosen werden gewogen, das Gewicht auf den Boden gekritzelt, anschließend kann man die Behältnisse füllen. Danach wieder abwiegen. Dauert ein bisschen. Ich habe während der „Fastenzeit“ dreimal in der Butterblume eingekauft. Einmal bin ich nur dafür nach Kassel gefahren. Aber 80 Kilometer Autofahrt für einen Einkauf, das ist keine Alternative.

Ein kleines Unverpackt-Angebot hält der Kleeblattladen in Korbach vor: Ich fülle regelmäßig Müsli, Professorenfutter oder Sultaninen, auch Linsen, Reis und Nudeln ab. Das Angebot ist überschaubar: ein halbes Dutzend große Behälter, dazu ein paar kleinere. Das reicht nicht zur Rundumversorgung der Familie.

Auch Großgebinde machen Müll

Wie viel Plastik der Kunde mit dieser Art des Einkaufs einspart, ist nicht leicht ersichtlich. Die Ware muss schließlich verpackt im Laden angeliefert werden, in großen Plastiksäcken zum Beispiel. Auch da entsteht Kunststoffmüll. Ich halte den Ohne-Einkauf dennoch für sinnvoll – eine Großverpackung ist ökologisch besser als viele kleine.

An dieser Stelle muss man vielleicht über Sinn und Unsinn einer Plastik-Nulldiät reden. Dass der Gesamtverband der Kunststoffverarbeitenden Industrie es für einen „schweren, umweltschädlichen Fehler“ hält, nur noch zu Mehrwegverpackungen aus Glas oder zu Verpackungen aus Papier und Karton zu greifen, mag man als bloßen Lobbyismus abtun. Die Begründung jedoch, der komplette Ersatz von Kunststoff durch andere Materialien würde den Energieverbrauch und den Ausstoß an Treibhausgasen erhöhen, teilen auch der Industrienähe unverdächtige Adressen.

Plastikfasten: Weniger Müll zu hinterlassen, ist auch ein Erfolg

So ist laut Freiburger Ökoinstitut die Ökobilanz von Dose und Tetrapack ungefähr gleich. Zudem kann der Energieaufwand beim Transport und bei der Wiederverwertung von Kunststoffen geringer als beim Einwegglas sein. Nicht zuletzt gewährleisten Plastikverpackungen oft die bessere Haltbarkeit von Lebensmitteln.

Plastik gleich böse, diese Gleichung geht nicht auf. Plastik zu vermeiden, Verpackung überhaupt, bleibt dennoch eine zentrale Forderung an bewussteren Konsum. Wir müssen unseren Lebensstil umstellen. Ob uns das gelingt?

Meine Familie und ich haben bei der Aktion Plastikfasten manches gelernt und entdeckt. Plastikfrei einzukaufen aber, so ehrlich muss ich sein, kriegen wir nicht hin. Immerhin hinterlassen wir heute viel weniger Kunststoffmüll als noch vor ein paar Monaten. Und das Ganze ist keine spaßfreie Veranstaltung. Wir machen weiter, ganz gewiss.

Im ersten Teil des Erfahrungsberichts beschreibt Redakteur Gerhard Menkel, auf welche Hindernisse er und seine Familie beim Plastikfasten gestoßen sind. Es ging nicht immer gut, schreibt der WLZ-Mann.

Zur neuen WLZ-Serie "Wir sind dran!"

"Wir sind dran!“ – unter diesem Titel wollen wir in unregelmäßiger Folge diejenigen vorstellen, die vor Ort bewusst anders handeln zugunsten von Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz. Entweder gemeinsam mit vielen anderen – in der Landwirtschaft etwa, beim Einkauf oder der Ernährung – oder auf einem Trampelpfad, der den meisten von uns noch unbekannt ist. Das können Beispiele sein, die jeder (der will), leicht nachmachen kann – Stichwort Müllvermeidung –, aber auch solche, die eher selten sind wie die eigene Geschäftsidee.

„Wir sind dran“ ist auch der Titel eines Buches über den Zustand der Erde auf Grundlage des aktuellen Berichts des Club of Rome (Gütersloher Verlagshaus 2017). Wir möchten informieren, Mut machen und Möglichkeiten aufzeigen für viele kleine Schritte, die letztlich Veränderungen in Gang setzen. Und wir werden Selbstversuche starten und darüber berichten.

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